William Friedkin, letztes Jahr verstorben, verabschiedet sich mit einem intelligenten Justiz-Drama von der großen Filmbühne, das er als kondensiertes Kammerspiel inszeniert. „Die Caine-Meuterei vor Gericht“ ist demnächst bei Paramount+ zu sehen und mit Kiefer Sutherland, Jason Clarke und Lance Reddick erstklassig besetzt.

von Christian Klosz

Zynische Zungen behaupten, William Friedkin hatte Glück, im August des letzten Jahres 87-jährig verstorben zu sein, denn so musste er das filmische Desaster, das David Gordon Green mit „Der Exorzist: Bekenntnis“ (veröffentlicht im Oktober 2023) anrichtete, nicht mehr miterleben. Tatsächlich hat der letzte Film Friedkins, in den USA posthum im Oktober letzten Jahres veröffentlicht und bei uns ab 23.2. auf Paramount+ zu streamen, rein gar nichts mit dem Green’schen Filmemachen zu tun: „Die Caine-Meuterei vor Gericht“ (OT: „The Caine Mutiny Court-Martial“) ist ein kondensiertes Kammerspiel, das fast die gesamte Laufzeit in einem einzigen Raum – einem US-Militärgericht – stattfindet und sich einzig auf das Schauspieltalent seiner Darsteller, das Drehbuch und die Dialoge verlässt.

Das Justizdrama basiert auf dem gleichnamigen Stück von Autor Herman Wouk aus dem Jahr 1953, das wiederum auf dessen Roman „The Caine Mutiny“ basiert, das bereits mit Humphrey Bogart prominent verfilmt wurde. „Die Caine-Meuterei vor Gericht“ zeigt gewissermaßen das „Nachspiel“ dieser Meuterei: Lt. Commander Queeg (Kiefer Sutherland), der Captain der U.S.S. Caine wurde von seinem ersten Offizier Lieutenant Maryk (Jake Lacy) während eines Unwetters auf hoher See seines Amtes enthoben, laut Navy-Regeln eine Meuterei. Maryk muss sich nun, unterstützt durch seinen Anwalt Greenwald (Jason Clarke), vor einem Militärgericht unter Vorsitz von Richter Blakely (Lance Reddick) verteidigen. Anwesend als zentraler Zeuge ist auch Queeg.

Friedkin lässt in seinem letzten Film ein ordentliches Schauspieler-Ensemble antanzen, wie die Riege der oben erwähnten Top-Stars zeigt. Doch nicht nur für ihn ist „Die Caine-Meuterei vor Gericht“ der letzte Film, auch Lance Reddick, ebenso 2023 (viel zu früh) verstorben, gibt hier seine (höchst überzeugende) Abschiedsvorstellung.

Die Caine-Meuterei vor Gericht Lance Reddick
Lance Reddick ist in „Die Caine-Meuterei vor Gericht“ in seinem letzten Film zu sehen

Im Zentrum dieses Gerichtsdramas steht aber eindeutig Kiefer Sutherland als Commander Queeg, dessen kontrolliert-verbissener Habitus im Lauf der Verhandlung immer größere Risse bekommt. Ihm wird seitens der Verteidigung vorgeworfen, während des Unwetters auf dem Meer irrational, ja: verrückt gehandelt zu haben, weshalb die Meuterei nicht Verbrechen, sondern Pflicht gewesen sein soll. Über den Geisteszustand Queegs, seine Persönlichkeitsstruktur und ob diese nun „krank“ sei oder nicht scheiden sich im Saal die Geister. Die mitunter spannendsten Passagen in „Die Caine-Meuterei vor Gericht“ sind jene, in denen Psychiater und Psychologen die Spezifika von Neurosen und psychischen Pathologien erörtern, deren Grenzen erklären und sich mit Anwalt Greenwald Wortgefechte bezüglich psychoanalytischer Semantik liefern. Das ist nicht nur extrem präzise recherchiert und geschrieben, sondern auch filmische Dialogkunst als verbales Degengefecht auf höchstem Niveau.

Thematisch geht es nicht nur um die (komplexe) Frage, ob jemand und wann jemand als „geisteskrank“ einzustufen ist, sondern auch um militärische Ehre, Pflichterfüllung und „Verdienst“. Friedkin gibt hier keine klaren Antworten, bezieht keine Position, sondern lässt verschiedene Ansichten, durchaus konfliktreich, aufeinanderprallen. Und legt nahe: Ein Sieg vor Gericht muss nicht unbedingt ein Sieg im Angesicht der Moral sein.

All das fängt der Altmeister mit minimalistisch komponierten Kameraeinstellungen und in einem klar strukturierten Setting gekonnt ein, das in seiner Funktion eher einer Theaterbühne gleicht, auf der die durchwegs überzeugend agierenden Darsteller ihre Kunst ausüben dürfen.

Fazit

„Die Caine-Meuterei vor Gericht“ ist ein würdiges Abschiedswerk eines Großen des US-Kinos, dabei in seiner Umsetzung altmodisch und zeitlos zugleich: Ein Beispiel dafür, was Filmkunst (und Kino) kann, wenn man sie talentierten Menschen überlässt, ein Beleg für die Kraft des Mediums, die jedoch nur jene zutage zu fördern vermögen, die mit ihm umgehen können.

Wertung

Bewertung: 8 von 10.

(81/100)

Die Caine-Meuterei vor Gericht“ / „The Caine Mutiny Court-Martial“
USA, 2023
109 Minuten
Drehbuch, Regie: William Friedkin nach der Vorlage von Herman Wouk
Darsteller: Kiefer Sutherland, Lance Reddick, Jake Lacy, Jason Clarke
ab 23.2. auf Paramount+

Ähnliche Filme: Eine Frage der Ehre„, „The Verdict„, „Die Jury

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Bilder: (c) Paramount+