Was macht eigentlich ein Genre aus? – Eine streitbare Frage, besonders im Fall des Giallo-Films, dessen oft eng gefassten Definitionen nicht dem vollen Spielraum dieser Stilrichtung gerecht werden. Fakt ist: Der Begriff stammt vom italienischen Wort für „Gelb“ und bezeichnet zunächst eine Groschenroman-Reihe, die Detektivgeschichten von Christie bis Wallace abdruckte und durch ihre knallgelben Umschläge auffiel. Mittlerweile ist die Farbbezeichnung im allgemeinen Sprachgebrauch etwa gleichbedeutend mit dem deutschen „Krimi“. Als cineastisches Attribut steht der Name für ein ganz spezifisches, stilverliebtes Genre des italienischen Kinos, das Anfang der 1970er seinen Zenith erlebte. In Kooperation mit dem /slash Filmfestival kuratierte das Wiener Filmmuseum nun eine umfangreiche Retrospektive zum gelben Phänomen, die mit über vierzig Filmen auch thematische Vorreiter und Nebenerscheinungen auf die Leinwand bringt und somit die weltweit größte ihrer Art darstellt.

Bericht von Daniel Krunz

Gemeinhin verbindet man mit der Spielart, die sich irgendwo zwischen Mysterythriller und Horror verortet, schwarzbehandschuhte Serienmörder mit vornehmlich weiblichen Opfer und freud’schen Tatmotiven. Ausnahmen bestätigen die Regel und eine ebensolche Ausnahmeerscheinung eröffnete die Werkschau, namentlich der Filmemacher Aldo Lado, der in seiner langen Karriere „nur“ zwei Werkbeiträge ablieferte, die aber dank ihrer Intensität und persönlichen Note zurecht als Kultklassiker des Genres gelten. Lado war bei der Vorführung seiner zwei Arbeiten persönlich anwesend und lieferte aufschlussreiche Einblicke in deren Entstehungsprozesse.

„Malastrana“ („La corta notte delle bambole die vetro“) Aldo Lado, 1971

Auf den Straßen von Prag wird ein toter Amerikaner aufgefunden und ins Leichenschauhaus gebracht. Dort kommt der Mann wieder zu Sinnen, liegt allerdings in einer Art Wachkoma und kann sich nicht bemerkbar machen. Verzweifelt versucht er, die Bruchstücke seines Gedächtnisses zusammenzufügen und erinnert sich an seine Geliebte (späteres Bond-Girl Barbara Bach), die auf mysteriöse Weise verschwand. Allmählich fügt sich das Bild wieder zusammen, doch die Zeit drängt und die Autopsie naht.

„Malastrana“ rollt die Giallo-Prozedur gewissermaßen von hinten auf und lässt die Erzählung rückblendend in ihren Anfangspunkt kulminieren. Überhaupt nimmt das Werk in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung im Genrekanon ein. Gleichzeitig bedient es narrative und stilistische Instrumente der Gattung und umschifft andere mit einem großzügigen Bogen und gemächlichem Tempo. So steht auch keine blutrünstige Mordserie im Blickfeld, sondern ein nicht minder dunkles Geheimnis, das unter den blechernen Dachkronen der Kaiserstadt verborgen liegt. Bei der Kreation der enigmatischen Atmosphäre eilt Aldo Lado kein geringerer als Ennio Morricone zu Hilfe, dessen Soundtrack meisterhaft das Klimpern eines Kristalllusters nachempfindet und eine hypnotische audiovisuelle Synergie generiert.

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„Was wir ignorieren ist weitaus zahlreicher als das, was wir wahrnehmen.“, meint eine Figur und charakterisiert gleichsam die dramaturgischen Finessen geschickt konstruierter Gialli, wie dieser einer ist. Das Publikum bekommt die Puzzleteile schon früh zugeschoben und muss schließlich die eigene Blindheit gegenüber den Hinweisen beklagen. Vermeintlich, denn hier herrschen ganz eigene Gesetze der Logik, die der Macht des Zufalls unterworfen sind. Die entscheidenden Steine werden in letzter Minute in die Vorlage gehämmert und ergeben ein betont abstraktes Schlussbild.

„Von hinten herum“ war auch die Devise bei der Umsetzung des Drehplans, wie Lado schildert. Um Einmischungen des tschechoslowakischen Regimes aus dem Weg zu gehen, doubelten in vielen Szenen Zagreb und Ljubljana den Prager Schauplatz. Für die unverzichtbaren Außenshots wiederum wurde den Behörden das Projekt als Dokumentarfilm über die Stadt verkauft. Frechheit siegt, was auch ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des Giallo-Films an sich ist.

„The Child – Eine Stadt wird zum Alptraum“

„The Child – Die Stadt wird zum Albtraum“ („Chi l’ha vista morire?“) Aldo Lado, 1972

Ein Jahr später inszenierte Lado dann auch seine Heimatstadt Venedig als Brutstätte des Bösen, namentlich in  „Chi l’ha vista morire“. Die Tochter eines erfolgreichen Bildhauers (Ex-Bond George Lazenby) wird von einem Unbekannten ermordet, die Leiche in den Kanälen von Venedig entsorgt. Der gebrochene Vater nimmt die Ermittlungen selbst in die Hand, entdeckt Hinweise auf frühere Morde und wird Zeuge weiterer Bluttaten.

Wie die Ego-Perspektive des Killers, die sich der spätere Slasher-Trend borgt und „The Child“ nach noch früheren Vorbildern vorwegnimmt, ist auch der Rest des visuellen Designs von einem dunklen Schleier verhüllt. Lado zeichnet die Lagunenstadt bis auf dekadente Interieurs und heimliche Innenhofgärten durchwegs in schmutzigen Grau- und Brauntönen und zeigt damit ein Venedig, dass in dieser Form heute nicht mehr besteht. Und wieder komplettiert Morricone das Spektakel; diesmal dirigiert der Maestro einen schauerlich anhebenden Kinderchor, der das nahende Unheil kassandrisch besingt und besagte „Stalk and Slash“-Sequenzen übermalt. Man fühlt sich schon ein wenig schuldig, wenn man in Antizipation dieser Erfahrung den nächsten Mord beinah herbeisehnt.

Das genrespezifische Stilbewusstsein eint die beiden Werke, doch bei aller Oberflächenbezogenheit ist es der darin eingebettete Subtext, der Lados Gialli zum Kuriosum der Gattung erhebt. Gesellschaftspolitische Implikationen und antiimperialistische Bekenntnisse werden parabelhaft verarbeitet, ohne ins Schulmeisterliche auszuufern. Man hat es eben immer noch mit einer abstrahierten Abbildung der menschlichen Psyche und sozialer Machtverhältnisse zu tun.


Die Giallo-Retrospektive läuft noch bis 24. Oktober und bietet nebst weiteren essentiellen Klassikern auch zahlreiche Geheimtipps an. Film plus Kritik berichtet auch die nächsten Wochen schwerpunktmäßig von der Schau und spricht Film-Empfehlungen aus. Doch Vorsicht: Das Gelbfieber ist höchst ansteckend!

Infos:

„The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ ist ein zweites Mal am 18.9. um 19:00 im Filmmuseum zu sehen.

Weitere Programminfos und Termine gibt es HIER.

Aldo Lado war im Filmmuseum vor Ort. Foto: Mercan Sümbültepe / Österreichisches Filmmuseum

Motiv Titelbild: „Malastrana“

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