Mit „Skin“ präsentierte der israelische Regisseur Guy Nattiv sein Langspielfilm-Debüt bei der diesjährigen Berlinale. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und handelt von einem Aussteiger aus der US-amerikanischen Neonazi-Szene, der von seinen ehemaligen Kumpanen verfolgt und bedroht wird, während er ein neues Leben abseits von White Supramacy – Kult mit seiner Ehefrau und deren Kindern beginnen möchte. Thematisch durchaus interessant, kann „Skin“ die hohen Erwartungen nicht wirklich erfüllen, wirkt etwas grobschlächtig und hölzern in seiner Machart und geht psychologisch zu wenig in die Tiefe.

Bryon Widner (Jamie Bell) ist Mitglied einer Neonazi-Gang in den USA (es wird nie wirklich erklärt, wie er dort gelandet ist). Fred und Shareen Krager (Bill Camp & Vera Farmiga) fungieren als Ersatz-Eltern für Bryon und die anderen Gang-Mitglieder, zumeist gewaltbereite Männer jüngeren oder mittleren Alters, als Anführer des Clans. Bryon beginnt schrittweise, an der Richtigkeit der durch abstruse nordische Symbolismen zusammengehaltenen Ideologie zu zweifeln, die das Leben im Clan prägt, umso mehr, als er Julie Larson und deren Töchter kennen lernt, und sich in sie verliebt. Sie will kein Leben mit einem gewalttätigen Neonazi führen, und stellt Bryon vor die Wahl: Die neue, oder die alte Familie. Bryon trifft eine folgenschwere Entscheidung, versucht, sich von der Nazi-Szene zu distanzieren, doch die Konsequenzen sind fatal…

Jamie Bell als ganzkörpertätowierter Bryon in „Skin“

Laut Regisseur Nattiv wurden 4 ganze Jahre an dem Projekt geschrieben, bevor das O.K. der Produzenten kam – aus Anlass aktueller antisemitischer Vorfälle in den USA. Dass anlassbezogene und deshalb berechnende Finanzierung von Filmprojekten meist kein gutes Omen ist, merkt man auch am Beispiel von „Skin“: Vieles, vor allem die Inszenierung, aber auch und vor allem die Figurenzeichnung, wirkt etwas unausgegoren, oberflächlich und klischeehaft, besondere Virtuosität bei seinem Handwerk kann man dem Regisseur nicht unbedingt attestieren. Wenngleich es nicht das Ziel sein sollte, Neonazis in ein gutes Licht zu rücken, wirkt die Darstellung Nattivs klischeehaft und simplifizierend: Wie selbstverständlich sind alle Mitglieder der Gang weiß, tätowiert, dumm, drogen- bzw. alkoholsüchtig etc. Da hätte man sich doch etwas mehr Sensibilität oder psychologische Tiefe erwartet.


Artverwandtes: „American History X“ hier bestellen:


Erst gegen Ende findet „Skin“ mehr „zu sich“, passt das Timing, und der Film schafft es, so etwas wie Emotion zu transportieren – etwas, das vorher kaum gelungen war. Den Figuren, vor Allem Bryon, wird „Leben“ eingehaucht, sie wirken nicht mehr nur wie plakative Abziehbilder, sondern menschlich, wodurch es zumindest ansatzweise gelingt, die offenbar beabsichtigte Message zu transportieren.

Was lässt sich nun aus dem Film mitnehmen? Die Macher hatten laut eigenen Aussagen eine Parabel über Vergebung und Neuanfang im Kopf, darüber, ob Besserung, Veränderung, Hinwendung zu einem neuen, anderen Leben und „persönliches Wachstum“ möglich sei, und ob denn nicht jeder eine zweiter Chance verdient hat. Sie sahen das (auch) im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen, die Polarisierungen und Kippen in Extreme zu beiden Seiten des politischen Spektrums begünstigen, und wollten mit ihrer Geschichte einer simplen schwarz-weiß-Zeichnung entgegenwirken. Ein an sich hehres Ziel, das aber einfach deshalb nicht erreicht wird, da der Film zu schwach ist, um einen wirklich nachdrücklichen Eindruck beim Seher zu hinterlassen. Schade.

Rating:

56/100

von Christian Klosz

unsere gesamte Berichterstattung von der Berlinale 2019 gibt’s HIER

Werbeanzeigen