Während das Kino kriselt, floriert das Streaming weiter: Netflix, Disney+, AppleTV+, Prime Video und Co. haben ihre Zielgruppe(n) gefunden und begeisterten auch 2024 mit vielen neuen, sehenswerten Serien. Egal ob (Mini-)Serie oder neue Staffel: Die Streaming-Dienste bewiesen, dass das „Langformat“ inzwischen in so manchen Aspekten dem klassischen Spielfilm überlegen ist. Geschichten lassen sich detaillierter, umfangreicher, tiefgründiger erzählen, gleichzeitig fällt dem Publikum das Schauen in unterteilten Häppchen oft leichter.
Serien haben in den letzten Jahren die Funktion als wohl bedeutendste Erzählform einer vernetzen Menschheit übernommen, wurden auch zum Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen, zum globalen, transkulturellen Medium der Meta-Kommunikation. Was früher Bücher waren, ganz früher Lagerfeuer-Geschichten, das sind heute Serien.
Welche waren die besten Serien des Jahres 2024? Welche 10 Titel sollte man unbedingt gesehen haben? Film plus Kritik verrät es in den Serien-Jahrescharts.
von Christian Klosz
Die besten Serien des Jahres 2024
Platz 10: „3 Body Problem“
8 Folgen, Netflix
Netflix‘ lang angekündigte, ultrateure Event-Serie über eine existenzielle, extra-terrestrische Bedrohung und den Kollaps von Zeit und Raum ist kein Meisterwerk geworden, Kenner der Buchvorlage zeigten sich mitunter enttäuscht. „3 Body Problem“, umgesetzt von den „Game of Thrones“-Machern David Benioff und DB Weiss, ist aber dennoch ein enorm ambitioniertes, interessantes, spannendes Projekt, für das schließlich doch eine 2. Staffel bestätigt wurde. Die Serie verlangt dem Publikum etwas ab, fordert es heraus, wer sich darauf einlässt, wird aber seine Freude daran finden.
Platz 9: „The Sticky“
6 Folgen, Amazon Prime Video
Kanadier sind verrückt nach Ahornsirup. Sogar so verrückt, dass sie es tonnenweise klauen. Davon erzählt die unterhaltsame schwarze Komödie „The Sticky“. Und das Absurdeste daran ist, dass die ganze Geschichte auf einer wahren Begebenheit, dem „Canadian Maple Sirup Heist“, basiert. Die Tatsachen wurden dramaturgisch etwas optimiert, so dass es am Ende ein tölpelhafter Security-Mitarbeiter, ein unfähiger Mafioso und eine von Margo Martindale überzeugend gespielte, verzweifelte „Sirup-Farmerin“ (ihm Mann liegt im Koma, die lokale Sirup-Association will ihr ihre Farm wegnehmen) sind, die den Raub ausführen. Der Auftritt von Jamie Lee Curtis als Mafia-Unterchefin ist wohl der Serien-Cameo des Jahres.
Platz 8: „Monster: Die Geschichte von Lyle und Erik Menendez“
9 Folgen, Netflix
Die Staffel 2 der „Monster“-Anthologiereihe von Ryan Murphy ist nicht nur eine morbide faszinierende Geschichte eines brutalen Mordfalles, sondern auch eine provokative Reflexion über die Genese der Wahrheit. Sie stellt die Frage, wie wir wissen (können), was stimmt und was nicht. Wer ist gut, wer böse, wer Täter, wer Opfer, und wer ist hier das wahre Monster? Am Rande tangiert „Die Geschichte von Lyle und Erik Menendez“ auch die metoo-Debatte und die (Un)Kultur wilder Anschuldigungen, selbsternannter Richter und medial ausgehandelter Gerichtsverfahren. Zum Drüberstreuen gibt es einen phänomenalen Cooper Koch und Javier Bardem als Personifikation der „Banalität des Bösen“, das sich meist hinter schicken Fassaden abspielt. -> Serien-Analyse

