Seit Donnerstag ist es wieder soweit: Das SLASH – Festival des Fantastischen Films macht Wien unsicher und präsentiert zum bereits 12. Mal eine Auswahl an (blutiger) Genre-Kost, die noch bis 3.10. an 3 Spielorten zu sehen ist. Bereits vorab stellte sich die Frage, ob und wie so ein (Publikums-)Festival im zweiten Corona-Jahr funktionieren kann: Die Restriktionen sind strenger als 2020, wo das Festival als eines von nicht vielen überhaupt stattfinden konnte (3G bzw. 2.5G-Regel, FFP2-Maskenpflicht), der „Krisenmodus“ der Gesellschaft ist derzeit nicht nur vielerorts spürbar, sondern schlug sich sogar in den SLASH-PR-Texte nieder, wo mehrfach davon die Rede war. Die erfreuliche Antwort: Es kann funktionieren, und besser als erwartet. „Business as usual“, Kino als geteilte, kollektive Erfahrung mit sozialer Funktion, Gespräche vor und nach den Filmen – das SLASH kreiert eine Welt in der Welt, in der die Realität zwar nicht ausgeblendet wird, aber eine eigene herrscht, die von Film und Cinephilie erfüllt ist und allein dadurch einen Beitrag dazu leistet, dem drohenden Auseinanderdriften der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen.

Film plus Kritik berichtet wie auch die letzten Jahre die kommenden Tage vom SLASH-Festival, heuer erneut in Form eines Festival-Tagebuchs/Reports, der in Kurzkritiken die gesehenen Filme vorstellt. Die Texte werden laufend ergänzt.

von Christian Klosz

Tag 1:

„Jakob’s Wife“ von Travis Stevens

Horror-Ikone Barbara Crampton, mit über 60 immer noch mörderisch gutaussehend, ist die Ehefrau von Pastor Jakob Fedder und fristet als diese ein eher tristes Dasein: Ihr Mann ist mit seinem Beruf verheiratet, für Zweisamkeit und Leidenschaft ist kaum Zeit in dieser soliden, aber langweiligen Ehe. Als eine alte Jugendliebe in die Stadt kommt, trifft sich Anne mit ihm. Aus dem kurzen amourösen Abenteuer wird aber schnell tödlicher Ernst, da eine seltsame Kraft – fortan nur noch „The Master“ genannt – via Vampirbiss Besitz von ihr ergreift: Der blutdürstende Geist weckt ihre Lebensgeister und Anne will sich von den Zwängen, die die Rolle der braven Pastorengattin ihr auferlegen, befreien – wenngleich sich türmende Leichen und Blutlachen eher unerwünschte Nebeneffekte des Emanzipationsprozesses sind, die erst Anne und dann das Ehepaar in ernste Probleme bringen.

„Jakob’s Wife“ ist ein wirkungsvoll inszenierter, kurzweiliger Vampirfilm-Verschnitt, der nicht mit Blut geizt und von einer großartigen Barbara Crampton getragen wird, ohne die er nur halb so gut wäre. Die Message wird zwar etwas zu plakativ präsentiert und neu ist an dem Ganzen auch recht wenig, aber als filmischer Snack für zwischendurch ist der Film durchaus unterhaltsam.

Rating: 54/100

Tag 2:

„Prisoners of the Ghostland“ von Sion Sono

100 Minuten Wahnsinn: Sion Sono schickt in seinem ersten US-Film Nicolas Cage – wen sonst – inklusive Testikel-Bomben-Suit durch ein ort- und zeitloses Geisterland, aus dem der eine junge Frau befreien muss, will er nicht stückweise seine Hoden oder andere Extremitäten verlieren. Sono lässt seinem Kunstsinn freien Lauf und kreiert einen grotesken amerikanischen Eastern-Western mit jeder Menge schönen Bildern, kreativen Einfällen, Kampfszenen, genialen Dialogen und einem Nicolas Cage, der seinem over-the-top-overacting nach Lust und Laune nachgehen darf, nur manchmal beschleicht einen das Gefühl, die beiden wollten etwas zu viel, und beim Streben nach noch irreren Verrücktheiten bleibt die Story und der rote Faden der Erzählung auf der Strecke: Etwas weniger wäre doch mehr gewesen.

Rating: 73/100

„Sweetie, you won’t believe it“ von Ernar Nurgaliev

3 Volltrotteln begeben sich auf einen Fisch-Trip in die kasachische Natur, einer von ihnen hauptsächlich, um seiner keifenden, meckernden Frau, die sein Baby erwartet, für ein paar Tage zu entfliehen. Während sie in Schlauchboot bzw. auf aufblasbaren Gummipuppen (ja, wirklich) durch ein kleines Flüsschen schippern, um ihre nicht vorhandenen Fischereikünste zu demonstrieren, werden sie Zeugen eines Mordes, den 4 andere Volltrotteln verüben, die sich sodann an die Fersen von Trottelgang 1 heften, um deren Mitgliedern mit Nachdruck klar zu machen, dass sie „nichts gesehen“ hätten. Indes verfolgt ein grimmig dreinschauender Psychopath Trottelgang 2, die die grausame Dezimierung ihrer Mitglieder auf Gang 1 zurückführt: Eine völlig irre Verfolgungsjagd durch die kasachische Pampa nimmt ihren Lauf, die die Lachmuskeln der Zuschauer ordentlich beanspruchen wird.

