von Madeleine Eger

Mit Aufkeimen der New Queer Cinema Bewegung in den 90ern schafften es seither diverse Filme wie „Brokeback Mountain“ oder jüngst auch „Moonlight“ und „Call me by your name“ zu internationalem und oscarprämiertem Ruhm. Trotzdem fristen noch immer zu viele Filme des Queer Cinemas ein unberechtigtes Nischendasein. Dabei sind die Geschichten, die sie erzählen, um Tabus zu brechen, Vorurteile abzubauen und die Liebe so darzustellen, wie sie ist, so divers und bunt wie das Leben selbst.

Viele dieser Filme sind universell für jedes Publikum sehenswert: Und das nicht nur, weil sie den Zugang zu einer Welt gewähren, die viele oft nicht unmittelbar persönlich betrifft. Sie fördern Verständnis und Empathie und tragen dazu bei, sich mit Missständen (politischen und gesellschaftlichen) auseinanderzusetzten und am Ende aus Akzeptanz Normalität werden zu lassen.

Zugegeben, persönlich habe ich durch die Filme auch meine romantische Ader wiederentdeckt. In kitschigen Romanzen a la „Nicholas Sparks“ oft vermisst, liefern LGBTQ-Filme vielfach mehr Authentizität und subtilere klischeefreiere Darstellungen von Lust, Begehren und erotischer Anziehung. Nicht zuletzt beweisen auch Filme wie “Portrait einer jungen Frau in Flammen” und “Matthias und Maxime”, dass die Liebe mit all ihren Zärtlichkeiten, Hürden und Problemen universelle Topoi der conditio humana sind.

Wir möchten deshalb 5 Filme vorstellen, die entgegen der oftmaligen Annahme nicht nur tragisch-schmerzliche Coming-Outs porträtieren, sondern thematisch durchaus für die eine oder andere Überraschung sorgen.

The Cakemaker (2017)

Der Film von Ofir Raul Graizer ist eine filmische Delikatesse, die nicht nur Gourmets und Liebhaber des feinen Süßgebäcks mit der Zunge schnalzen lässt: Behutsam, mit viel Sorgfalt und Detailverliebtheit lässt der Regisseur die delikaten Köstlichkeiten zu einem Spiegel seines Protagonisten Seele werden, zugleich kreiert er ein elegantes, zartschmelzendes und vielschichtiges  Drama, das sich mit Liebe, Verlust und Trauer, aber auch einem Kulturkonflikt auseinandersetzt. Verfeinert mit einem fantastischen Soundtrack ist „The Cakemaker“ eine cineastische Genussperle für die Sinne, bei dem man am besten ein Stück Schwarzwälder-Kirschtorte zur Hand hat anstatt einer Tüte Popcorn.

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Sauvage (2018)

Das Spielfilmdebüt des französischen Regisseurs Camille Vidal-Naquet ist in seiner Darstellung von Prostitution und Suche nach Geborgenheit schonungs- und kompromisslos, zuweilen auch verletzlich und schmutzig, wird dabei aber nie reißerisch und blickt respektvoll wertungsfrei auf seinen 22 Jahre alten Protagonisten Leo. Man kann in dem oftmals harten Drama aber auch eine liebevoll-romantische Seite entdecken, die der Hauptdarsteller Félix Maritaud gekonnt verkörpert und Sauvage somit zu einer wilden Jagd eines Einzelgängers nach Nähe werden lässt, die Gefangenschaft und Freiheit ganz neu zu definieren scheint.

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Die Glitzernden Garnelen (2019)

Der Wasserball-Verein „Die glitzernden Garnelen“ ist das bunt zusammengewürfelte und liebevoll betitelte „schlechtestes Team in der Geschichte des schwulen Mannschaftssports“. Die gleichnamige französische Feel-Good-Komödie lässt kein Fettnäpfchen und kein Klischee aus, aber legt aufgrund des funkelnden Potpourri an Charakteren eine Dynamik an den Tag, die einem vor Lachen, manchmal aber auch vor Rührung die Tränen in die Augen treibt. Qualitativ schwimmt das herzliche Sportspektakel zudem auch ganz vorne mit und beschert dem Publikum sogar noch eine Roadmovietour im Partybus durch Europa und die Charts der 80er und 90er: „Holding Out for a Hero“ von Bonnie Tyler wird danach zumindest nicht mehr nur wegen „Footlose“ im Kopf bleiben.

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Girl (2018)

Das Transgender-Drama räumte 2018 in Cannes gleich mehrfach ab. Das kraftvolle und intensive Langfilmdebüt von Lukas Dhont mit Schauspielneuling Victor Polster als Lara wird zu einer nervlichen Zerreißprobe, die die unterstützende Liebe und Fürsorge der Familie zwar nie in Frage, aber auf eine schwere Belastungsprobe stellt und die quälende und kräftezehrende Ungeduld von Lara als größte Hürde auf ein glückliches Leben in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. „Girl“ übt sich in Zurückhaltung, ist dabei aber so ausdrucksstark, dass der Zuschauer mitgenommen wird auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die von Bewunderung und Ehrfurcht bis hin zu Mitleid und Ergriffenheit eine ganze Palette intensiver Gefühlserfahrungen evoziert und tief in die Seele einer jungen Frau blicken lässt, die trotz aller positiv einwirkenden Umstände Opfer ihrer eigenen Entschlossenheit wird.

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Der Blonde (2019)

Ein Film, der von seinen sinnlichen Bildern und der erotisch aufgeladenen Anspannung zwischen den beiden Hauptfiguren lebt. Dialoge sind zwar in dem romantischen Drama rar gesät, lassen den Zuschauer aber umso mehr zum stillen, manchmal fast voyeuristischen Beobachter werden, der die kleinen Gesten des gegenseitigen Interesses durchschaut und bis zur ersten Berührung jede Sekunde mit den beiden Männern mitfiebert. Der Regisseur Marco Berger strickt seinen Film atmosphärisch dicht und beweist sein Gespür, ohne viele Worte eine Liebesgeschichte zu erzählen, die nur im Verborgenen besteht und die vergeblich versucht, durch den Vorhang des Schweigens zu brechen, da die unterschiedlichen Vorstellungen von „Normalität“ und Partnerschaft immer wieder hart aufeinanderprallen. „Der Blonde“ ist ein unwiderstehlich verführerischer Hochgenuss von Film, dessen Charme und Zauber man sich nur schwerlich entziehen kann.

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Titelbild aus: „Die glitzernden Garnelen“