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Lange habe ich mich dagegen gewehrt, „Two and a half men“ OHNE Charlie Sheen zu schauen, immerhin war er über 8 Staffeln das Zentrum und der Dreh- und Angelpunkt des Wahnsinns aus Alkohol, Frauen und Dekadenz, der zu einer der erfolgreichsten Serien aller Zeiten werden sollte. Schließlich wurde Charlie Sheen im echten Leben seinem Seriencharakter Charlie Harper immer ähnlicher, bis er schließlich, nachvollziehbarerweise, gefeuert wurde. Staffel 8 schusterte man noch irgendwie zusammen, dann stellte sich die Frage: Wie soll das weitergehen, ohne Sheen, und soll es das überhaupt?

von Christian Klosz

Schließlich fand man mit Ashton Kutcher einen auf den ersten Blick nicht wirklich logischen Ersatzmann: Er mimt Walden Schmitt, einen IT-Nerd Anfang 30, der durch seine Erfindungen zum jungen Milliardär wurde, und vor einer für ihn schlimmen Scheidung von seiner geliebten Ex Bridget steht. Er kauft das nach Charlies Serientod leerstehende Malibu-Strandhaus und lässt Alan vorerst weiter dort wohnen. Damit ist auch schon ein ganz zentraler Plotstrang erwähnt, der mehrere Episoden prägt: Alans Weigerung, oder Unfähigkeit, für sich selbst zu sorgen, und endlich auf eigene Kosten in einer eigenen Wohnung zu wohnen. Der Unterschied zu den 8 Staffeln mit Charlie Sheen/Harper, wo das auch mehrfach Thema war, ist, dass Walden Alan als wahren Freund betrachtet, der ihn in einer schwierigen Zeit unterstützt, und ihn an sich gerne bei sich wohnen hat, während Charlie Alan immer mehr oder weniger als „Plage“ sah, die er nicht loswerden konnte.

Der Charakter Walden hat auch sonst wenig mit Charlie gemein: Er ist nett, höflich, wird von allen gemocht, sorgt sich um seine Mitmenschen und glaubt an die wahre, große Liebe. Gemein haben die beiden eine gewisse Unreife, wie Charlie auch ist Walden ein „großes Kind“, das immer jemanden braucht, der auf ihn aufpasst. Allerdings ist das bei seinem jungen Alter eher nachvollziehbar, und seine Unreife wirkt sich auf andere Weise aus als bei seinem Vorgänger. Auch Walden ist erfolgreich, allerdings scheint er im Vergleich zu Charlie wirklich zu wissen, was er tut.

Dass sich ebendieser Charakter so gut in das ansonsten unveränderte Setting einfügt, überrascht am meisten. Vielleicht funktioniert das gerade deshalb, weil die Macher um Chuck Lorre gar nicht erst versucht haben, einen „Charlie 2.0“ zu kreieren, was vermutlich ohnehin nicht geklappt hätte. Jedenfalls ist Ashton Kutchers Walden sympathisch, und man schließt ihn schnell in sein Herz.

Alan (John Cryer) bekommt in der 9. Staffel eine größere Bühne als zuvor, wo er vor allem Nebenfigur und Sidekick war. Er ist nun gleichberechtigte Hauptfigur, gemeinsam mit Walden. In seinem Leben hat sich wenig geändert, er ist immer noch der selbe, unglückliche Tollpatsch, der von einer Katastrophe in die nächste stolpert. Inzwischen ist er zu einem Zyniker geworden, der das eigene, ständige Scheitern mit Humor nimmt, und über sich selbst lachen kann, einige der „düstereren Charaktereigenschaften“ wurden ihm von Charlie übertragen, damit Walden daneben als stets gut gelaunte, positive und etwas naive Frohnatur besser zur Geltung kommt.

Alles in allem funktioniert das alles ganz gut, qualitativ befindet man sich auf dem selben Niveau wie der schlechteren Staffeln der Charlie Sheen-Ära (wie etwa die Staffeln 6 oder 7), aber der Komplettabsturz bleibt aus. Mich hat das selbst am meisten überrascht, da nach Kutchers Einsteig die Quoten sanken und die Kritiken durchwegs eher mau waren, was weitere Gründe für meine bisherige Weigerung waren, die Staffeln 9-12 anzuschauen. Wie so oft ist man danach klüger: Wer den Humor von „Two and a half men“ mag, wird auch hier bedient, denn das Autoren- und Regie-Team ist weitgehend das selbe, man kann sich weiterhin an gut geschriebenen und flotten Dialogen, lakonischem Humor und jeder Menge Frauengeschichten der Protagonisten erfreuen. Wem das schon zuvor zu seicht war und wer den Erfolg der Serie auch bisher nicht nachvollziehen konnte, der wird auch hier wenig Freude haben.

Bewertung

7 von 10 Punkten (73/100)