Was macht eigentlich ein Genre aus? Zumindest was den Giallo Film betrifft, der zur Zeit im Wiener Filmmuseum vollste Zuwendung erfährt, haben wir uns bereits einer Antwort genähert. Nachdem in Teil 1 die narrativen Konventionen aufgeschlüsselt wurden, sollen nun die stilistischen unter die Lupe genommen werden, schließlich wird der Giallo nicht müde, die Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung bei dieser Filmspielart zu betonen. Den Aufbruch in Moderne wagt der Giallo mit wehenden Bannern, besinnt sich aber gleichzeitig auf die experimentierfreudigen Ursprünge der Filmkunst. Ein offensiver Bruch mit Sehgewohnheiten liefert neue Perspektiven und auch auf dem filmischen Sektor ist die Reanimation der Avantgarde eine Suche nach neuen Techniken, bei der vergangene Überlegungen wiederentdeckt und neue Impulse gesetzt werden.

von Daniel Krunz

Der subjektive Blick

Die Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Wirklichkeit ist ein beliebtes Giallo-Motiv, das nicht allein als narratives Element in Erscheinung tritt, sondern auch wesentlich  auf visueller Ebene mitgetragen wird. POV-Shot, First-Person Camera, Ego-Perspektive; die Realisationen subjektiver Kameraführung haben viele Namen und einen gemeinsamen Nenner: die direkte Wiedergabe der visuellen Wahrnehmung einer Person. Eine populäre Erscheinung bildet die Killer-POV des Slasher-Films, dessen Prototyp „Halloween“ und sein Urheber John Carpenter dem Werkzeug eine neue Arbeitsfläche schenken und sich nicht nur in diesem Aspekt ausdrücklich auf gestalterische Strategien des Giallo-Films beziehen. Die gemeinsame Quelle des Stilmittels entspringt bei Alfred Hitchocks „Psycho“, der neben der Formgebung betreffender Duschszene eine ganze Reihe weiterer Motive definiert, die vom Giallo umkontextualisiert werden. Das Einnehmen der Mörderperspektive zwingt dem Publikum die Sicht eines blutrünstigen Ungeheuers auf und hält ihm gleichzeitig einen als Voyeur entlarvenden Spiegel vor.

Bei voller Entfaltung der Technik setzt sich der Perspektivenwechsel aber über die Personalebene hinweg und erhebt die Kamera selbst zur höchsten, aussagekräftigsten Erzählinstanz. Obskure Einstellungswinkel und abenteuerliche Erkundungsfahrten manifestieren ein unsichtbares, doch allsehendes Auge, das buchstäblich über den Dingen steht. Im steten Dilemma zwischen Informationsfluss und -entzug weiß das Okular nämlich zeitgleich zu enthüllen und verschleiern.

Fallbeispiele: „The Child-Die Stadt wird zum Alptraum“ („Chi l’ha vista morire“) Aldo Lado, 1972; „Quäle nie ein Kind zum Scherz“ („Non si sevizia un paperino“) Lucio Fulci, 1972; „Opera“, Dario Argento, 1987

Traumbilder

Wenn auch der Begriff „subjektiv“ die Bildsprache des Giallo prägt, ist doch die Wahl des richtigen Objektivs ebenso entscheidend. Der als typisch assoziierte Look des Genres setzt sich zu gleichen Teilen aus kreativer Kameraführung, trendigen Bildkomponenten und nicht zuletzt ihrer charakteristischen Rahmung zusammen.

Die Erinnerung spielt beim Entschlüsseln der Mysterien eine tragende Rolle, dementsprechenden fungieren Rückblenden, Träume und Visionen als beliebte Schlüsselszenen. Diese aufflackernden Fragmente im Mosaik der Indizien sind von einem charakteristischen Schimmer überzogen, geschaffen von Weichzeichnern und kaldeidoskopischen Effektfiltern. Es sind klar überzeichnete, halluzinatorische Trugbilder, deren Bedeutung sich erst nach und nach offenbart. Wie in einem psychedelischen Rausch verdichten sich die Seheindrücke zu schillernden Phantasmagorien mit einem wahren Kern. Undurchschaubare, kryptische Botschaften instabiler Psychen treten an das Publikum heran und stellen ihre eigene Glaubwürdigkeit in Frage. Essentielles rückt in den Fokus, Unwichtiges wird ausgespart und Emotionen erfahren abstrahierte Visualisierung.

Der Giallo ist eindeutig kein Kind des Realismus, die Fantastik wird in der Regel thematisch nur leicht tangiert und ambivalent bewertet. In den hochstilisierten Traumgesichten erfährt das Surreale aber doch liebevolle Zuwendung und wird zu einem der markantesten und am öftesten kopierten Kennzeichen des Genres.

