Überraschung auf Netflix: Die am 9.2.2026 gestartete, bei uns bisher völlig unbekannte Action-Comedy „London Calling“ mit Josh Duhamel setzte sich direkt auf Platz 1 der Netflix-Charts, ist also der aktuell meistgesehene Film. Nachvollziehbar ist, warum dieses rüde B-Movie als belanglose Unterhaltung zieht. Doch das Werk von Regisseur Allan Ungar, der mit „Bandit“ zuletzt einen recht beachtlichen Genrefilm (auch mit Duhamel) herausgebracht hatte, ist auf mehreren Ebenen problematisch.
Kritik von Christian Klosz
„London Calling“ – Die Handlung Tommy Ward (Josh Duhamel – „Buddy Games“), ein mittelmäßiger Auftragskiller aus den USA, den es nach London verschlagen hat, vermasselt einen Job spektakulär: In einem Nachtclub erschießt er versehentlich den entfernten Verwandten des mächtigen Gangsterbosses Freddy Darby (Aidan Gillen) – seine Sehstärke lässt zunehmend zu Wünschen übrig und er verwechselte das Ziel, das bei der Mottoparty eine Esel- statt einer Pferdemaske trug.
„London Calling“: Der Schläger und der Nerd
Um der erwartbaren Rache zu entkommen, flieht Tommy nach Los Angeles und lässt seinen Sohn in London zurück (bei der Ex-Frau, die neu heiratet). Dort heuert er bei seinem neuen Boss an, Benson (Rick Hoffman), ein zynischer Krimineller voller toxischer Macho-Energie. Um sicher zurück nach London zu seinem Sohn zu gelangen, schließt Tommy einen Deal: Er muss Bensons sozial unbeholfenen, nerdigen Teenager-Sohn Julian (Jeremy Ray Taylor) „zum Mann machen“ – sprich: ihn als Lehrling auf seinen nächsten Auftrag mitnehmen. Der Job: Einen berüchtigten Killer erledigen.
Wenig überraschend bricht bald totales Chaos aus, überall dort, wo das ungleiche Duo auftritt: Wilde Verfolgungsjagden und Schießereien werden nur unterbrochen von Vater-Sohn-Momenten zwischen Julian und Tommy, der plötzlich seine „weiche Seite“ entdeckt, während Julian auf der Suche nach dem „harten Kerl in sich“ ist.
„London Calling“ – Kritik Ein kurzer Blick auf die Handlung macht recht schnell klar, dass man von diesem Film nur wenig Neues zu erwarten hat. Versatzstücke aus Gangsterfilm, Buddy-Comedy und Actionthriller wurden hier von den Drehbuchautoren ineinander geschachtelt. Doch das ist nicht das Problem an Allen Ungars Werk, es gibt genügend Beispiele, wie kleinere Produktionen innerhalb eines Genre-Korsetts erfolgreich sein können, wenn nur das Handwerk ordentlich ausgeführt wird (nicht zuletzt Ungars „Bandit“ ist solch ein Fall).
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Klischees über Klischees
Auch am Handwerk liegt es nicht, das beherrschen Regisseur und sein Team, zwar nicht virtuos, aber solide genug, um diesen Film und seinen simplen Plot zu wuchten.
Problematisch an „London Calling“ ist zu einem seine tonale Unbedarftheit, vor einigen Jahren nannte man das „tone deaf“. Das Drehbuch baut auf zahlreiche alte Tropen, arbeitet mit öden Klischees, die hart an der Grenze des Erträglichen sind: Die Figur Julian wird als „Nerd“ so porträtiert, wie ihn sich wohl Schlägertypen vorstellen. Seine Nerdigkeit wird nicht als etwas Liebevolles dargestellt, das seine Persönlichkeit ausmacht, sondern eben völlig banalisiert (er liebt kostümierte Fantasy-Spiele, ist sozial gänzlich unbeholfen, dicklich, sitzt zu Hause nur vor dem PC, auf dem er sich Pornos mit Bärenkostümen anschaut).
Zwar lässt sich auch nicht sagen, dass „London Calling“ sein Nerd-Sein verurteilen und eine konträre, „wahre Männlichkeit“ glorifizieren würde. Das Problem ist schickt die völlige Beliebigkeit und Oberflächlichkeit in der Figurenzeichnung.