Platz 7: „Shrinking“ – Staffel 2
10 Folgen, AppleTV+
Die wohl beste Dramedy des Jahres 2024: „Shrinking“, die Geschichte eines Therapeuten in der Krise (Jimmy Laird = Jason Segel) trägt unverkennbar die Handschrift von „Scrubs“- und „Ted Lasso“-Schöpfer Bill Lawrence, wer seine älteren Serien mag, wird diese lieben. Und sie kann auch in Staffel 2 qualitativ mühelos an die erste anknüpfen. Was „Shrinking“ so besonders macht, ist die emotionale Tiefe, die selbst banalen Sequenzen Bedeutung verleiht: Man kann mit den Figuren mitfühlen, lachen und weinen. Durch die psychologisch kluge und sensible Art, wie die Serie Konflikte darstellt, vermittelt sie auf geradezu nonchalante Weise Lebensweisheiten. Das schauspielere Highlight ist Harrison Ford als Lairds Vorgesetzter: Man hat ihn selten besser gesehen.
Platz 6: „The Madness“
8 Folgen, Netflix
Kaum ein Langformat war heuer politisch zeitgemäßer und relevanter: Ein Nachrichtensprecher (Colman Domingo) gerät durch Zufall in eine Verschwörung, die bis in die höchsten Kreise reicht, auf sich allein gestellt nimmt er es „mit dem System“ auf. „The Madness“ zeichnet das Bild einer zersplitterten, orientierungslosen US-Gesellschaft mit Radikalisierungen auf allen Seiten und im verborgenen agierenden Kräften, die von gesellschaftlichem Zerfall profitieren. Trotz mancher dramaturgischer Schwächen ist „The Madness“ sehenswert, die Leistung von Colman Domingo zählt zu den besten des Serienjahres. -> Serien-Kritik

Platz 5: „Resident Alien“ – Staffel 3
8 Folgen, SyFy Channel / als VOD (Staffel 1 auf Netflix)
Ein Alien landet in einem Kaff im Nirgendwo von Colorado, um im Auftrag seiner Gattung die Menschheit zu zerstören. Dazu nimmt es die Form des lokalen Arztes Dr. Harry Vanderspeigle an, den echten Doktor versenkt er im See. Der Alien-Harry (großartig gespielt von Alan Tudyk) muss sich jedoch erst an die für ihn seltsamen Gebräuche der Menschen gewöhnen. Was klingt wie ein Jugendroman entpuppt sich über die bisherigen 3 Staffeln hinweg als clevere und enorm unterhaltsame Serie mit Herz, Hirn und Humor (Showrunner: der ehemalige „Family Guy“-Autor Chris Sherdian). Unter der schrägen Oberfläche von „Resident Alien“ geht es um nichts weniger als die Frage nach der conditio humana, die aus Perspektive eines Außerirdischen erforscht wird. Dass sogar der Gutes in der Menschheit erkennt, vermittelt bitter nötige Hoffnung.
Platz 4: „Disclaimer“
AppleTV+, 7 Folgen
„Disclaimer“ ist ein von Alfonso Cuaron virtuos in Rückblenden erzähltes Puzzle, in dessen Zentrum eine erfolgreiche Journalistin (Cate Blanchett) steht, deren mühsam aufgebaute Upper Class-Existenz durch ein düsteres Geheimnis aus ihrer Vergangenheit bedroht wird: Ein anspruchsvoller Psycho-Thriller auf höchstem Film-Niveau, bestechend erzählt und stilvoll gefilmt. Und am Ende auch eine Parabel über die Macht der Vergangenheit, der niemand entrinnen kann, über Schuld, Verdrängung und den Umgang mit schmerzhaften Wahrheiten. Die kunstvollste Serie des Jahres 2024.
Platz 3: „Rentierbaby“
7 Folgen, Netflix
„Rentierbaby“ ist die wohl persönlichste Serie des Jahres 2024, Schöpfer, Autor und Hauptdarsteller Richard Gadd legt einen schonungslosen Seelenstrip hin, in dem er laut seinen Aussagen eigene Erfahrungen im Umgang mit einer Stalkerin verarbeitet. Der Stoff ist düster, tragisch-komisch und zeigt einen jungen Mann beim Taumeln in einen Abgrund, den er selbst gewählt hat. Nichts für schwache Nerven, die „Unwohlfühl-Serie“ des Jahres, getragen von morbider Faszination.

