Schnell ist es gegangen: Ein halbes Film- und Serienjahr liegt bereits hinter uns, gekennzeichnet von einem aus dem Ufer getretenen und immer unübersichtlicher werdenden Streamingmarkt auf der einen Seite und einem vor dem Kollaps stehenden Kinomarkt mit zahlreichen Flops auf der anderen Seite.
Als Resultat der Kinoflaute können sich Heimkino-Fans über immer frühere VOD-Veröffentlichungen der Kinofilme, selbst der großen Blockbuster freuen, oft bereits wenige Wochen nach Kinostart. Manche Titel laufen sogar parallel im Kino und Heimkino, zumindest in Hinblick auf diverse Konsumoptionen ein Fortschritt.
Das Franchise-Kino hat sich ebenfalls – es war seit langem absehbar – in eine Sackgasse manövriert, aus der es (hoffentlich) so schnell nicht mehr herauskommt. Kluge Studios sollten nun vermehrt auf Mid-Budget-Streifen setzen und damit zumindest kleine Risiken eingehen, die Qualität und Vielfalt des Outputs kann nur steigen. Denn das Niveau der 2024-er-Produktionen war erneut unterdurchschnittlich, und das lag nicht nur an den Filmstreiks im Vorjahr.
Trotzdem fanden sich einige Highlights (freilich ohne den ganz großen Wurf), sowohl unter den regulären Film-Releases, als auch unter den Streamings-Starts und den Serien-Formaten. Die 15 besten Veröffentlichungen zwischen Anfang Jänner und Ende Juni 2024 sollen folgend in Kürze vorgestellt werden. (Die Titel sind in diesem Zeitraum erstmals in Deutschland oder Österreich im Kino, Streaming, als VOD oder auf physischen Medien erschienen.)
von Christian Klosz
Die 15 besten Filme und Serien 2024
Platz 15: „Die Caine-Meuterei vor Gericht“
Regie: William Friedkin / Ein würdiger Abschied der Regie-Legende – Ein konzentrierter, dialoglastiger, minimalistisch inszenierter, aber intensiver Gerichtsfilm mit guter Besetzung, ein Beispiel klassischen, puren Filmemachens das zeigt: Weniger ist oft mehr.
-> Kritik
Platz 14: „American Conspiracy: The Octopus Murders“ (Serie)
Regie: Zachary Treitz, 4 Folgen / Ein faszinierender Trip in den rabbit hole der jüngeren US-Geschichte: Das packende True Crime-Format begleitet den Journalisten Christian Hansen bei seinem Versuch, die größte Verschwörung der US-Geschichte aufzudecken. Vom (inszenierten?) Kennedy-Attentat über eine Software, bei der US-Behörden ihre Finger im Spiel hatten bis hin zu involvierten US-Präsidenten ist alles dabei. Ausgangspunkt ist der Tod von / Mord an? Journalist Danny Casolaro in den 90ern, der erstmals zu dem verzweigten Netz an Lügen, Intrigen, Täuschungen und Morden recherchiert hatte.
Platz 13: „Ein ganzer Kerl“ (Serie)
Showrunner: David E. Kelley, 6 Folgen / Bestechend solide Serienproduktion von TV-Mastermind Kelley, der einen der großen Romane von Tom Wolfe für Netflix adaptierte. Die Geschichte über Aufstieg und Fall eines Immobilien-Tycoons weckt Erinnerungen an die US-Gegenwart, ist aber vor allem eines: Beste Streaming-Unterhaltung
-> Kritik
Platz 12: „Ferrari“
Regie: Michael Mann / Manns Comeback nach 10 Jahren zeigt ihn zurück in alter Form: Trotz einiger fragwürdiger Entscheidungen auf technischer Ebene (warum muss Protagonist Enzo Ferrari Englisch mit italienischem Akzent sprechen?) bietet „Ferrari“ viele der directorial trademarks des Filmemachers und positioniert sich als visuell ansprechendes Biopic.
Platz 11: „Die Unschuld“
Regie: Hirokazu Koreeda / Ein sensibles, einfühlsames und erstklassig umgesetztes Plädoyer für Verständnis, Toleranz und Humanismus: Koreeda legt mit „Die Unschuld“ ein weiteres, sehenswertes Werk vor, das sich in seiner Komplexität und Ambivalenz wohltuend von vielen rezenten Filme aus Hollywood abhebt.
