„Hamnet“ startete am 22.1.2026 im Kino, pünktlich zu den Oscars ist Chloe Zhaos Film nun auch als Vido-on-Demand im Heimkino verfügbar. Vor allem Hauptdarstellerin Jessie Buckley darf sich große Chancen auf einen Goldjungen ausrechnen. Doch wie gelungen ist diese Roman-Adaption, deren Vorlage die tragische Familiengeschichte von William Shakespeare beleuchtet? Eine Analyse.

von Natascha Jurácsik

Das Globe Theatre in London – Im Fokus der Linse die erhobene Plattform aus Holz, auf der sich Schicksale abspielen, die als zeitlos in die Geschichte eingehen. Das gemalte Bühnenbild ein dichter Wald aus Bäumen, die das Licht der Sonne in ihren dunkelgrünen Kronen aufzufangen scheinen. In der Mitte ragt ein schwarzes Loch, oval – ein Ein- oder Ausgang, je nachdem. Wie das Maul eines Tieres stellt die gähnende Tiefe inmitten der Naturszene eine Frage: Sein oder nicht sein?

„Hamnet“: Über die Geburt einer Legende

Es ist überflüssig, die Geschichte des Prinzen Hamlet an dieser Stelle zusammenzufassen, einerseits, weil die meisten sie – zumindest rudimentär – eh kennen und andererseits, weil es hier gar nicht um Hamlet den Prinzen, sondern um Hamnet den Jungen geht. Über ihn ist vergleichsweise wenig bekannt, außer, dass er als Sohn des wohl bekanntesten Dramatikers der Welt bereits im Kindesalter starb. Maggie O’Farrell machte sich das Unbekannte zunutze und verlieh in ihrem Roman „Hamnet“ einem Geist einen greifbaren Körper, den Chloé Zhao schließlich verfilmte und ein noch breiteres Publikum an der Figur teilhaben lässt. „Hamnet“ ist technisch gesehen somit ein Werk der historischen Fiktion, doch eigentlich ist es der Versuch, einer Legende ihre Menschlichkeit zurückzugeben.

Kurz also: Der junge Lateintutor William (Paul Mescal) verliebt sich in die älteste Tochter seiner Arbeitgeber, Agnes (Jessie Buckley), und gründet mit ihr eine Familie. Um dem Schatten seines Vaters zu entkommen, geht William nach London und wird schließlich ein beliebter Schriftsteller und Schauspieler. Doch sein Leben soll schnell selbst zur Tragödie werden, als eine Pestepidemie sich in der Heimatstadt seiner Familie ausbreitet und auch seine Liebsten nicht unverschont bleiben. Das Resultat ist ein ganzes Haus voller gebrochener Herzen und eines der bedeutendsten Werke der Theatergeschichte.

Statische Bilder: Theater, Roman, Film

Wie übersetzt man ein Medium in ein anderes, ohne dabei die Integrität des Originals zu verlieren, aber gleichzeitig die Möglichkeiten der neuen Form auszuschöpfen? Zhao stellt sich im Falle von „Hamnet“ einer ganz besonderen Herausforderung, denn sie verfilmt nicht nur einen Roman, sondern einen Roman, der unumgänglich mit einem Theaterstück verstrickt ist. Die Geschichte berührt daher drei unterschiedliche Ebenen: Bühne, Prosa und Film.

Was Zhao einen Vorteil verschafft ist ihre Stärke des visuellen Erzählens. Ihre Arbeit (u.a. „Nomadland“) ist stets von sinnträchtigen Bildern geprägt, deren Kompositionen immer auf einen ganz bestimmten emotionalen Effekt aus sind. In dieser Hinsicht ist sie Opportunistin: Sie sieht den zusätzlichen Aspekt des Theaters nicht als Belastung, sondern als künstlerische Gelegenheit, optisch so viel aus einer einzigen Einstellung, einer einzigen Szene herauszuholen, wie nur möglich und dabei mit dem Publikum einen Dialog anzufangen. Der Zuschauer ist gleichzeitig eine Fliege an der Wand und ein integraler Teil der Handlung. So wechselt die Kameraführung nahtlos zwischen breit aufgestellten Einstellungen, die an ein Bühnenbild im Theater erinnern, und intimen Nahaufnahmen, die die komplexe innere Welt der Figuren vermitteln.

Zhao geht in „Hamnet“ ganz klar auf die bildlich umschreibende Sprache O’Farrells ein, die eine Wiese in wenigen Sätzen so greifbar macht, dass man nasses Grass in der Nase riecht. Typische Reaktionen bei Buchverfilmungen wie „Das habe ich mir ganz anders vorgestellt“ haben hier kaum Platz, denn sobald man Zhaos und O’Farrells kollektive Vision auf der Leinwand beobachtet, vergisst man jegliche vorherige Versionen.

