Über Geschmack lässt sich nicht streiten, schon gar nicht wenn es um so streng subjektive Empfindungen wie „Humor“ geht. Was der Eine albern findet, bringt den Anderen vor Lachen an den Rand des Erstickungstodes. Der Frohsinn von Regisseur Anders Thomas Jensen geht nochmal ganz eigene Wege und verdient unbestritten die Klassifizierung „speziell“.

von Cliff Brockerhoff

In seiner bisherigen Filmografie hat der Däne Menschen zu Wurst verarbeitet, Rechtsradikale zu Bäckermeistern aufsteigen lassen und mit Augenzwinkern immens schwierige Themen wie Sodomie und Inzest karikaturiert. Oftmals hart an der Gürtellinie, aber niemals darunter – und vor allem immer eingebettet in eine interessante Geschichte. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an die „Riders of Justice“, die hierzulande als „Helden der Wahrscheinlichkeit“ in Erscheinung treten.

Rein formell handelt es sich dabei um die Protagonisten des Films und zugleich um eine schwer kriminelle Motorradgang, die mehr oder minder zufällig erzählerisch aufeinanderprallen. Zwei Welten, die so gar nicht zusammenpassen wollen und doch durch das Schicksal verbunden werden. Dieses fördert zutage, dass die Frau von Markus, dem Kopf der Helden, bei einem tragischen Zugunglück ums Leben kommt. Drahtzieher hierbei scheint die berüchtigte Biker-Gruppe zu sein, sagt zumindest die statistische Wahrscheinlichkeit. Befeuert durch Zahlen und blanker Wut sinnt Markus auf Rache, und erhält dabei Unterstützung von skurrilen Charakteren. Eben genau so, wie man es von Jensen kennt. Aber irgendwas ist dieses Mal anders.

Das liegt nicht daran, dass die eingeführten Figuren im neuen Werk keine Macken hätten. Diese sind auffällig wie eh und je, erstrecken sich von einer schwerem Kindheitstrauma über einen spastischen Arm bis hin zur kriegsbedingten Belastungsstörung. Dabei wird alles zumindest am Rande aufgegriffen und beleuchtet, wird aber nie zu reinem Beiwerk degradiert und ergänzt die ganze Geschichte um weitere Ebenen. Hier lag und liegt die ganz große Stärke des Dänen. Alles passt ineinander, nichts wird zur blanken Belustigung addiert. Diese geschieht quasi nebenbei, stört nie und trifft, bis auf wenige Ausnahmen, auch immer mitten ins Zwerchfell der Anhänger schwarzen Humors. Der Fokus des Films liegt aber unbestreitbar an anderer Stelle, nämlich auf der Dramaturgie. „Helden der Wahrscheinlichkeit“ wirkt zum ersten Mal inhaltlich nicht komplett abstrus und kann genau deshalb emotional voll überzeugen.

Klammert man die furchtbar dilettantische Polizeiarbeit und die wenig rationalen Handlungen der ansonsten so strukturiert denkenden Beteiligten aus, bleibt eine phasenweise ergreifende Geschichte eines gebrochenen Familienvaters zurück, der mittels des Talents von Mads Mikkelsen auch auf den Punkt gespielt wird. Nach „Der Rausch“ eine erneut bärenstarke Leistung des Dänen, der sich immer mehr in die Riege der besten Schauspieler unserer Zeit aufschwingt. Egal ob bierernst, verzweifelt oder vom Rachegelüst beseelt – Mikkelsen ruft beinahe die gesamte Palette an Gefühlsregungen ab und wird von bereits bekannten Gesichtern aus vergleichbaren Filmen flankiert, sodass ein überzeugendes Ensemble den Grundstein für unterhaltsame, zuweilen spaßige und zur Abwechslung auch gar nicht zu gestreckte zwei Stunden legt. Immer wenn sich eine kleinere Länge ankündigt, wechselt der Film kurzerhand das Genre, ersetzt salzhaltige Tränen durch bleihaltige Patronen und ist, der Wahrscheinlich zum Trotz, alles – aber nie langweilig.

Fazit

Auch in seinem neuen Film reizt Anders Thomas Jensen wieder die Grenzen des guten Geschmacks aus, erzählt aber zum ersten Mal eine richtig packende Story. „Helden der Wahrscheinlichkeit“ ist lebensnah, behandelt dramaturgisch wertvolle Themen auf gewohnt skurrile Art und entlässt die Zuschauerschaft doch wie durch ein (Weihnachts-)Wunder mit einem guten, ja gar herzlichen Gefühl nach Hause. Ein Film über schmerzhafte Sinnsuche, der belustigt, berührt und mit jedem Gedanken an ihn wächst. Ab sofort im Kino (Deutschland), der österreichische Kinostart ist auf den 28.10.2021 datiert.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(82/100)

Bilder: ©Neue Visionen / Filmladen