-> Kritik
Platz 10: „American Fiction“
Regie: Cord Jefferson / Ein beindruckendes Regie-Debüt, das sich kritisch und (selbst-)ironisch mit den Auswüchsen politischer Korrektheit und der Identitätspolitik auseinandersetzt. Tolles, wendungsreiches Drehbuch, überzeugender Hauptdarsteller (Jeffrey Wright).
Platz 9: „3 Body Problem“ (Serie)
Serienschöpfer: David Benioff, D. B. Weiss, Alexander Woo, 8 Folgen / Netflix‘ lang angekündigte, ultrateure Event-Serie „3 Body Problem“ über eine existenzielle, extra-terrestrische Bedrohung und den Kollaps von Zeit und Raum ist kein Meisterwerk geworden. Aber ein enorm ambitioniertes, interessantes, spannendes Projekt. Sie verlangt dem Publikum etwas ab, fordert es heraus. Wer sich darauf einlässt, wird daran seine Freude finden.
-> Info
Platz 8: „Outer Range“ – Staffel 2 (Serie)
Schöpfer: Brian Watkins, Showrunner: Charles Murray; 7 Folgen / Staffel 2 von „Outer Ranger“ kann nicht ganz an die Qualität der überragenden 1. Staffel anschließen, ist aber immer noch ein Unikat in der aktuellen Serienlandschaft: Mysteriös, anspruchsvoll, philosophisch, atmosphärisch führt sie in einer Welt, in der sich Vergangenheit und Gegenwart treffen und überlagern. In der schwarze Löcher Menschen verbinden, trennen, zerreißen. Und die das Gefühl einer Ohnmacht, eines Zusammenbruchs von Gewissheiten, die bestimmenden Sentimente unserer realen Gegenwart, wiedergibt wie kein anderes rezentes Bewegtbildformat.
Platz 7: „LaRoy, Texas“
Regie: Shane Atkinson / „LaRoy, Texas“ lebt von einem erstklassigen, wendungsreichen Drehbuch, seinem düsteren, schwarzen Humor, der Südstaaten-Atmosphäre, der Chemie zwischen den Hauptdarstellern. Und nicht zuletzt von einem tollen Soundtrack. Atkinson gelang mit seinem Debüt etwas, woran viele andere rezente US-Filme scheitern: Von Vorbildern inspiriert, gerahmt von einem klaren Genre-Korsett ein originäres Werk mit eindeutiger Stilistik und Handschrift, das nicht nur technisch und dramaturgisch hervorragend umgesetzt ist, sondern auch herrlich unterhält.
-> Kritik
Platz 6: „Resident Alien“ – Staffel 3 (Serie)
Schöpfer: Chris Sheridan, 8 Folgen / Auch die 3. Staffel dieser liebenswerten, schrägen Dramedy mit viel Herz und Intelligenz enttäuscht nicht: Die 8 neuen Folgen, bei uns derweil nur als VOD zu erwerben, schließen nahtlos an die Staffeln 1 & 2 an und beschäftigen sich mit der Frage, was es heißt, ein Alien auf der Erde zu sein. Aber noch mehr damit, was es heißt, Mensch auf der Erde zu sein. Brilliant erneut: Alan Tudyk als Alien in (zeitweiser) Menschengestalt.
Platz 5: „Civil War“
Regie: Alex Garland / In den USA in naher Zukunft herrscht Bürgerkrieg. Angesichts der realen Entwicklungen nicht wirklich unrealistisch. 4 Fotografen begleiten die Aufständischen Richtung D.C., um ein (letztes?) Interview mit dem Präsidenten zu führen, der sich weigert, sein Amt zu räumen. Wie üblich setzt Garland auf Komplexität, Ambivalenz, verweigert eine Positionierung und fordert damit sein Publikum. Es gehe ihm nicht um die Frage „links vs. rechts“, sondern um „Zentrismus vs. Extremismus“, sagte er in einem Interview: Ein spannender, weil ungewöhnlicher Blick auf politische Bedrohungen und Realitäten, die aus der Sicht von visuellen Dokumentaristen wiedergegeben werden, die für die Nachwelt festhalten, was in der Film-Gegenwart niemand fassen kann.
