Es ist weit nach Mitternacht. Ich kauere nägelbeißend auf der Kante eines Kinosessels in der letzten Reihe des Filmcasinos. Das mir sonst so mundende, tschechische Bier aus dem Buffett liegt plötzlich schwer im Magen, denn ich degustiere eine der ungustiösesten Szenen meiner Laufbahn als cineastischer Gourmand, sie involviert eine bildhübsche Mexikanerin und einen potthässlichen Waldgnom.

Hier, gut in der zweiten Hälfte des Films, tut sich die Saaltür auf und eine nicht mehr ganz so junge, dafür volltrunkene Männerbande betritt die Szene. Natürlich machen sich die leicht verspäteten Besucher just in der Reihe breit, die ich einen Augenblick zuvor noch ganz für mich alleine hatte und danken höflich, als ich sie innerlich aufschreiend passieren lasse. Sogleich setzt infantiles Gelächter ob des Gesehenen ein, was zwar die Anspannung entschärft, akustisch aber Überhand gewinnt, doch nur bis das berauschteste Bandenmitglied schlagartig in den Tiefschlaf verfällt und mit seinem Schnarchen alles übertönt. Die restliche Gruppe ist sich rasch einig, was zu tun ist, schleicht sich, das Kichern mühsam unterdrückend, aus dem Saal und lässt mich alleine mit dem menschlichen Sägewerk. Als dessen Schnarchen tatsächlich noch ungustiösere Ausmaße als der Film annimmt, muss ich für dessen zweite Hälfte in die vordere Hälfte der glücklicherweise geräumigen Spielstätte ausweichen. Bei den Endcredits erwacht die Schnarchnase und taumelt schlaftrunken aus dem Kino. Ich bleibe, schließlich wartet noch eine zweite lateinamerikanische Horroranthologie auf mich.

Liebesbrief von Daniel Krunz

Das, liebe LeserInnen, ist das /Slash Filmfestival wie es leibt und lebt. Es kommt mir vor wie gestern, als ich mit einer Karte zu „Valhalla Rising“ das Filmcasino betrat, unwissend was mich erwartet. Beim besten Willen kann ich mich nicht entsinnen, wie ich damals von diesem merkwürdigen neuen Filmfestival erfuhr und würde gerne behaupten, eine geheimnisvolle Schattengestalt drückte mir das Programmheft mit dem roten Schrägstrich in einer dunklen Gasse in die Hand. Sehr lebhaft jedoch ist noch die Erinnerung an die Atmosphäre, die einem an diesem Abend entgegenschlug. Es fühlte sich an, als sei man Mitglied eines exklusiven Clubs geworden, einer geheimen Interessengemeinschaft, deren Aufnahmeritus alleine daraus besteht, gemeinsam fantastische Filmkunstwerke zu genießen.

/Slash-Direktor Markus Keuschnigg, © Hanna Pribitzer

Ein wenig schmerzt es zwar, dass dieser Abend schon rund ein Jahrzehnt zurück liegen soll, für das Team und alle FreundInnen des /Slash ist dies aber zweifellos ein Grund zur Freude. Das Festival des fantastischen Films feiert seine zehnte Ausgabe und hat wieder ein fantastisches Programm aus alten und künftigen Klassikern, aufregenden Rahmenveranstaltungen und illustren Gästen zusammengestellt. Das Herzensprojekt einer Gruppe CineastInnen rund um Markus Keuschnigg wuchs in der vergangenen Dekade vom Geheimtipp zur Institution, die nicht mehr von der Kinolandkarte wegzudenken ist. Darum darf ich Euch, liebes /Slash, alle Eure Mitwirkenden und alle braven SupporterInnen im Namen der ganzen Redaktion herzlich zum zehnten Jubiläum Eures Festivals beglückwünschen!

Gleichzeitig spreche ich Euch Dank für neun Jahre voll unvergesslicher Kinoerlebnisse aus, denn während dieser Erfolgsgeschichte durfte auch meine Wenigkeit noch viele denkwürdige Augenblicke in den altehrwürdigen Hallen des Filmcasinos, Gartenbau- und Metro Kinos erleben. Ich sah gigantische Gottesanbeterinnen, rotzfreche Zweitklässler-Zombies, und whiskysaufende Werwolf-Cops. Ich stand neben Trash-König Lloyd Kaufman am stillen Örtchen, ließ mir von Horror-Maestro Dario Argento die ehrfürchtig zitternde Schulter tätscheln und spielte um vier Uhr Früh im neuesten Action-Kracher aus Uganda mit.

Bild von der /Slash-Eröffnung 2018, ©Mercan Sümbültepe

Natürlich habe ich damit die vielen anderen Sternstunden der /Slash-Historie ausgespart. Ihr habt fetzige Parties veranstaltet, die Stadt mit Zombieaufläufen unsicher gemacht und Weltstar Nicolas Cage nach Wien geholt. Doch Eure BesucherInnen haben nun einmal alle ihre eigene Geschichte zu erzählen und dies ist die meine. Das schönste an dieser Geschichte ist aber, dass das familiäre Flair von Tag eins ungebrochen fortwährt. Mit dem Festival ist auch sein Herz mitgewachsen und in diesem finden immer neue Menschen Platz. Ein Besuch beim /Slash fühlt sich immer noch an, als würde man heimkommen und einen Abend unter Freunden verbringen. Man trifft alte Bekannte, kann mit Gleichgesinnten fachsimpeln, kurzum: Man fühlt sich als Filmgeek bestens aufgehoben.

Wir wünschen Euch, dass Ihr bleibt, wie Ihr seid und wir gemeinsam noch viele spannende Kinoabende erleben! Wir sehen uns am /Slash!

Film plus Kritik berichtet in den kommenden Tagen ausführlich vom /Slash. Das Programm könnt ihr HIER einsehen, einen ersten Vorgeschmack auf den Eröffnungsfilm „The Lodge“ bekommt ihr HIER in unserer Kritik.

Derzeit findet im Filmmuseum Wien auch einen ausgedehnte Giallo-Retrospektive in Kooperation mit dem /Slash statt. Unsere Berichterstattung könnt ihr HIER und HIER nachlesen.