Bei der Preview des SLASH ½ Filmfestivals vorgestellt als der „kontroversteste Film der Berlinale“, schafft es „Rosebush Pruning“ neben seinem Festivalscreening in ausgewählte österreichische Kinos, wo er das Publikum ebenfalls spalten dürfte. Als eine lose Neuinterpretation von Marco Bellocchios „I pugni in tasca“, wagt sich der Film von Regisseur Karim Aïnouz und Drehbuchautor Efthimis Filippou mit seiner fast schon misanthropischen Art von Satire ziemlich weit aus dem Fenster – die Mischung aus Mord, Inzest und Botega dürfte dabei wahrlich nicht jedem Zuschauer gefallen.
Von Natascha Jurácsik
Ed (Callum Turner) stellt als Narrator der Geschichte seine extrem reiche und extrem psychotische Familie vor, die seit einigen Jahren an der spanischen Küste lebt. Nachdem er ein skandalöses Detail über seine Eltern (u.a. Pamela Anderson), drei Geschwister und sich selbst beschreibt, wird ihm – und dem Publikum – schnell klar, dass sein ältester Bruder Jack (Jamie Bell) die einzige mehr oder weniger „normale“ Person unter ihnen ist. Um ihm eine sorglose Zukunft befreit von den Fängen seiner Verwandtschaft zu ermöglichen, beschließt Ed, in einem Akt der etwas verkorksten brüderlichen Liebe, die anderen nach und nach zu beseitigen.
„Rosebush Pruning“: Der Film, den sich Lanthimos nicht zugetraut hat
Für Filippou ist dies das erste Projekte sein langem ohne Yorgos Lanthimos als Kollaborateur an seiner Seite, was man als gewagten Schritt bezeichnen kann, besonders nach den beachtlichen Erfolgen, die Lanthimos allein in den letzten paar Jahren vorzeigen konnte. Doch die Trennung hat ihm offensichtlich gutgetan – „Rosebush Pruning“ wirkt wie die Geschichte, die sich Lanthimos nicht getraut hat zu erzählen, nur anzudeuten. Statt zu versuchen breitere, gesellschaftliche Aussagen mithilfe seiner Figuren zu treffen, konzentrieren sich Filippou und Aïnouz voll und ganz auf den Mikrokosmos der Protagonisten und lassen zu, dass sich alle möglichen sozio-kulturellen Aussagen ungekünstelt von selbst entfalten.
Das Ergebnis ist eine schockierend düstere Satire, die zugleich einer klassisch griechischen Tragödie nahekommt. Der provozierende Kontrast von Humor und Obszönität wirkt dabei ziemlich nihilistisch, was einigen Kinobesuchern missfallen dürfte, doch die einnehmende Charakterisierung des Erzählers Ed – teils Callum Turners fantastischer Performance zu verdanken – verleiht dem Ton eine zusätzliche Komplexität, die so eine oberflächliche Analyse verwirft. Tatsächlich findet sich hier eines von sehr wenigen Beispielen dafür, wie ein Voice-Over gelungenen eingesetzt werden kann, statt wie ein unkreatives Info-Dumping-Mittel zu fungieren, wie es so oft der Fall ist.
Optisch konfrontiert Aïnouz die verstörende Handlung mit einer sommerlich paradiesischen Ästhetik, die dem Setting würdig ist. Die lebhaften Farbeinstellungen, kunstvoll inszenierten Einstellungen und atemberaubenden Sets erinnern teils an Filme von Luca Guadagnino, doch was „Rosebush Pruning“ unterscheidet, ist Aïnouz‘ Fähigkeit allein mit der Kamera einen Ort voll Schönheit und Luxus in eine klaustrophobische Gummizelle zu verwandeln, in der moralische Grauzonen tiefschwarze Züge annehmen.
Dabei werden wichtige Details durch subtile Gesten und visuelle Andeutungen vermittelt, ohne dass etwas in einem hektischen Getümmel von Schnitten und Szenen etwas verloren – Aïnouz ist offensichtlich kein Freund des „Two-Screens“-Konzeptes, das heutige Produktionen plagt und bei dem mittels Wiederholungen und unnötig vielen Erklärungen darauf geachtet wird, dass der Zuschauer ja nichts verpasst, auch wenn er alle paar Minuten auf sein Handy starrt.

Als eine humorvolle, zutiefst unangenehme Studie einer der gestörtesten Familien, die je auf eine Leinwand projiziert wurde, hält sich „Rosebush Pruning“ kein bisschen zurück und stellt unter Beweis, dass das „Eat The Rich“-Genre, das Branche die letzten Jahre heimsucht, immer noch Raum für Originalität bietet und man mit Inspiration und einer klaren, unverfälschten Vision auch aus alten Klischees noch ein kreatives Projekt machen kann. Die Krönung bietet dabei Matthew Herberts brillant komponierter Soundtrack, der die Handlung nicht nur unterstreicht, sondern wie eine Art zweiter Narrator kommentiert und umschreibt.
Fazit
Ein gewagtes Familienportrait: „Rosebush Pruning“ wird Meinungen zweifelsfrei spalten und für sehr viel Wind sorgen. Als visuell beeindruckendes, zutiefst unbehagliches und bemerkenswert kompromissloses Werk weist es alle nötigen Merkmale einer gelungenen, modernen Tragikomödie auf, die problemlos auch mit den alten Griechen mithalten kann.
Bewertung
(86/100)
„Rosebush Pruning“ lief im Rahmen des Slash 1/2 Festival in Wien (7. bis 9.5.) und ist ab 8.5.2026 auch regulär im Kino zu sehen.
Bilder: ©StadtkinoFilmverleih