Originelle und authentische Imperfektion

Selbst die eher gedämpfte Farben- und Lichterwelt ist in „Hamnet“ eindeutig eine klare künstlerische Wahl, statt das traurige Resultat einer von CGI bestimmten Filmindustrie. Greenscreens, von grellen Backlights ausgewaschene Gesichter und Aussagen wie „Das bearbeiten wir später am Computer!“ hatten an Zhaos Set offensichtlich keinen Platz. Gedreht wurde vor Ort in England, draußen an der frischen Luft, umgeben von echter Natur und echter Geschichte, wodurch der Film visuell ungewohnt authentisch und echt wirkt. Zusammen mit Cinematograph Lukasz Zal („The Zone of Interest“) erlangen die Bildkompositionen hierdurch eine Dynamik und Tiefe, nach der man am liebsten die Hand ausstrecken möchte.

Ähnlich wie im Buch ist auch der Fokus auf Natur und alles, was damit einhergeht: Eine verschwitzte Stirn, offen und leicht zerzaust hin und her wehende Haare, schmutzige Fingernägel, dreckverschmierte Kleidung. O’Farrell und Zhao vermitteln beide ein Bild von Unordentlichkeit, die eng mit dem Freiheitssinn der Figuren verbunden ist. Agnes vergräbt ihre Hände in feuchter Erde und man will es ihr gleich nachtun. In einer Welt, wo perfekte Gesichter und Körper einen erheblichen Teil der Kinoleinwände und Bildschirme einnehmen, wo man nicht mal während der Apokalypse einer unrasierten Frau oder einem Mann mit gelblichen Zähnen begegnet, ist „Hamnet“ in seiner Darstellung von äußerlicher Imperfektion erfrischend originell.

jessie buckley hamnet
Jessie Buckley (Mitte) in „Hamnet“

(Melo)Dramatik: Wie werden Emotionen erweckt?

Größere Abweichungen vom Original findet man eher beim Drehbuch, auch wenn sich Zhaos Handlung sehr nah am Roman orientiert und einige Szenen teils eins zu eins übernimmt. Doch wo O’Farrell durch die subjektive Wahrnehmung ihrer Figuren Emotionen im Leser erweckt, versucht Zhao das gleiche mithilfe einer Theatralität zu erzielen, die stark an die Bühnentradition angelehnt ist. Statt den Zuschauer in die Erfahrungen der Charaktere einzutauchen, geht sie einen Schritt zurück und lässt den Dialog und die Darstellung ihrer hochtalentierten Schauspieler für sich sprechen. Was folgt ist eine Reihe von Performances, die einerseits beeindruckende, herzzerreißende Momente und andererseits melodramatische Gefühlsausbrüche sind – was von beidem dominiert hängt letztendlich vom Zuschauer selbst ab.

Die emotionale Ebene von „Hamnet“ verliert hierdurch an Komplexität: Zhao verlässt sich ein bisschen zu sehr auf die automatisierte Tragik der Geschichte, statt O’Farrells Beispiel zu folgen und die Handlung auf eine originelle, subjektive Weise zu vermitteln, wodurch der Leser des Romans echte Trauer für diese spezifischen, beschriebenen Figuren im Fokus des Werks verspürt und nicht nur Empathie für eine leidende Familie.

Chloe Zhao hätte sich mehr von O’Farrell inspirieren lassen können, indem sie den Fokus stärker auf die betroffenen Charaktere und ihre ganz eigene Wahrnehmung richtet. Entschieden hat sie sich jedoch für eine von Art Distanz zwischen Publikum und Gezeigtem, die im Medium Film weniger funktioniert als auf der Bühne und einer tiefgreifenden, ehrlichen Identifizierung mit der Geschichte eher im Weg steht. Erinnert man sich an die Lehren von Brecht und die russischen Formalisten, ist Distanz – ob gewollt oder nicht – eher ein kritisches Mittel und wirkt bei Werken wie „The Zone of Interest“ hervorragend als narratives Mittel, doch bei tragischen Erzählungen wie „Hamnet“, sollte man die Fähigkeit des filmischen Mediums, vollkommen in eine Geschichte einzutauchen, nutzen. Zhao hätte in dieser Hinsicht davon profitiert, sich mehr auf die Prosa des Romans einzulassen, statt eine dramaturgische Theatralität zu emulieren.

Fazit

Wenn kreative Vorstellungskraft historische Lücken füllt – „Hamnet“ ist ein visuell und darstellerisch beeindruckender Versuch, einem Mythos etwas Leben einzuhauchen. Chloé Zao leistet hervorragende Arbeit hinter der Kamera, hätte sich allerdings etwas mehr von Maggie O’Farrells schriftstellerischer Expertise inspirieren lassen können. Somit ist „Hamnet“ als Kombination aus Theater, Roman und Film zwar herzergreifend traurig – aber eben nicht tragisch.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

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Bilder: 2025 Focus Features, LLC (c)