In der Filmwelt scheinen Biopics über Bands und Solokünstler nur so zu boomen. Genauso enorm erscheint derzeit die Nachfrage nach Musicals. Dexter Fletcher, der bereits bei einem Teil von „Bohemian Rhapsody“ Regie geführt hatte, vereint das in „Rocketman“ auf außergewöhnlich erfrischende und gekonnte Weise. In knapp zwei Stunden schafft Fletcher ein seinem Protagonisten angemessen schillerndes filmisches Denkmal.

von Elli Leeb

Gleich zu Beginn wird Elton Johns (Taron Egerton) nach außen hin exzentrische Persönlichkeit gekonnt in Szene gesetzt: In einem mit Strasssteinen beschmückten Ganzkörper-Kostüm mitsamt riesigen roten Engelsflügeln, Herz-Sonnenbrille und glitzernden Teufelshörnern geht er einen langen, grauen Gang entlang, bei dem man denken könnte, sein Ziel sei die Bühne. Jedoch landet er an seinem Karrierehöhepunkt doch ganz woanders, und zwar in der Gruppentherapie. Der Superstar hat alle Süchte durchgemacht: Alkohol, Drogen, Sex – die eigene Auflistung im Kreis der Gruppe ist lang. Im Rahmen der Sitzung beginnt er, aus seinem Leben zu erzählen – und beginnt seine Geschichte als schüchterner, 11-jähriger Junge…

Reginald Kenneth Dwight, so sein bürgerlicher Name, scheint keine einfache Kindheit gehabt zu haben. Doch auch ohne eine besondere Förderung von seinen Eltern zu erhalten – der Junge ist ein Naturtalent am Klavier und besitzt ein absolutes Gehör – schafft er den großen Durchbruch. Mitsamt der Namensänderung auf Elton John – um seine Vergangenheit hinter sich lassen – und seinem Texter Bernie Taupin (Jamie Bell), der ihm stets zur Seite steht und deren Freundschaft berührend dargestellt wird, schafft der „Rocketman“ einen raketenhaften Karriereaufstieg und liefert einen Nummer-1-Hit nach dem anderen.

Die Brüche hinter der Glitzerfassade

Eine der großen Vorzüge des Films ist die gelungen Darstellung der Schwierigkeiten, die Elton John durchleben musste, die auf sehr emotionale Weise inszeniert werden. Neben der lieblosen Beziehung zu seinen Eltern, und seiner Beziehung zu seinem ehemaligen Manager John Reid (Richard Madden), von dem er auf Dauer auch keine Liebe erfährt, spielen auch Schwierigkeiten bezüglich seiner Sexualität immer wieder eine zentrale Rolle: Elton John ist bekanntlich homosexuell, was zu Beginn seiner Karriere noch ein viel größeres gesellschaftliches Tabu darstellte als heute. Interessant ist hierbei auch die Inszenierung der Bett-Szene zwischen Reid und Elton John: Im Hollywood-Kino wurde noch nie innerhalb einer Sex-Szene zwischen zwei Männern so offenherzig mit der Thematik umgegangen wie hier. Regisseur Fletcher inszeniert zudem die Szenerie unglaublich liebevoll und ästhetisch ansprechend.

Trotz der Brüche hinter der glamourösen Fassade des Superstars Elton John, die in „Rocketman“ immer wieder prominent thematisiert werden, schafft der Film ein ausgewogenes tonales Gleichgewicht zwischen Dramatik und Heiterkeit. So bleiben vor allem die an den richtigen Stellen eingesetzten Musical-Szenen lange in Erinnerung. Durch Straßentanzszenen, die nur so zum Mitsingen und Mittanzen anregen – und in starkem Kontrast zur Darstellung eines Selbstmordversuchs – erhält der Film einen interessanten inszenatorischen Rhythmus. Nie kommen diese Einschübe gezwungen vor, erzählen stets eine interessante Geschichte und verleihen dem Narrativ zusätzliche Tiefe.

Darstellerische Glanzleistung

Ursprünglich wurden für die Rolle des Faszinosums Elton John auch namhafte Persönlichkeiten wie Justin Timberlake und Tom Hardy in Betracht gezogen. Letztendlich entschied man sich aber dazu, den Superstar durch Taron Egerton („Kingsman: The Secret Service“) verkörpern zu lassen – und man hätte keine passendere Wahl treffen können. Egerton spielt den verunsicherten jungen Mann, der sich nach Liebe sehnt und sich infolgedessen mehr und mehr zu einer schillernden Persönlichkeit in auffälligsten Kostümen entwickelt, da er der Meinung ist, nur so vom Publikum geliebt zu werden, unglaublich glaubwürdig. Auch all die Songs wie „Your Song“, „Tiny Dancer“ oder „I’m still Standing“ wurden von Egerton gekonnt selbst eingesungen.

Die Message des Films ist letztendlich simpel, aber wichtig: Man sollte sich nicht verstellen. Elton John legt – nach seinem Gruppentherapie-Besuch – seine Kostüme beziehungsweise die Maskerade ab. Wobei „Rocketman“ auch die hier vorliegenden Ambivalenzen nicht verschweigt, und ihnen zur Genüge tut: Diese Maskeraden halfen dem Protagonisten dabei – zumindest innerhalb der Film-Diegese – die Person zu werden, die er sein wollte.

Fazit

Dexter Fletcher schafft mit „Rocketman“ ein biografisches Musical über eine der schillerndsten Persönlichkeiten Großbritanniens und der Musikwelt, Sir Elton John. Der Film geht mit Elton Johns Homosexualität sehr offen um, zeichnet sein schillerndes Leben in der Öffentlichkeit gekonnt nach und spart dabei auch nicht die dunklen Seiten seines Lebens aus. Nicht zuletzt wegen der großartigen Darstellung Taron Egertons ist der Film so gelungen, da er dem realen Vorbild eine wahre Dreidimensionalität verleiht.

Bewertung

8 von 10 Punkten

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Bilder: © 2018 PARAMOUNT PICTURES

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