Während sich eine Vielzahl neuer Serien aus 2024 dem Eskapismus widmeten, befassten sich andere mit aktuellen Themen wie politische Intrigen, Korruption, gesellschaftliche Spaltung und Verschwörungen. Keine tat das aber so eindrücklich wie „The Madness“, die seit Ende November auf Netflix zu streamen ist. Warum die Serie – trotz Schwächen – damit zu den wichtigsten des Jahres zählt, könnt ihr hier nachlesen.

von Christian Klosz

Colman Domingo als Held wider Willen

Autor und Nachrichtensprecher Muncie Daniels (Colman Domingo) will sich eine Auszeit in der Natur gönnen und an seinem neuen Buch schreiben. Doch der Erholungs-Trip endet als Alptraum: Daniels findet seinen Urlaubs-Nachbarn tot und zerstückelt in dessen Sauna, 2 bewaffnete Männer machen Jagd auf ihn, der nun Zeuge eines Verbrechens ist.

Als er sich ins nächste Dorf schleppt und die Polizei informiert, glaubt ihm keiner – und schnell wird er selbst zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall, der sich bald zur Verschwörung auswächst, in die White Supremacy-Aktivisten, ein reicher Tech-Investor und eine dubiose Firma verwickelt sind. Auf sich allein gestellt macht sich Daniels auf die Suche nach der Wahrheit.

„The Madness“ hat ihre Schwächen, aber die hohe Aktualität der Geschichte und die grandiose Darstellung von Colman Domingo machen die Serie trotzdem sehenswert. Kaum ein Langformat war heuer politisch zeitgemäßer und relevanter: Gezeichnet wird das Bild einer zersplitterten, orientierungslosen US-Gesellschaft mit Radikalisierungen auf allen Seiten und im verborgenen agierenden Kräften, die von gesellschaftlichem Zerfall profitieren.

Reflektiert und kritisch befragt wird (radikalisierter) progressiver Aktivismus ebenso wie rechter Rassismus. All diese Phänomene, die in der realen US-Gesellschaft ihre Entsprechungen haben, sind aber in „The Madness“ nur oberflächliches Symptom weitgehend im Verborgenen wirkender, perfider Kräfte, die durch die Firma und einen als heimlichen Chef agierenden Tech-Guru repräsentiert werden: Die Parallelen zu den Elon Musks der Welt sind kein Zufall.

Der Protagonist gerät schuldlos in dieses Netz aus Abhängigkeiten, finanzieller und machtpolitischer Interessen, wird Bauernopfer einer ausgewachsenen Verschwörung. Weil es der einzige Ausweg ist, nimmt er es, ausgestattet mit klarem moralischen Kompass und Idealismus und getrieben von Verzweiflung, mit einem „System“ auf, gegen das er eigentlich nur verlieren kann. Und wird so zu einem Held und Vorbild.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(87/100)

Bild: Netflix © 2024