Dass es immer noch möglich ist, dass das simple Vorführen eines neuen Polanski-Films für Aufruhr sorgt, ist an sich schon beachtlich: Die Vorwürfe gegen den französisch-polnischen Filmemacher sind so alt wie allseits bestätigt, der gerichtlichen Verfolgung in den USA ging er bekanntlich durch Flucht nach Europa aus dem Weg, was man durchaus als feig und moralisch fragwürdig bezeichnen kann, gleichzeitig hat er seine Missetaten eingestanden und sich bei seinem Opfer, einer damals 13-Jährigen, entschuldigt, die – noch überraschender – seine Entschuldigung angenommen hat, und gar forderte, man möge den alten Mann doch endlich in Ruhe lassen, er habe genug gebüßt; wünschenswert, dass sich alle sexuellen oder moralischen Vergehen so einvernehmlich aus der Welt räumen ließen.

von Christian Klosz

Dennoch hielt das die PC*-Armee bei den derzeit in Venedig stattfindenden Filmfestspielen nicht davon ab, auf die virtuellen sozial-medialen und realen Barrikaden zu gehen: Unmöglich, wie könne man nur den Film eines Verbrechers zeigen, eines bösen, alten Mannes, des am besten für alle Zeiten mit Verdammung durch kollektive Ignoranz (oder Schlimmeres) bestraft werden sollte. Nachdem sich die Festivalleitung richtigerweise nichts dreinreden ließ, und den Film im Programm behielt, straften die selbsternannten Ritter und Retter der totalen Moral Venedig und Polanski durch Boykott(-aufrufe) der Screenings von „J’accuse“. Geradezu überraschend vernünftig abwägend hingegen fiel der Umgang der diesjährigen Jury-Präsidentin Lucrecia Martel aus. Sie tat sich sichtlich schwer damit, einen neuen Polanski-Film als Wettbewerbs-Hauptgang vorgesetzt zu bekommen, kommunizierte aber schließlich der Öffentlichkeit jenen Kompromiss: Sie werde sich den Film natürlich ansehen und ihn objektiv und wertfrei beurteilen – denn sonst wäre sie nicht geeignet für ihre Funktion, und könnte sie nicht ausüben – wolle aber der Galapremiere des Films fern bleiben, da sie kein gutes Gefühl dabei hätte, Roman Polanski zu feiern. Ein solches Maß an erwachsener Reflexionsfähigkeit muss der PC-Mainstream erst einmal entwickeln.

Warum ist das Thema nun überhaupt einen Artikel wert? Weil es sich bei „J’accuse“ einerseits um einen in mehrfacher Hinsicht hochaktuellen Film handelt, der auch Themen wie „kollektive Rachsucht“ und populistische Macht behandelt, die Polanski wiederum in Interviews indirekt auf seine persönliche Situation bezog – was zumindest hinterfragenswert ist. Andererseits ist der oben geschilderte Umgang ein weiteres Beispiel für die Infantilisierung und totale Verknappung wichtiger kultureller und gesellschaftlicher Diskurse, deren Teilnehmer zu einem Gutteil jegliches Gefühl für Komplexität(en) und Bewertungen jenseits eines rigiden schwarz-weiß-Schemas verloren haben.

Die Tatsache, dass einigen die Fähigkeit zur Trennung zwischen Werk und „Autor“ abhanden gekommen ist (und das teils durchaus selektiv), mag mitunter auch mit der völlig realitätsfernen Vorstellung zu tun haben, dass Stars und Persönlichkeiten der Öffentlichkeit moralische „Übermenschen“ sind oder sein müssen. Wer nur ein wenig gegen dieses Ideal verstößt, wird dämonisiert, verdammt und ausgeschlossen, eine Praktik, die in ihrer Primitivität durchaus an dunkle Zeiten des europäischen Katholizismus erinnert. Insofern hat Polanski in der Sache Recht, wenn er Parallelen zwischen seinem Film und der Gegenwart herstellt, und dem „Social Media-Mob“ vorwirft, „Rechtssprechung ohne Verhandlung und Einspruchmöglichkeit“, also Selbstjustiz, zu üben. Problematisch wird es dann, wenn er selbst sich (ausschließlich) als Opfer stilisiert – da er ja vor Jahrzehnten die Möglichkeit auf ein faires Gerichtsverfahren gehabt hatte, und feige davon gelaufen war, anstatt sich der Situation zu stellen.

Was können wir nun daraus lernen? Es ist kompliziert, und jedenfalls um einiges komplizierter, als die PC-Armee es gern hätte; Verkürzung und Banalisierung wird nicht deswegen besser und „moralischer“, weil sie von der „richtigen“ politischen Seite ausgeht; vielmehr ist all das Ausdruck eines fragwürdigen und tendenziell illiberalen Verständnisses davon, wie eine plurale Gesellschaft funktionieren soll und kann. Es muss auch weiterhin möglich sein, ambivalente Diskussionen zu führen, die Ambivalenzen der Persönlichkeiten der Stars und Sternchen auszuhalten, und ihnen moralische (und rechtliche) Verfehlungen zuzugestehen, ohne ihr künstlerisches Werk postwendend zu verdammen. Wenn wir das nämlich nicht schaffen, haben wir irgendwann (noch mehr) teflonartige Selbstdarsteller ohne Ecken und Kanten und ebensolche Filme, die penibel darauf achten, ja nur keinem auf die Füße zu treten. Wie langweilig wäre das?

*= Political Correctness

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