Platz 2: „The Lincoln Lawyer“ – Staffel 3
Eine Serie, die tatsächlich mit jeder Staffel besser wird: Die dritte Runde „Lincoln Lawyer“ übertrifft die grundsolide erste und die sehenswerte zweite noch einmal, es gibt nichts, was man an diesem Seriengenuss ändern könnte oder sollte, es ist schlichte Perfektion. Eingebettet in ein vibrierendes L.A., in dem sich Licht- und Schattenseiten die Waage halten, lebt sie von ihren markigen Figuren, von denen Protagonist und Anwalt Mickey Haller heraussticht. Alle Charaktere sind echte „Persönlichkeiten“, die einem irgendwie ans Herz wachsen. Und die durchwegs anspruchsvollen Handlungsstränge, Plottwists und die detailreiche Schilderung des Gerichtsalltags tun ihr Übriges: Die beste Serien-Fortsetzung des Jahres 2024. -> Serien-Kritik
Platz 1: „Aus Mangel an Beweisen“
8 Folgen, AppleTV+
Anwalt Rusty Sabich (Jake Gyllenhaal als nervöses Wrack) wird beschuldigt, seine Kollegin Caroline Polhemus ermordet zu haben. Die meisten seiner ehemaligen Kollegen stellen sich gegen ihn, ebenso die Medien, es bleibt allein seine Familie und Gattin Barbara, die in einen emotionalen Tornado gerät: Denn Rusty hatte eine Affäre mit der Toten, die knapp vor ihrem Ableben wieder aufgeflammt war.
Wem all das bekannt vorkommt, irrt nicht: „Aus Mangel an Beweisen“ ist das Serien-Remake des gleichnamigen Films aus 1990 von Alan J. Pakula. Man mag sich die Frage stellen, ob man sich das auch anschauen sollte, wenn man die Geschichte bereits kennt. Einfache Antwort: Ja. Denn die Macher rund um Serien-Gott David E. Kelley verpassten der Serien-Adaption den heftigsten Twist des Jahres 2024, der nicht nur Rusty Sabich den Boden unter den Füßen wegzieht, sondern auch dem Publikum. Davor gibt es 8 Episoden lang eine hochwertige Mischung aus Justizthriller und aufwühlendem Beziehungsdrama, spannend inszeniert und erzählt. Die beste Serie des Jahres 2024.

Knapp nicht in die Top 10 geschafft:
„Cross“ (Amazon Prime)
„Senna“ (Netflix)
„Ein ganzer Kerl“ (Netflix)
Flop 3: Die schlechtesten Serien des Jahres 2024
„Time Bandits“ (AppleTV+)
„Black Doves“ (Netflix)
„Before“ (AppleTV+)
Die besten Serien-Darsteller 2024
Hauptdarsteller/in:
Alan Tudyk, „Resident Alien“
Colman Domingo, „The Madness“
Harrison Ford, „Shrinking“
Sarah Tomko, „Residen Alien“
Nebendarsteller/in:
Will Patton, „Outer Range“
Jessica Williams, „Shrinking“
Bester Cameo:
Jamie Lee Curtis, „The Sticky“
-> True Crime & Co: Die 10 besten Doku-Formate aus 2024
Info: Unsere Liste mit den 10 besten Filmen 2024 erscheint an gleicher Stelle morgen!
TitelBild: Fotomontage / (c) Netflix bzw. AppleTV

„Shrinking“ ist wirklich großartig. Du weißt sofort, sobald Harrison Ford auftaucht, kommt ein knackiger Oneliner, der Lachflashs produziert. 😀
Und in „Disclaimer“ muss ich wohl doch noch reinschauen…