2 Jahre nach dem Erfolg von „Rentierbaby“ liefert Serienschöpfer und Autor Richard Gadd seinen Nachfolger. Der heißt „Half Man“ und erzählt von (toxischer) Männlichkeit und 2 ungleichen (Stief-)Brüdern und deren komplizierter Beziehung. Der Beginn ist jedenfalls vielversprechend: Die Serie läuft seit 24. April 2026 auf HBO Max, jede Woche wird eine neue Folge veröffentlicht.
Serien-Kritik von Christian Klosz
„Half Man“: Eine weitere Autoren-Serie
„Rentierbaby“ war 2024 ein Überraschungserfolg: Es war nicht zwingend davon auszugehen gewesen, dass eine zutiefst persönliche Antihelden-Geschichte, weird und wenig mainstreamtauglich, autorenhaft geschrieben und umgesetzt, auch in der Masse funktionierten würde. Die Serie tat es und der vorher weitgehend unbekannte Richard Gadd war quasi über Nacht zum Star geworden. Vorreiter einer neuen Generation genuiner Serien-Autoren, die das filmische Langformat als Kunstform verstehen, die darin gleich den großen Film-Auteurs persönliche Geschichten erzählen wollen. Abseits von leichter Streaming-Berieselung für nebenbei oder Algorithmus-gesteuertem Content.
Für sein zweites – nennen wir es Werk – wechselte Gadd von Netflix zu HBO (Max), „Half Man“ ist bei uns seit 24.4.2026 zu sehen, in Großbritannien wird die in Schottland spielende Serie in wenigen Tagen auch bei BBC veröffentlicht. Richard Gadd tritt zwar auch wieder als Darsteller auf (während er im Vorgänger die Hauptrolle gespielt hatte, quasi sich selbst, der einzige Kritikpunkt, den man dort anbringen hatte können), den Großteil der Laufzeit sind allerdings Stuart Campbell und Mitchell Robertson zu sehen, zumindest in der bisher veröffentlichen 1. Folge. Als Erwachsene werden die beiden von Jamie Bell und eben Gadd verkörpert.
Diese beiden Schauspielerpaare geben – einmal als Jugendliche, einmal rund 20 Jahre später – das ungleiche Stiefbrüder-Duo Niall und Ruben. Ihre beiden Mütter (Neve McIntosh, Marianne McIvor) führen eine lesbische Beziehung, im damaligen Working Class-Schottland absolut verpönt. Ruben (Campbell / Gadd) wird gerade aus dem Jugendgefängnis entlassen und zur „Nachbetreuung“ kurzerhand in Nialls (Robertson / Bell) Zimmer untergebracht. Der schüchterne Teenager hat wenig Freude an seinem neuen „Mitbewohner“, der ihm vor allem Angst einjagt.
Doch am nächsten Schultag verteidigt Ruben sein neues „Familienmitglied“ („brother from another lover“ nennt er Niall) gegen dessen ständige Mobber, das ist der Beginn einer brüderlichen Freundschaft dieser beiden ungleichen jungen Männer: Niall hilft Ruben, ein wichtiges Examen zu bestehen; der bedankt sich bei ihm, indem er Niall dessen Entjungferung „vermittelt“ (bei der er selbst anwesend ist…). Zugleich sehen wir die beiden in einem anderen Handlungsstrang, nun erwachsen, an Nialls Hochzeitstag, als Ruben aus dem Nichts auftaucht und ihn zusammenschlägt. Warum das, bleibt vorerst unklar.

„Lohnt sich das?„
Andere Medien titeln über „Half Man“ clickbaitbewusst „So brutal ist die neue Serie des „Rentierbaby“-Erfinders“ oder „Schockierende neue Serie“ (desselben). Auch unfreiwilliger Überschriften-Dadaismus à la „Ich habe die neue Miniserie des Rentierbaby-Machers gesehen und kann euch sagen: Die ist wirklich nicht für jeden geeignet!“ findet man da. In diesen Artikeln wird dann natürlich auch die permanent perpetuierte Frage des aktuellen Online-Film-„Journalismus“ gestellt: Lohnt sich das? Als ob man das nach 1 Folge bereits abschließend beurteilen könnte, als ob man die Qualität eines Formats auf diese komprimierte Formel herunterbrechen könnte.
