Regisseurs Andrew Haigh präsentiert ein erstklassig besetztes, intensives und toll gespieltes Drama um ein tragisches Kindheitstrauma und eine (schwule) Liebesgeschichte. Was von „All of Us Strangers“ mit Paul Mescal und Andrew Scott zu erwarten ist, verrät unsere Kritik.

von Cedric Baumann

Vor Allem einer Pressetour kann man zurzeit scheinbar kaum entgehen: Paul Mescals und Andrew Scotts Interviewmarathon für das gestern im Kino erschienene Drama „All of Us Strangers“. Egal ob im „Co-Star Test“, beim Beantworten von Fan-Fragen, Stellung-Beziehen zu den derzeit größten Internet-Debatten oder auf diversen Talk-Show Couches, das Duo arbeitet sich gerade durch jedes Youtube-Format. Dabei wird die unglaublich hohe Chemie zwischen den beiden mit jedem Video ersichtlicher, sogar eine tatsächliche Beziehung wurde den Schauspielern seitens der Internet-Gerüchteküche bereits unterstellt. Ein Glück, dass Regisseur Andrew Haigh diese besondere Verbindung seiner Co-Stars in „All of Us Strangers“ perfekt zu nutzen weiß.

Das Drama folgt dem erfolgslosen Drehbuchautor Adam (Andrew Scott, „Fleabag“), der durch eine schicksalshafte Begegnung mit seinem Nachbarn Harry (Paul Mescal, „Aftersun“) beginnt, ein Skript über seine Kindheit zu schreiben und sich dadurch mit seinen verstorbenen Eltern konfrontiert sieht. In der Verarbeitung seines Kindheits-Traumas erschafft sich Adam nämlich eine eigene Realität, in der er als Erwachsener mit seinen Eltern über seine Jugend und sogar deren frühen Tod reden kann. Dabei geht der Film vorbildlich mit Thematiken wie Erinnerung, Trauer und Einsamkeit um. Emotionen, die durch seine vier Hauptdarsteller grandios gespielt und vermittelt werden. Es sind nämlich nicht nur Mescal und Scott, die in „All of Us Strangers“ eine überzeugend berührende Performance abliefern, sondern auch Claire Foy („First Man“) und Jaimie Bell („Billy Elliot“, „Rocketman“), die Adams Eltern verkörpern.

Kritik

Regisseur Andrew Haigh fängt diese brillanten Schauspielleistungen hauptsächlich durch extreme Close-Ups ein und schafft dadurch eine hinsichtlich der Motive angebrachte, intime Atmosphäre. Auch der Soundtrack unterstützt diese Intimität und die ätherischen Klänge der Pet Shop Boys – Single „You are Always on my Mind“ unterstreichen nicht nur Adams Beziehung zu seinen Eltern, sondern auch die aufkeimende Liebe zu seinem Nachbar Harry.

All of us strangers Kritik

Leider ist es am Ende genau diese Romanze, die den Film etwas zu überladen wirken lässt. Die beiden hoch emotionalen Handlungsstränge versuchen zwar, sich gegenseitig zu ergänzen und schaffen es bis zu einem gewissen Punkt auch vorbildlich, aber im Verlauf von „All of Us Strangers“ kommt es einem mehr und mehr vor, als schaut man gerade zwei verschiedene Filme. Was im „Kindheitstrauma“-Teil der Handlung funktionieren mag und einen perfekten emotionalen Höhepunkt der Handlung bildet, nimmt Entwicklungen im „Romantik“-Teil vorweg oder überschattet sie zu stark. Als ZuschauerIn ist man genauso zwischen zwei Welten gefangen, wie der Protagonist Adam, was durchaus beabsichtigt seien mag, aber leider die Immersion mehr als nur einmal zerstört, da man im Laufe des Films schon fast konditioniert wird, durch die verschwimmenden Realitäten alles in Frage zu stellen, was man sieht.

Fazit

So sieht man sich mit „All of Us Strangers“ fast gezwungen, sich zwischen einer wunderschönen, sehr menschlichen Liebesgeschichte und einer ergreifenden Abhandlung über Erinnerungen und das Älterwerden zu entscheiden. Eine unmögliche Aufgabe, besonders wenn jeder Teil des Films durch das kleine Ensemble so perfekt dargestellt und alle Gefühle so gekonnt eingefangen werden. Die hohen Erwartungen, geweckt durch das beschrieben geniale Marketing, werden in einer Hinsicht aber definitiv erfüllt: Paul Mescal und Andrew Scott beim gemeinsamen Schauspiel zuzuschauen ist und bleibt ein kleines Wunder.

Wertung

Bewertung: 7 von 10.

(74/100)

All of Us Strangers
USA, UK, 2023
105 Minuten
Drehbuch, Regie: Andrew Haigh
Darsteller: Paul Mescal, Andrew Scott, Jamie Bell
ab 8.2. im Kino

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Bilder: (c) Disney et al