„Marco“ von Haneef Adeni beginnt mit einer Triggerwarnung, dass in dem Film Gewalt an Frauen, Kindern und Schwangeren gezeigt werde – und noch nie war eine Triggerwarnung gerechtfertigter. Der laut PR „brutalste indische Film aller Zeiten“ erscheint nun am 27.11.2025 in den deutschen Kinos und parallel auch als Video-on-Demand im Heimkino. Wird das Werk seinem Ruf gerecht?

von Pascal Ehrlich

Wer „indischer Film“ hört und sofort an die melodramatischen Bollywood-Musicals denkt, könnte nicht weiter entfernt sein von der Realität: So wie Indien nicht einfach Indien ist, ist die indische Kinolandschaft divers und kaum zu überblicken. Neben den im „Westen“ bekannten und auch beliebten Bollywood-Filmen gibt es Telugu-Filme, die derzeit kommerziell erfolgreichsten Filme, zu denen das Epos „Baahubali“ 1 & 2 gehört oder auch „RRR“, der sogar mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

„Marco“ offenbart unfassbare Brutalität

Es gibt Tamil-Filme, die sich mit sozialen Themen auseinander setzen oder eben auch Malayalam-Filme, die sich auch als „Prestige-Kino“ einordnen lassen. „Marco“ hingegen fasziniert durch seine Kompromisslosigkeit. Die Laufzeit von 2 Stunden 30 fällt überhaupt nicht auf, weil der Film von Anfang an auf Plotkohärenz verzichtet und nur auf das Spektakel fokussiert ist.

Marco, der titelgebende „Held“, ist der adoptierte Sohn einer indischen Gangsterfamilie. Aufgrund eines Zwischenfalls wird der tatsächlich Sohn der Familie von einer anderen Gangsterfamilie brutal umgebracht (Säurebecken!). Daraufhin schwört Marco Rache. Viel mehr gibt es zum Plot nicht zu sagen, immer wieder kommt es zu Rückblenden, die die Figuren und deren Beziehungen ein wenig vertiefen sollen; doch schlussendlich bleibt wenig davon hängen.

Was in Erinnerung bleibt, ist nicht nur die kaum in Worte zu fassende Brutalität – Marcos Pfad der Rache ist gepflastert mit Kettensägen, Säurebecken, Maschinengewehren und getränkt in literweise Blut -, sondern die übertriebene Coolness des Films, die nur sehr selten ironisch gebrochen wird. Wenn heutzutage muskulöse Männer in viel zu engen Anzügen in Slowmotion durch die Gegend stapfen, werden diese Szenen meist ironisiert oder zumindest im Rahmen der Plots kontextualisiert.

„Marco“ funktioniert hingegen mehr wie ein Amateur-Deutsch-Rapp-Video mit zu viel Budget. Eine völlig überstilisierte Ästhetik wird mit einem Schnittgewitter gepaart, dessen Fokus nicht das Narrativ ist, sondern lediglich der Eskalationslogik folgt und den Affekt bedient. Das heißt: Geschnitten wird in „Marco“ nur, um die „Coolness“ oder um die Brutalität zu verstärken.

Gewalt als coole Beiläufigkeit

Der Film ist, um es nochmal zu betonen, ultrabrutal – Gesichter werden eingeschlagen, Beine gebrochen und Arme abgesägt. Das tatsächlich Verwerfliche an „Marco“ ist aber einerseits die „Coolness“ mit der die Brutalität zelebriert wird und andererseits die Beiläufigkeit mit der die Gewaltakte inszeniert werden.

Natürlich werden die meisten Actionsetpieces voll ausgeschlachtet, indem die Kamera einfach draufhält, aber immer wieder, gerade auch am Anfang, wird die Gewalt nur über den Sound von brechenden Knochen und blutendem Fleisch angedeutet. Dass diese Gewaltakte nur für sich selbst stehen und keine Bedeutung für Plot oder Figuren hat, macht die Sache um so kritischer. Figuren werden im Film eingeführt, nur um dann im letzten Drittel, in dem tatsächlich alle Dämme brechen, was die Gewalt betrifft, auf brutalste umgebracht werden.

Fazit

„Marco“ ist ein zynischer und Gewalt verherrlichender Film, dessen Überwältigungsstrategien beim Schauen sicherlich funktionieren. Doch selbst das sonst so abgebrühte Slash-Publikum, das auch hier wieder beinahe jede Szene feierte, ist im letzten Drittel des Films mucksmäuschenstill geworden…

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

„Marco“ wurde im September 2025 im Rahmen des Slash Filmfestival gesehen, das in Wien stattfand.

(Artikel am 27.11.2025 upgedatet.)

„Marco“ – Trailer

Bild: (c) Slash Filmfestival 2025