Die betrifft im Übrigen alle Figuren: Tommy steht auf schnelle, alte Autos, hat ein Kind mit einer Frau, die ihn hasst (und nun ein „Weichei“ heiraten will, das Tommy wiederum verachtet), er vernachlässigt seinen Sohn konsequent – Fertig ist der im Leben gescheiterte Gangster, der sich bessern möchte, aber durch seine eigene emotionale Trägheit und Beschränktheit ständig darin versagt. Und Julians Dad ist ein chauvinistischer Macho-Gangsterboss, der seinem Sohn in jedem Moment klar macht, was für ein verweichlichter Versager er nicht ist und wie enttäuscht er duch seine bloßen Existenz ist.
Ohne Moral wird es banal
Das Problem ist, dass „London Calling“ nicht klar macht, wie der Film zu seinen Figuren steht. Es wirkt so, als wären ihm all seine Figuren letztendlich egal. Selbst die Protagonisten machen im Grunde keine Entwicklung durch, sie stagnieren weitgehend. Man könnte das auch „fehlende Moral“ nennen. Oder schlicht ein extrem krudes Weltbild (der Autoren, des Regisseurs), dem jegliches Fingerspitzengefühl fehlt oder nicht zu unterscheiden vermag, was nun „gut“ und „böse“ ist. Um die Grauzonen erzählerisch ausloten zu können (so wie das Klassiker wie „Taxi Driver“ meisterhaft tun), muss der Urheber erst selbst ein Gespür dafür haben.
Diese Plumpheit (wenn beabsichtigt kann man das auch (a-)moralischen Nihilismus nennen) zeigt sich im Verlaufe von „London Calling“ immer wieder: Figuren sterben, weil die filmische Logik das eben erfordert; Reue, Bedenken oder irgendwelche echten emotionalen Regungen zeigen die Hauptfiguren dabei nicht, nicht einmal der doch so sensible Julian.

Erst ganz am Schluss gibt es minimale Zeichen, dass diese Antiheldenreise nicht für beide Protagonisten völlig vergeblich gewesen sein könnte. Doch wenn der anfangs unbeholfene, gerade 18-jährige Nerd als Höhepunkt seiner Gangster-Initiation dann doch auch jemanden auf brutale Art töten darf, ohne dass ihn das weiter zu kümmern scheint, darf man sich fragen, welche Message „London Calling“ hier vermitteln möchte.
Unterhaltungs-wertlos
Natürlich werden jetzt manche sagen: Das ist ein Unterhaltungsfilm, der soll in erster Linie Spaß machen. Klar, und Unterhaltungswert kann man „London Calling“ keineswegs absprechen. Auch das Zusammenspiel zwischen Duhamel und Taylor hat gute Momente.
Dennoch: Selbst in den härtesten Action-Krachern der 80er und 90er zeigen die Protagonisten an irgendeinem Punkt authentische Emotionen, offenbaren „Herz“ oder versuchen, „das Richtige“ zu tun. Es gibt zumeist einen Held und einen Bösewicht, klassische Genre-Filme profitieren von dieser simplen Konstruktion, die die Wirklichkeit herunterbricht und leichter verdaubar macht. Auch gibt es intelligentere Werke, die ihren Zynismus für satirische Zwecke nutzen (z.B. Paul Verhoeven in „Starship Troopers“): Das Dargestellte spiegelt dann nicht die Ansicht des Urhebers wieder, sondern spiegelt eine Gesellschaft, zu der der Autor auf kritische Distanz geht.
Einen doppelten Boden oder eine Meta-Ebene sucht man in „London Calling“ allerdings vergeblich. Auch eine simplifizierte Moral ist nicht auszumachen. Und daher ist dieser Film, wenngleich handwerklich gut gemacht und unterhaltsam, inhaltlich problematisch.
Fazit
Ein gut gemachter Unterhaltungsfilm mit fragwürdiger Moral: „London Calling“ ist solide umgesetzt und kann mit einigen Lachern und krachenden Actionszenen aufwarten, doch fehlt diesem Werk jegliches Gespür für Figurenzeichnung. Es baut auf Klischees und vermittelt durch seine Erzählung problematische Werte, ohne sich dessen selbst bewusst zu sein.
Bewertung
(45/100)
„London Calling“: Seit 9.2.2026 auf Netflix.
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Bilder: (c) LEONINE / Netflix
