Teil 1 kann man HIER nachlesen!

Tag 7

„Bloody Oranges“ von Jean-Christophe Meurisse

Bitterböse Satire auf die Irrungen und Wirrungen der Dauerkrisengegenwartsgesellschaft in Frankreich (ganz Europas) mit ihrer unter die Räder kommenden Mittelschichten, deren (gefühlter) Bedeutungsverlust sich nicht nur in neuen, alten Resentiments niederschlägt, sondern auch in ganz konkreten, greifbaren Dingen wie finanziellen Schwierigkeiten, persönlichen Probleme, eben Krisen aller Art, was die „Monster“ in Menschen erwachen lässt, wie mit einem Zitat Gramscis illustriert wird: Ein kluger, provokativer Film mit Widerborsten und Kanten, dessen Antwort auf eine Gesellschaft am Abgrund Zynismus ist, als letzte Form der Aufklärung und letzter Hoffnungsschrei, als Analyse und als Erklärung, vielleicht auch als Antwort. Wer sich die Welt gern schöndenkt und -redet, sollte die Hände dringend von diesem „gefährlichen“ Werk lassen, das wie nicht viele aktuell eine Bestandsaufnahme der Jetztzeit wagt, ohne sich in leeren Plattitüden oder simplen Erklärungsmustern zu verrennen: Sehenswert.

Rating: 85/100

„Sukkubus“ von Georg Tressler

„Alpen-Porno“ nannte man dieses Werk aus dem Jahre 1989 despektierlich, als es erschien und keiner es sehen wollte. Dass es damals moralische Entrüstung ob der dargestellten Geschmacklosigkeiten gab, mag wenig verwundern, denn man könnte sich ebenjene auch heute sehr gut vorstellen (vielleicht in etwas anderer Form), würde anno 2021 so ein Film produziert werden. So aber kann man sich gemütlich hinter der Fassade der „wertigen Wiederentdeckung“ verstecken und Darstellungen von sexuellen Übergriffen, Gewalt und Sodomie vom safe spot der ironischen Distanz aus betrachten und sich durch dieses seltsame Machwerk ganz ohne schlechtes Gewissen unterhalten lassen.

Dass der Begriff „Alpen-Porno“ unpassend ist, ergibt sich schon daraus, dass es außer einigen (Halb-)Nacktszenen nichts pornöses an „Sukkubus“ gibt. Spannend ist vielmehr das Ausloten moralischer und ethischer Grauzonen und Grenzen, die Abbildung der tristen und monotonen Einsamkeit, trotz Gesellschaft, die drei Almsenner langsam in den Wahn treibt, und die durchaus realistische Darstellung ihrer Tätigkeiten, die eine nicht unbedingt erwartbare Qualität in den Film bringt. Zum Schluss kommt noch etwas übernatürlicher (Folk-)Horror auf, was „Sukkubus“ ja auch sein soll, jedenfalls aber ist es ein durchaus interessantes und überraschend vielschichtiges Werk, dessen Wiederentdeckung sich ausnahmsweise wirklich lohnt.

Rating: 74/100

Tag 8:

„Hunter Hunter“ von Shawn Linden

Ein atmophärisches Katz-und-Maus-Spiel, das von einem cleveren Spannungsaufbau lebt, bei dem das Publikum lange Zeit nur ahnen kann, was hier eigentlich vor sich geht: Eine Trapper-Familie lebt im kargen Wald, Spannungen zwischen Vater, Mutter, Tochter werden von einer zuerst unsichtbaren Bedrohung überschattet, die für einen bösen Wolf gehalten wird. Das ist sie auch, allerdings in Menschenform, wie sich später herausstellen sollte. Bis dahin beweist Regisseur Shawn Linden immenses Gespür für Suspense und mysteriösen Schauer, der eher von Auslassungen lebt als von expliziter Darstellung. Das ändert sich im schockierenden Finale, das zu einem der stärksten jüngerer Horrorproduktionen zählt und mit der geradezu übernatürlichen Darstellung von unfassbarem Schrecken an Meisterwerke wie „Carrie“ erinnert: Stark.

Rating: 83/100

Tag 9:

„Lamb“ von Valdimar Johannsson

Definiere „irritierend“: Es ist nicht einfach, diesen Film zu beschreiben, ohne zu viel von ihm und seiner Wirkung preiszugeben. Einige Schlagwörter: Isländische Schafsfarm, junges Ehepaar mit familiärem Trauma, Kinderwunsch, die Suche nach Glück und dem, was zum Glück fehlt. Und soviel kann vielleicht auch gesagt werden: Das Paar nimmt ein kleines Lämmlein unter seine Obhut und behandelt es ab dann wie ein Familienmitglied. Alles weitere an „Lamb“ ist Verstörung, die zu entwirren einen der großen Reize des Films ausmacht. Eine stimmige Interpretation scheint zu sein, dass es sich hier um eine Parabel auf menschliche Aneignung von Natur handelt – und deren Rache. Alles weitere muss man selbst sehen, um es zu verstehen. Oder auch nicht.

Rating: 81/100

Tag 10:

„Coming home in the dark“ von James Ashcroft

„Home Invasion-Film ohne Home“, wie ein Kollege diesen Film nannte, und das trifft es eigentlich ganz gut: Eine Familie (Eltern, 2 Buben) will Urlaub in der neuseeländischen Wildnis machen. Der wird jäh durch 2 seltsame Typen unterbrochen, die bewaffnet aus dem nichts auftauchen und die Familienmitglieder dezimieren. Der Rest ist eine endlos lange Autofahrt mit Gesprächen über Schuld und Unschuld, denn der Vater war einst Erzieher in einem Heim, wo Übergriffe auf die Kinder an der Tagesordnung standen. Er will zwar selbst nichts getan, aber auch nichts verhindert haben. Lange Zeit bleibt unklar, ob und wer der beiden Entführer ein ehemaliges Opfer ist und was ihr Ziel ist: „Coming Home in the dark“ greift ein wohl bekanntes Motiv auf und will daraus einen, so wirkt es, innovativen Genre-Beitrag basteln, doch innovativ ist leider weder das Sujet, noch die Umsetzung. Die Inszenierung ist träge und spannungsarm, der Film fühlt sich länger an, als er ist, und ergibt schließlich ein ziemlich unbefriedigendes Ergebnis, dessen Qualität auch der finale Twist nicht über unteres Mittelmaß heben kann.

Rating: 47/100

Festivalhighlights: „Shock Wave 2“, „Hunter Hunter“, „Bloody Oranges“, „Sukkubus“, „Sweetie, you won’t believe it“

Bilder: (c) Slash Filmfestival