In seiner zweiten Regie-Arbeit widmet sich Joel Edgerton einem zuletzt oft filmisch bearbeiteten Thema: In „Der verlorene Sohn“ wird Homosexualität aus einer bisher eher unbekannter Perspektive beleuchtet. Jared (Lucas Hedges), Pastorensohn und College-Student, wird von seiner Familie, allen voran seinem Vater, in ein „Anti-Homo-Camp“ gesteckt, um ihm seine „unchristlichen Neigungen“ auszutreiben. Zuerst offen und bemüht um „Besserung“ erkennt Jared mit der Zeit die fragwürdigen Methoden hinter der dort praktizierten Konversionstherapie. Ab 21.2. im Kino.

In erster Linie ist „Der verlorene Sohn“ ein durchaus gelungenes Familiendrama geworden, das sich der Frage widmet, wie eine Familie damit umgehen soll, wenn ein Mitglied eine Entscheidung trifft, die gegen ganz zentrale Glaubenssätze anderer Familienmitglieder verstößt. In dem Fall ist es Jared, der auf dem College seine homosexuellen Neigungen entdeckt. Als er von einem Kommilitonen vergewaltigt wird, der ebenso schwul ist, ist Jared zuerst irritiert, vertraut sich aber dann seiner Familie an. Seine Mutter (Nicole Kidman), durchaus wohlmeinend, hält sich vorerst zurück, und überlasst Ehemann Marshall, dem lokalen Pastor (Russel Crowe), die Entscheidung. Der berät sich mit seinen Kollegen in der Gemeinde und will Jared schließlich in das „Love in Action“-Camp bringen, wo der in wenigen Tagen auf den „rechten Weg“ zurückgebracht werden soll.

Jared ist zuerst durchaus offen und bemüht sich, seiner Familie zuliebe aktiv teilzunehmen. Relativ schnell aber gerät er mit dem Leiter des Programms, dem Hardliner und Scharlatan Victor Sykes (Edgerton selbst), und dessen Team (in einer seltenen Rolle: Flea von den Red Hot Chili Peppers!) aneinander, und findet anstatt zu dem ihm vorgezeichneten Weg zu sich selbst.

„Der verlorene Sohn“ ist ein guter Film. Erzählerisch etwas zu brav, überzeugt er vor allem durch seine Schauspieler, allen voran Nicole Kidman als geläuterte Mutter, die spät, aber doch das Drama um ihren Sohn erkennt. Auch (ein um wohl mehrere Dutzend Kilos erschwerter) Russel Crowe lässt sein großes Talent wieder einmal aufblitzen, während Lukas Hedges seine Hauptrolle solide herunterspielt. Besonderes Lob gebührt den beiden Letztgenannten für die glaubwürdige Darstellung der Schlussszene, die das emotionale Dilemma beider spürbar macht: Der Sohn weiß, was er will, und kann dazu stehen, sehnt sich aber dennoch nach Anerkennung und Liebe des Vaters; der Vater – kein schlechter Mensch – rennt gegen innere Wände an, da das, was sein Sohn repräsentiert, gegen so ziemlich alles verstößt, woran er sein Leben lang geglaubt und was er gepredigt hat. Dass beide dennoch einen Weg finden, spricht für die humanistische Haltung des Films.

Hinterfragen kann man die Entscheidung der Macher, die Handlung in einer unlinearen Erzählweise zu präsentieren. Es ist nicht wirklich schlüssig, welchen Vorteil das in dem konkreten Fall bringen hätte sollen – fällt aber zum Glück nicht sonderlich negativ ins Gewicht. Die Inszenierung hätte sich mitunter etwas mehr „Pep“ verdient, teils schon fast bieder erscheint der Erzählton über weiter Strecken.

Fazit:

Davon abgesehen ist wenig an „Der verlorene Sohn“ auszusetzen, der ein solides, durchaus sehenswertes Drama geworden ist, der ein schwieriges Thema ausgewogen und aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, und auch Verständnis und Empathie für die „Antihelden“ der Geschichte (Jareds Vater) aufbringt, und ihnen Lernfähigkeit zugesteht.

Bewertung:

7 von 10 Punkten

von Christian Klosz

Bilder: © 2018 UNERASED FILM, INC.