Fallbeispiele: „Vier Fliegen auf grauem Samt“ („4 mosche di velluto grigio“) Dario Argento, 1971; „Der Killer von Wien“ („Lo strano vizio della signora Wardh“) Sergio Martino, 1971; „Das Auge im Labyrinth“ („L’occhio nel labirinto“) Mario Caiano, 1972; „Das Haus der lachenden Fenster“ („La casa dalle finestre che ridono“) Pupi Avati, 1976

„Der Killer von Wien“. Quelle: TMDb

Der Ton macht die Musik

Soll heißen: Die Musik gibt den Ton an, nämlich den Grundton der transportierten Stimmungen, mal als lautstark bestätigendes Spannungselement, mal als kontrastive Harmonie zum visuellen Konflikt. Klassische Gialli sind nicht nur Bilder-, sondern auch Hörbuchbeispiele der Gesamtkunstwerk-Philosophie der Stilrichtung. Die Vertonung bricht aus ihrer Rolle als subtile Untermalung heraus und erwächst zum unverzichtbaren Symbionten der Bildebene. Giallo-Soundtracks leben von ihrem Wiedererkennungswert, sind aber dennoch nicht auf eine singuläre Stilrichtung festzuschreiben. Die Bandbreite der Leitmotive reicht von kontemporären Trends wie Bossa Nova über Prog-Rock bis hin zu den zeitlosen orchestralen Kompositionen, deren hohes Sampling-Potantial bis in hochaktuelle Produktionen nachwirkt und nicht nur in Filmen von Quentin Tarantino Anwendung findet.

Oft sind die Musikschaffenden sind nicht minder prominent als die Filmemacher, Namen wie Ennio Morricone oder die Rockband Goblin schaffen sich ordentlich Gehör, wenn sie lautstarke Plädoyers zur Bedeutung der Musik als poetologische Größe im Medium Film formulieren. Mithilfe von Cembalos, Glockenspielen und Synthesizern entstehen sorgfältig durchdachte Symphonien, die in den besten Fällen die grundlegendsten Emotionen des Genres vereinen: Melancholie, Angst und Leidenschaft.

Hörproben: „Die neunschwänzige Katze“ („Il gatto a nove code“) Dario Argento, 1971 – Soundtrack von Ennio Morricone; „Der Killer von Wien“ („Lo strano vizio della signora Wardh“) Sergio Martino, 1971 – Soundtrack von Nora Orlandi; „Rosso-Farbe des Todes“ („Profondo Rosso“) Dario Argento, 1975 – Soundtrack von Goblin

Farben, Zahlen, Tiere, Texturen

Im Genre mit dem Namen „Gelb“ ist der Name oft Programm und manche Produktionen machen sich einen wahren Sport aus dem symbolträchtigen Einsatz besagter Farbe. Die wenn auch nicht quantitativ vorwiegende, doch zweite einprägsame Färbung des Giallo rührt von dem meist dramatisch überhöhten, knallroten Kunstblut, das vergossen wird. Die Mischung ergibt Orange, eine Trendfarbe der 1970er, die als goldenes Zeitalter des Giallos gesehen werden kan.

Neben den gesellschaftlichen Implikationen des Genres funktioniert es auch als visuelles Zeitdokument der Schwelle zwischen Sixties und Seventies. Die poppigen Signalfarben weichen allmählich mehr geerdeten Tönen und der Aufbruch geht ins Ankommen über. Gerade deswegen aber gewinnt in dem zeitbewussten Genre die zeitlose Ästhetik von Primärfarben oder dem Schwarz-Weiß Kontrast maßgebliche Bedeutung und ist ein visuelles Bindeglied von Gialli unterschiedlicher Epochen. Schwarze Lederhandschuhe, rote Telefone und silbrig glitzernde Stahlklingen auf purpurnem Samt sind die farblich kodierten Gefährder der neugewonnenen Gemütlichkeit. Die Urheber der namhaftesten Giallo-Kunstwerke färben die Leinwand nach feinabgestimmten Schemen und lassen zwecks größtmöglichen Kontrast auch weiße Flecken frei.

Die Farbgebung ist aber nur ein Aspekt der Bedeutung, die der Giallo Oberflächen beimisst. Die Spannweite dieser Kategorie setzt bereits auf der Metaebene, bei der Genrebezeichnung und Betitelung der Werkbeiträge an. Bilder werden Worte auf auffällig designten Filmplakaten, mit eindeutigen Tendenzen zur Nennung von Farben und Materialien. Zum Vokabular der buchstäblichen Symbolsprache gehören aber auch Zahlwörter und Tiernamen, die sich manchmal auf bedeutsame Storyelemente beziehen, sich aber auch als Konvention verselbstständigen und mehr die Marke als das Produkt bewerben. Wieder ist hier Dario Argento der Trendsetter und glühendster Fanatiker des Brauchtums, wenn in seinem Titel „Vier Fliegen auf grauem Samt“ je eine Zahl, ein Tier, eine Farbe und ein Material genannt werden.

Fallbeispiele: „Blutige Seide“ („Sei donne per l’assassino“) Mario Bava, 1964; „Der schwarze Leib der Tarantel“ („La tarantola dal ventre nero“) Paolo Cavara, 1971; „Der Schwanz des Skorpions“ („La coda dello scorpione“) Sergio Martino, 1971

Bei der Giallo-Retrospektive im Filmmuseum Wien lassen sich noch bis 24.10. viele der gegannten Filme bestaunen. Das Programm ist HIER einsehbar.

Titelbild: „Profondo Rosse“, (c) Stadtkino Basel

Werbeanzeigen