„Train Dreams“ kurz in Worte zu fassen, ist nicht einfach. Der Film kennt kaum Höhen und zieht unaufgeregt von einem Moment zum nächsten. Hier klar zu definieren, was wichtig ist, ist kaum möglich, da keines der Ereignisse in besonderer Weise schwerer wiegt als die anderen. Umso schöner, zu sehen, dass ausgerechnet dieser Film die neueste Eigenproduktion von Netflix darstellt: Damit zeigt man, dass neben all jenen Personen, deren Aufgabe es ist, Geld zum Fenster ‚rauszuwerfen, auch solche über Geldmittel entscheiden dürfen, denen das Medium Film am Herzen liegt. Seit 21.11.2025 im Stream.

von Richard Potrykus

„Train Dreams“ spielt in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts und dreht sich um Robert (Joel Edgerton). Robert wurde als Kind adoptiert, hat von seiner Herkunft keinen Schimmer und arbeitet abwechselnd als Holzfäller und im Gleisbau für die Eisenbahn.

Eines Tages wird er Zeuge eines Verbrechens, welches ihn nicht mehr loslassen wird. Außerdem lernt er Gladys (Felicity Jones) kennen und verliebt sich in sie. Später wird er auf Arn (William H. Macy) treffen. Erzählt werden einzelne Stationen aus Roberts Leben und kommentiert wird das Ganze von einer namenlosen Stimme (Will Patton).

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„Train Dreams“ (2025): Vermeintliche Belanglosigkeit als Stärke des Films

Wie bereits erwähnt, gibt es in „Train Dreams“ keine ultimativen Höhepunkte. Es ist schwer, eine Agenda auszumachen, ein Finale wird man auch vermissen und all das spielt auch gar keine Rolle. Selbst Robert als Figur ist unerheblich und könnte durch jede x-beliebige Figur ersetzt werden, selbst durch die Person, die dies gerade liest (no offense).

Dabei ist die vermeintliche Belanglosigkeit im Sinne einer dramatischen Erzählung die Stärke des Films, die Regisseur Clint Bentley beeindruckend in Szene setzt. Anstelle von großen Bildern und markanten Momenten gibt es Robert, umgeben von Bäumen. Es liegt etwas Wahrhaftiges in diesen Bildern und auch wenn es für das Publikum nichts außer Robert gibt, an dem es sich festhalten kann, ist man doch emotional zutiefst involviert.

train dreams film

„Train Dreams“ erinnert die Zuschauer*innen daran, dass alles endlich und man selbst nur ein kleiner Teil eines großen Prozesses ist, der gar kein Ziel kennt und entweder selbst irgendwann einmal enden oder sich in etwas anderes transformieren wird, ohne viel Aufhebens und ohne Brimborium. Während Robert am Bau einer Eisenbahnbrücke beteiligt ist, wird in Form einer Vorschau eine andere Brücke gezeigt, die in der Zukunft errichtet und die die jetzige Brücke ihrer Bedeutung entheben wird.

Dokumentarisch, meditativ und existenziell

Es wird Robert gezeigt, der auf jene neue Brücke hinabblickt. Später im Film wird aus dieser Vorschau die Gegenwart und gänzlich unkommentiert wird die neue Brücke erneut ins Bild gerückt. Was nicht gezeigt wird, ist der Bau jener Überführung und auch nicht deren feierliche Einweihung.

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In dieser Hinsicht gleicht der Film „Train Dreams“ einer Dokumentation. Er zeigt Dinge und provoziert gegebenenfalls Fragen, bleibt aber die Antworten schuldig. Damit er etwas zutiefst Meditatives und gibt dem Publikum die Möglichkeit, einmal innezuhalten und nachzudenken. Gibt es, so kann man sich fragen, im eigenen Leben Höhepunkte, Ereignisse, auf die man absolut hinarbeitet, die von definierender Bedeutung sind?

Wenn ja, was geschieht, nachdem diese Ereignisse ihre Vollendung erfahren haben? Bleiben sie bedeutend oder werden sie ersetzt? Verglühen sie als ein Leuchten aus der Vergangenheit? In „Train Dreams“ wird eingangs erwähnt, dass Robert in hohem Alter sterben würde, und am Ende kann man sich aus Zuschauer*in selbst fragen, worauf es ankommen wird, wenn man selbst am Schluss stirbt.

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Fazit

„Train Dreams“ ist weder ein erbaulicher Film, noch erzählt er die Geschichte eines tragischen Helden. Im Zentrum steht eine Nebenfigur, die irgendwann auf der Bildfläche der Geschichte erscheint und irgendwann auch wieder verschwindet. Unabhängig von der konkreten Vita dieser Figur und den Ereignissen, die ihr während der 102 Minuten Laufzeit widerfahren, ist sie eine Identifikationsfigur für alle, die den Film schauen, denn am Ende ist niemand größer oder kleiner als sie.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(78/100)

„Train Deams“ (2025): Seit 21.11.2025 auf Netflix.

Weitere Infos: IMDb | Rotten Tomatoes

TRAIN DREAMS

Bilder: © 2025 BBP Train Dreams. LLC. / Netflix