Es geschieht nicht jede Woche, dass uns in Europa chinesische Filmproduktionen erreichen. Sind es dann aber solch komplexe, eindringliche Werke wie Bi Gans „Resurrection“, darf man sich glücklich schätzen. Sein Science-Fiction-Mammutprojekt, das in Cannes 2025 den Spezial-Preis der Jury gewann, ist ab dem 25. Juni 2026 in den Kinos zu sehen. Und genau jener Ort ist der richtige für diese stimmungsvolle Hymne auf die Lichtspielmagie.

Kritik von Jonas Schilberg

In der Welt von „Resurrection“ darf man nicht mehr träumen

In „Resurrection“ hat die Menschheit ihren Urwunsch erlangt: ewiges Leben. Doch dies zum Preis des Träumens. Ob das dann überhaupt noch Leben sein kann, ist die latente Frage, die nie explizit gemacht wird. Eine namenlose Frau macht sich jedenfalls daran, einen sogenannten Fantasmer aufzuspüren. Diese Kreaturen träumen weiterhin. Und sterben. In Filmen versteckt sich der, den die Frau aufspürt und zu ergründen versucht.

Im Inneren des Fantasmers ist eine Art Projektor, mittels dessen die Frau sein Leben in Form von Träumen erleben kann. Und so auch wir. Etwa vier lange Träume ergeben sich, vier mittellange Geschichten. Das Ergebnis ist nicht nur ein Bekenntnis zum Träumen, sondern vor allem zum Kino als Ort dieser Träume selbst.

Bi Gan streift hierbei durch verschiedenste Genres: Stummfilm, Expressionismus, Noir, Mystery, Gangsterfilm. Jedes Kapitel, jeder Traum, ist völlig unterschiedlich gestaltet. Selbst der Protagonist ist von Kapitel zu Kapitel nicht wiederzuerkennen. Für Ironie ist „Resurrection“ sich dabei nicht zu schade, wenn etwa die Tonfilm-Zeit damit beginnt, dass sich jemand die Ohren aussticht. Durch Referenzen wie einem mysteriösen Koffer oder einem Pappmond verneigt sich der Film mit grotesker handwerklicher Perfektion vor seinem eigenen Medium.

Illusion als Spiegel

Die Kamera evoziert durch ihre visionären Bilder einen Schwebezustand, den die Musik zur ultimativen Trance ergänzt. Waches Träumen ist, was „Resurrection“ auslöst. Die Ambiguität seiner Bilder und Handlungsstränge überhöht das Werk zu einem spirituellen Momentum. Das wohnt seit jeher auch dem Kino inne: Fast wie ein Kirchgang nimmt man in einer Gemeinschaft Platz, um sich den Träumen anderer mit voller Aufmerksamkeit hinzugeben, selbst zu träumen, an der Illusion festhaltend.

Illusionen werden in einem Traum direkt zum Thema gemacht, in dem ein Taschenspieler ein kleines Mädchen zur Zauberkünstlerin machen will. Bis diese so überzeugend den Anschein übernatürlicher Kräfte erweckt, dass sie zum Lösen unmöglicher Aufgaben bestellt wird. So soll sie beispielsweise einen verbrannten Brief lesen. Und tatsächlich liest sie etwas vor. Ob dies dort tatsächlich mal stand oder nicht – da sie es überzeugend tut, ist der Auftraggeber glücklich. So wie wir glücklich sind, wenn sich im Kino/Film ein immersiver Eskapismus auftut, dem wir uns hingeben wollen – genau so lange, wie er glaubwürdig bleibt.

Leben, Tod, Verrat, Liebe: All die großen Themen des Mediums Films, des Lebens überhaupt fließen in „Resurrection“ zusammen. Die Sogkraft schlägt nur manchmal in Zähheit um. Vor allem aber bemerkenswert: Bi Gan denkt Filmkunst weiter. Denn Film, das ist der Palast des bewegten Bildes – der Traumbilder, Trugbilder, Abziehbilder, Spiegelbilder. Nur weil der Film täuscht, kann er träumen lassen. In „Resurrection“ ist genau das in seiner ganzen Form dargestellt.

Spiegel ist der Film stets für Gesellschaft, und so hier konkret für die Geschichte Chinas. Von der „Kulturrevolution“ unter Mao, bis zur Annäherung an den Westen im letzten Kapitel, der hinreißend gefilmten Silvesternacht 1999, deckt Gan große Aspekte des vergangenen Jahrhunderts ab und erhebt seinen Film so zu einem Monumentalwerk, das es mit der Historie, Genres und der Filmkunst zugleich aufnimmt.

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Vergänglichkeit verliert sich nur im Traum

Andrei Tarkowski, ein Vorbild Bi Gans, schrieb über den Film, er sei „versiegelte Zeit“ – er könne Momente konservieren, sie der Vergänglichkeit entziehen. Dieses Thema wird in „Resurrection“ aufgegriffen. Wenn 100 Jahre in zwei Stunden erzählt werden, wenn all diese widersprüchlichsten Momente filmisch widerspruchsfrei festgehalten werden, dann wird klar, dass der reale Moment vergänglich ist, der geträumte jedoch nicht. Und Träumen, das ist nur ein anderes Wort fürs Filmeschauen. Wie ironisch es letztlich doch ist, dass ausgerechnet das Träumen in dieser fiktiven Zukunft verboten ist, die die eigene Unvergänglichkeit beansprucht.

„Du bist nur ein Passant“, singt gegen Ende eine Frau. Ja, wir alle sind Passanten in einer Welt voller Abzweigungen und Einbahnstraßen. Aber die meisten Wege, die können wir eben im Traum beschreiten. Dass dafür nicht einmal Schlaf erforderlich ist, beweist „Resurrection“ auf einzigartige Weise.

Fazit

Mit Reminiszenzen an Genres, Filme und das Kino selbst übersät, entpuppt sich in „Resurrection“ eine ambitionierte Poesie der bewegten Bilder. Gleichwohl etwas Sitzfleisch erforderlich ist und sich die Handlungen der einzelnen Träume nicht alle sofort intuitiv erschließen, kreiert insbesondere die letzte halbe Stunde eine Stimmung, der man sich nicht mehr entziehen will. In Schwerelosigkeit erweitert Bi Gan unser Verständnis vom Sehen und vollbringt so ein Werk, dessen Bilder lange nicht loslassen.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

„Resurrection“: Ab 25.6.2026 im Kino.

Bilder: © 2025 Dangmai – CG Cinema – Arte France Cinema