Wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt und die letzten Bäume sich ihres Blätterkleids entledigen, mehren sich in den hiesigen Kinosälen die Filme, die ihre Macher potenziell in Reichweite der renommierten Awards sehen. Die meisten davon erfahren ein ausgeklügeltes Marketing, sodass es für Fans und Kritiker quasi kein Vorbeikommen gibt. Einige wenige kommen aber wie aus dem Nichts und schaffen es innerhalb kürzester Zeit zum Geheimfavoriten zu avancieren. Ein Werk, das aktuell in aller Munde ist, stammt aus Frankreich, dem Land der Liebe und des Rotweins.

von Cliff Brockerhoff

„Portrait einer jungen Frau in Flammen“ erzählt dabei, der Titel nimmt es vorweg, von dem Portrait einer jungen Französin, besser gesagt von seiner Entstehung. Bei der Künstlerin handelt es sich um Marianne, die heimlich ein Abbild von Héloise kreieren soll um es dem versprochenen Bräutigam in Mailand zukommen zu lassen. Als sich zwischen den beiden Damen allerdings eine erotische Spannung aufbaut, entwickelt sich das Unterfangen zu einem Drahtseilakt zwischen künstlerischer Professionalität und aufkeimendem Verlangen, derer sich beide nur schwer erwehren können.

Die fortan präsentiere Handlung besticht dabei insbesondere durch ihre stoische Gelassenheit und das vorzügliche Schauspiel der Protagonistinnen. Sowohl Noémie Merlant in der Rolle der introvertierten Malerin, als auch Adèle Haenel als schier unnahbare Klosterschülerin überzeugen in jeder Einstellung. Egal ob die zwei sich in von unterdrückten Gefühlen geleiteten Dialogen gegenüberstehen oder sich wortlos flüchtige Blicke zuwerfen – jedes Gefühl ist so greifbar und authentisch, dass der Zuschauer bereits nach wenigen Minuten die Welt um sich herum vergisst und vollends in die fiktive Geschichte gesogen wird. Angesichts des Zeitraums, in der die Handlung angesiedelt ist, ist Regisseurin Céline Sciamma hier das Kunststück gelungen, die Gepflogenheiten der Vergangenheit glaubhaft in die Gegenwart zu transportieren.

Ummantelt wird die Story dabei von einer sehr speziellen visuellen Komponente. Nahezu jede Szene gleicht einem Gemälde, begründet in einer wundervoll abgestimmten Farbpalette, die durch die Aufnahme in 8k-Auflösung noch einmal mehr hervorsticht. Einige Einstellungen wiederholen sich innerhalb der 131 Minuten, sind gleichzeitig aber immerzu von solch ergebener Schönheit, dass der Widerhall schnell verstummt. Analog dazu ist das Werk nur an handgezählten drei Passagen mit Musik unterlegt. Was potenziell die Gefahr birgt, einen eh schon zögernd erzählten Film zur Geduldsprobe werden zu lassen, sorgt im französischen Liebesdrama für eine Extraportion Intensität, da jedes gesprochene Wort das aufkeimende Strohfeuer der Leidenschaft voll entzünden könnte. Ob die Figuren am Ende tatsächlich zueinander finden oder einander in verschmähter Liebe entschwinden, soll an dieser Stelle aber natürlich nicht vorweg genommen werden.

So oder so bekommen Cineasten mit Sciammas Werk eine intensive Erfahrung geboten, die allerdings auch die komplette Hingabe seiner Betrachter erfordert. Wer nach wilder Erotik sucht, wird manch fragwürdige filmische Entscheidung hinterfragen und im Kino flehend auf den Abspann hoffen. Wer sich aber für  ansprechende Schauspielleistungen und immersive Erzählweise begeistern kann, wird an der Bildsprache, den Kostümen und dem eingefangenen Zeitgeist seine helle Freude haben. Sciamma brennt für ihr Handwerk und ihr Film dünstet diese Leidenschaft durch jede Pore aus.

Fazit:

Eingerahmt in eine der schönsten Optiken des Filmjahres 2019 erzählt „Portrait einer jungen Frau in Flammen“ eine brillant gespielte Geschichte, die durch ihre Unaufgeregtheit ein durchweg authentisches Bild von Liebe, Ehrlichkeit und vom Leben zeichnet, und letztlich trotz kleiner Makel selbst unterkühlte Herzen erwärmen kann. Ob der Film letztlich zum ganz großen Sprung ansetzen kann oder seine Erwartungen begraben muss, wird die Zukunft zeigen. Wird der Hype weiterhin von Kritiken wie dieser befeuert, könnte die kleine Flamme aber schnell zum Flammenmeer ausufern.

Wertung:

8 von 10 Punkten

Bilder: ©Alamode Film