-> Analyse
Platz 4: „Road House“
Regie: Doug Liman / DER Feelgood-Guilty Pleasure-Film des Jahres: Doug Liman gelang das seltene Kunststück, mit seiner eigenständigen Neuverfilmung verschiedene Fraktionen zufriedenzustellen. Und vor allem: Grandios zu unterhalten. Tempo, Witz, Atmosphäre und Soundtrack machen „Road House“ zu einem wahren Sehgenuss.
-> Kritik
Platz 3: „Atrocity Exhibition“
Regie: Jonathan Weiss / Der Verleih Rapid Eye Movies brachte dieses vergessene Meisterwerk, gefilmt 1998, in seiner Reihe Zeitlos bei uns erstmals ins Kino. Die Grundlage bildet J.G. Ballards („Crash“) gleichnamiges Skandal-Buch, das ob seiner Struktur als unverfilmbar galt. Regisseur Weiss gelang es trotzdem, daraus einen sehenswerten Film zu schaffen. Grob handelt er von einem Uni-Professor namens Talbert, den das größenwahnsinnig-nihilistische Unterfangen antreibt, den dritten Weltkrieg auszulösen, wenn auch nur in seinem Kopf. Diese Handlung ist nicht als solche zu verstehen: „The Atrocity Exhibition“ ist im Grunde eine 100-minütige Aneinanderreihung von thematisch und assoziativ verbundenen Sequenzen, aber ohne jegliche erzählerische Struktur. Eine ständige Herausforderung, eine geniale filmische Zumutung, zeitweise unerträglich und zugleich meisterhaft. Tolle, immersive Einstellungen, im höchsten Ausmaß filmisch und umso wirkungsvoller, da sie jeglichen dramaturgischen Kitts beraubt wurden, sind der Lohn für jene, die sich dieser Aufgabe stellen.
Platz 2: „La Chimera“
Regie: Alice Rohrwacher / Der neue Film von Rohrwacher ist pure Bildermagie: „La Chimera“ ist großartiges Erzählkino, realistisch und fantastisch zugleich, toll gespielt und überragend inszeniert. Für Freunde des anspruchsvollen, „ernsten“ Autorenfilms ein Muss.
-> Kritik
Platz 1: „The Holdovers“
Regie: Alexander Payne / Für seinen Film, der in einem über die Weihnachtsfeiertage verwaisten, elitären Internat in New England spielt, in dem sich zwischen den „Übriggebliebenen“, jenen, die keine Familie haben oder nicht zu ihr können eine Zweckgemeinschaft bildet, wählt Payne einen bemerkenswerten, völlig anachronistischen Zugang, sowohl bei der Umsetzung der Erzählung, als auch in Bezug auf den Stil: „The Holdovers“ spielt nicht nur 1970, er sieht auch aus, fühlt sich an wie ein Film aus dieser Zeit. Dem Regisseur gelingt es, das ungewöhnliche Setting stimmungsvoll auf Bilder zu bannen, sodass man sich bald „zuhause“ fühlt, trotz (oder gerade wegen?) der melancholischen Grundstimmung.
Neben Atmosphäre und Drehbuch sind es die Darstellerleistungen, die „The Holdovers“ so sehenswert machen: Alle 3 Hauptcharaktere sind grandios gespielt (Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph), jede Leistung ist für sich genommen bemerkenswert. Das zentrale Thema das Films – Freundschaft – ist dabei so unprätentiös wie wichtig. So gelingt Alexander Payne der bisherige Film des Jahres: Ein fast aus der Zeit gefallenes Beispiel für klassisches Filmemachen mit einem Herz für „Außenseiter“, das sich auf die essentiellen Bestanteile des Mediums besinnt.
-> Kritik
Wild Cards: „Humane“, „Henry Fonda for President“, „The VelociPastor“
Beste Regie: Alexander Payne – „The Holdovers“
Bestes Drehbuch: David Hemingson – „The Holdovers“
Beste Schauspielleistungen:
Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph – „The Holdovers“
Carol Duarte – „La Chimera“
Sydney Sweeney – „Wo die Lüge hinfällt“
Alan Tudyk – „Resident Alien“
Will Patton – „Outer Range“
Titelbild: Fotomontage / filmpluskritik