Es lohnt sich jedenfalls, bei „Half Man“ genauer hinzusehen und der Serie Zeit zu geben, denn sie ist das Gegenteil dessen, was mit dem Begriff „Content“ umschrieben wird; das Gegenteil dessen, was viele aktuelle Streaming-Formate versuchen (und deren Produzenten offenbar fordern): Das Publikum so schnell wie möglich „hooked“ zu machen und dessen Aufmerksamkeit um jeden Preis zu gewinnen und hochzuhalten. „Half Man“ beginnt zwar mit einem (wortwörtlichen und sprichwörtlichen) Schlag in die Magengrube; danach nimmt sie sich ihrerseits allerdings die nötige Zeit, eine Geschichte und ihre Figuren zu entwickeln, deren Weg und Ziel noch relativ unklar bleibt – und das ist gut so.
(Toxische) Männlichkeit, Grenzüberschreitungen und latente Homoerotik
„Half Man“ erzählt von (toxischer) Männlichkeit, allerdings aus „Innenansicht“ und nicht über plakative Floskeln oder Fingerzeige; die Serie erzählt von Grenzüberschreitungen jeglicher Art (auch sexueller), bereits ein zentrales Topos von „Rentierbaby“; von der verursachten emotionalen Ambivalenz, die manche dieser alltäglichen und banal wirkenden Transgressionen mit sich bringen. Und: Von einer Männerfreundschaft irgendwo zwischen Brüderlichkeit, BFF und Homoerotik.
Der Titel „Half Man“, so kann man vermuten, mag vielleicht aussagen, dass die beiden Figuren, jeder für sich, nur „Halbe Männer“ seien: Jedem fehlt eine Hälfte zur Ganzheit, sie ergänzen einander, geben dem jeweils anderen das, das ihm abgeht. Ruben ist ein rüpelhafter Macho, mitunter primitiv, kaschiert seine Unsicherheit mit roher körperlicher Gewalt und Lautstärke, verbreitet Angst. Ein „Täter-Typus“ vielleicht, der aber trotzdem manchmal das Herz am rechten Fleck hat, aus richtigen Motiven heraus handelt (selbst wenn die Methoden fragwürdig sind).

Niall wiederum fehlt jegliches Selbstbewusstsein; er wird in der Schule gemobbt und misshandelt, setzt sich aber nicht zur Wehr, auch weil er nicht weiß, wie, lässt alles über sich ergehen. Er ist intelligent und sensibel, talentiert, weiß aber nicht, was er damit anfangen soll. Auch sind das alles Assets, die in seiner Umgebung nichts Wert sind. Jeder ist für sich nur ein „halber Mann“. Doch gemeinsam vervollkommnen sie sich.
Episode 1 lässt offen, wohin sich „Half Man“ entwickeln wird. Auch, wohin sich seine beiden Hauptfiguren entwickeln werden. In jedem Fall aber macht der Beginn Lust auf mehr: Ein weiteres Autoren-Serien-Format, das etwas zu sagen hat, abseits gängiger Streaming-Logiken.
Fazit
„Half Man“ beginnt vielversprechend: Richard Gadds neue Serie kreist erneut um aus bereits aus „Rentierbaby“ bekannten Themen – Männlichkeit, Grenzüberschreitungen, Gewalt – und setzt sie in neuem Setting interessant und angenehm unbequem um. Ich kann euch sagen: Ich will bitte mehr davon!!1
Bewertung
(88/100)
„Half Man“: Seit 24.4.2026 auf HBO Max.
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Bilder: (c) HBO Max / Warner Bros Discovery
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