„Sweetie, you won’t believe it“ ist ein wahrer Geheimtipp: Wer an Tarantino’schem Humor und witzigen Gewalteskalationen seine Freude hat, wird hier herrlich unterhalten, bei aller Ironie und Satire ist der Film am Ende doch eine verschrobene Ode an die Freundschaft und Kumpels, die miteinander und füreinander durch Dick und Dünn gehen.

Rating: 75/100

Tag 3:

„Shock Wave 2“ von Herman Yau

Ein Highlight des Festivals: Würde sich das aktuelle US-Kino mit seiner Sequel-Wut ein Beispiel am Hongkong-Film oder insbesondere an Herman Yau nehmen, wäre es nicht so trist darum bestellt. Der nämlich nennt (zum wiederholten Mal) einen seiner Filme genau wie einen anderen, obwohl es keine direkte Fortsetzung ist, sondern lediglich Inhalt und Hauptdarsteller gleich sind. Das beeindruckende Resultat ist ein unheimlich rasanter, bemerkenswert versiert inszenierter Actionkracher mit hohem Unterhaltungswert. Nicht nur das: Die Backgroundstory um einen Bombenkommando-Cop, der zuerst Bein, dann den Glauben und schließlich auch noch sein Gedächtnis verliert, ist überaus komplex und genial konstruiert und macht „Shock Wave 2“ fraglos zu einem der besten Mainstream-Filme des Jahres.

Rating: 90/100

shock wave 2

Tag 4:

„A pure place“ von Nikias Chryssos

Auf einer griechischen Insel gehen seltsame Dinge vor sich: Ein Guru schart eine Gruppe Unterprivilegierter um sich, die die Verfügbarkeit von Seife, sprich Sauberkeit voneinander trennt. Während die Dreckigen in der Unterwelt für deren Produktion verantwortlich sind, genießen die Reinen in der Oberwelt das schöne Leben inmitten von Seifenschaum und wohltuendem Duft. Führer Fust tut alles dafür, dass das so bleibt, greift mit seinen charismatischen Klauen nach den Gedanken seiner Untergebenen, umspinnt ihre Wahrnehmung mit Phatasien von absoluter Reinheit, die Erlösung bringen soll.

„A pure place“ möchte eine Parabel auf gesellschaftliche Hierarchien und ideologische, politische, kulturelle Manien sein, die die „Endlösung“ in der Säuberung der Gesellschaften von allen „schmutzigen“, unliebsamen, gefährlichen (oder als solche titulierten) Elementen sehen. Was zeitgeistig, aber auch universal gültig sein könnte und totalitäres Gedankengut jeglicher Art enttarnen möchte, scheitert an seiner eigenen Inkonsequenz und Oberflächlichkeit. Anstatt tiefschürfender Analyse oder (psycho)analytischen Tiefsinns begnügt sich Regisseur Chryssos weitestgehend mit Symbolen und Gesten, die seine Absicht und Aussage vermitteln sollen. So ist der Film am Ende ein zwar in Ansätzen interessanter, aber seltsam hohler und blutleerer Genre-Beitrag geworden, der einen eher unbefriedigt zurücklässt.

Rating: 46/100

„Tzarevna Scaling“ von Uldus Bakhtiozina

Avantgardistischer Kostümfilm, der die Zeit der russischen Zaren beschwört, feiert, hinterfragt: Die junge Fischladenbesitzerin Polina kann nicht schlafen, zur Kur verschreibt ihr eine seltsame Alte, die bei ihr Fischköpfe kauft, einen besonderen Tee, der die Insomnie beseitigen soll. Polina drinkt abends zuhause ein paar Schlucke – und findet sich in einer bizarren Traumwelt wieder, wo sie in die Regeln, Gebräuche, Rituale der „Tzarevnas“ (Zarentöchter) eingeführt wird. Sie wird in aufwändige Kostüme gekleidet, auffällig geschminkt, lernt Manieren, Tänze und vieles mehr. Am Schluss dieses „Castings“ soll entschieden werden, ob sie das Zeug zur echten Zarentochter hat.

„Tzarevna Scaling“ ist ein seltsamer Film, an dem nicht jede/r Freude haben wird: Die Handlung ist in erster Linie Mittel zum Zweck, zugegeben schöne Kostüme vorzuführen und in Erinnerungen an das zaristische Russland zu schwelgen, während die Erzählung mit (post)modernen Einschüben durchsetzt wird. Wer Spaß an Austattung, Mode und russischer Folklore hat, der/dem wird das gefallen, wer davon nichts wissen will, sollte eher die Finger von diesem Werk lassen.

Rating: 60/100

-> Teil 2 mit weiteren Kurzkritiken

Bilder: (c) Slash Filmfestival