Martin Scorsese – Ein Leben für den Film

Gemeinsam mit Steven Spielberg, Brian de Palma, George Lucas, Francis Ford Coppola und anderen begründete er in den frühen 70-ern „New Hollywood“. Heute ist es nicht übertrieben zu sagen, er ist der bedeutendste lebende Hollywood-Filmemacher, und einer der wichtigsten US-Regisseure aller Zeiten: Martin Scorsese, der heute, am 17.11.2017 seinen 75. Geburtstag feiert.

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Aus diesem Anlass gibt es auf „Film plus Kritik“ einen Schwerpunkt zu „Marty“, mit einer längeren Übersicht über sein Schaffen und Kritiken zu seinen größten Erfolgen.

 

Das Schaffen des in „Little Italy“ als Sohn sizilianischer Einwanderer aufgewachsenen Scorsese umfasst eine ungemeine Breite: Sowohl thematisch, als auch „filmisch“ (betreffend den Einsatz diverser filmischer Mittel). Am bekanntesten wurde Scorsese für seine „Mafia“-Filme wie „Good Fellas“ oder „Casino“, ebenso als Chronist des halbseidenen, kleinkriminellen Amerikas, dem viele seiner Protagonisten entstammen.

Bei aller Breite und Vielfalt liegt seine größte Leistung aber wohl in der Entwicklung einer unverkennbaren und ungemein kraftvollen Filmsprache, die ihre Wirkung aus schnellen Kamerabewegungen, der Einbeziehung mannigfaltiger filmischer Referenzen, die immer auch Verneigung vor seinen Vorbildern ist, und dem gekonnten Einsatz von Musik zieht. Seine Filme zeichnet ein originärer Stil aus, der vor wütender Bewegung pulsiert, sie sind virtuos choreografiert und inszeniert und steigern ihre Intensität oft gleich wilden Musikstücken.

Bei aller Bekanntheit, bei allem Mainstream-Erfolg blieb Scorsese aber stets seinen Wurzeln treu: Er blieb „Autoren-Filmer“ in bester New-Hollywood-Tradition. Er wählte seine Themen, seine Filme und Produktionen stets selbst aus, suchte nach Möglichkeiten, sie so zu realisieren, wie es seiner filmischen Vision entsprach, und musste kaum Kompromisse mit den Studios eingehen.

Kurze Werkübersicht:

Obwohl, wie erwähnt, vor Allem für seine Mafia-Filme bekannt und gefeiert, deckt Scorseses Euvre ein breites Spektrum ab:

  • Zum einen eben die im Mafia-Milieu angesiedelten Werke, in denen er das abbildet, was er seit Kindheit kennt: Dazu zählen die „Trilogie“ „Mean Streets“, „Good Fellas“ und „Casino“, aber auch „Raging Bull“ und „The Departed“ (2006), der verspätete Oscar-Erfolg.
  • Als zweiter thematischer Schwerpunkt lassen sich „religiöse Filme“ nennen, wie „Kundun“, „Last temptation of the Christ“ oder zuletzt „Silence“, die religiöse Sujets in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen.
  • Drittens drehte Scorsese auch „Komödien“, die meist eher weniger bekannt sind, aber sich durch einen ebenso unverkennbaren wie skurrilen und schwarzen Humor auszeichnen; dazu zählen Filme wie „King of Comedy“, „After Hours“, oder auch „Wolf of Wall Street“, die Kapitalismus-Satire, zugleich einer der größten kommerziellen Erfolge, der ihm die Realisierung des Herzensprojekts „Silence“ ermöglichte.
  • Hinzu kommen – wie selbst von Scorsese so genannte – „filmische Experimente“ wie „Cape Fear“ „Shutter Island“ „Hugo“, in denen er sich an ungewohnten Themen oder Genres probierte – aber stets versucht, den Inhalt auf seinen Stil umzuschreiben.

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Gebrochene männliche Egos:

Vielfach sind Scorseses Filme Studien „gebrochener Helden“, Leidensmänner, fragiler männlicher Egos, die in einer Umgebung, die sie befremdet, prekäre Existenzen führen. Das lässt sich in „Raging Bull“ ebenso erkennen wie in dem unterschätzten „Aviator“, im Kult-Klassiker „Taxi Driver“, aber auch in „The Departed“ oder „Wolf of Wall Street“. Seine (meist) männlichen Protagonisten sind stets Getriebene (ihrer Umwelt oder ihrer eigenen Ambitionen), Suchende, Einzelgänger, die aber trotz ihrer Defizite oft ikonisch erscheinen.

Oft sind Scorseses Hauptcharaktere und Filme von tiefen Ambivalenzen gekennzeichnet, wodurch er sich z.B. von seinem Regiekollegen Spielberg unterscheidet, dessen Charaktere oft etwas zu eindimensional bleiben: Sein Kino erlaubt kein simples „Schwarz-Weiß-Denken“, er bemüht sich stets um Verständnis für Outsider, Kriminelle, diejenigen, die im Leben, oft schuldlos, zu kurz gekommen sind; von ihrer Umgebung schikaniert und zum Äußersten getrieben werden. Darin offenbart sich auch Scorseses Humanismus, und seine christlich-soziale Grundhaltung. Er, der sich selbst als „lapsed catholic“ („gescheiterter Katholik“) bezeichnet, und vor der Regie-Karriere eigentlich Priester werden wollte, vertritt zwar vehement moralische Werte, bittet aber immer auch um Vergebung für die „Sünder“, und Verständnis für die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen.

Fruchtbare Kollaborationen:

Die erfolgreiche und fruchtbare Karriere von Martin Scorsese gründet sich aber auch auf immer wiederkehrenden Kollaborateuren: Am offensichtlichsten in der oftmaligen Zusammenarbeit mit seinen „männlichen Musen“ Robert De Niro und Leonardo Di Caprio, die ihre besten Leistungen unter seiner Regie ablieferten. Aber auch mit den Kameramännern Michael Ballhaus oder Robert Richardson werkte er mehrmals zusammen, Drehbuchautor Paul Schrader schrieb mehrere Entwürfe für seine Filme (wie für „Taxi Driver“ oder „Last Temptation of Christ“). Und mit der Cutterin Thelma Schoenmaker arbeitet er bereits fast sein Beginn der Karriere erfolgreich und ohne Unterbrechung zusammen.

Martin Scorseses Einfluss auf und Bedeutung für den amerikanischen Film und das Weltkino ist unüberschätzbar. Viele junge Filmemacher sehen ihn als Vorbild und er huldigt seinen Vorbildern, Nachfolgern und Zeitgenossen und dem Kino selbst als begeisterter cinephiler, Filmsammler – und großartiger Filmemacher. Happy Birthday, und alles gute zum 75er!

 

Zum Weiterlesen:

Ausführliche Kritik zu „Kap der Angst“: “Kap der Angst” (1991) – Martin Scorsese

Kritik zu „Die letzte Versuchung Christi“: “The last temptation of Christ” (1988) – Martin Scorsese

Filmtipps für Fans:

„Wolf of Wall Street“
„The Last temptation of Christ“ link
„After Hours“
„Cape Fear“
„Mean Streets“
„Kundun“

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