Man kennt das: an einem gemütlichen Abend mit Freunden werden aus einem Bier schnell zehn, die erste Runde Schnaps bleibt nicht lange für sich und auf die völlige Ektase folgt am nächsten Morgen die große Ernüchterung – im wahrsten Sinne. Kopfschmerzen, Übelkeit, eine leere Geldbörse, bruchstückhafte Erinnerungen und der Schwur: Nie wieder Alkohol! Doch ganz so einfach ist es nicht, denn was die flüssige Droge mit unserem Körper anstellt, ist durchaus faszinierend.

von Cliff Brockerhoff

Abgesehen von Alkoholikern, die nicht mehr frei wählen können, entschließen sich viele Menschen ganz freiwillig dazu öfter mal tief ins Glas zu schauen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: gesteigertes Selbstbewusstsein, die alltäglichen Probleme rücken kurzzeitig in den Hintergrund und generell lässt sich eine gewisse Leichtigkeit des Seins feststellen. Das weiß auch der norwegische Psychologe Finn Skårderud, der behauptet, der Mensch sei mit einem Defizit von 0,5 Promille geboren worden. Was passiert also, wenn man diesen Wert konstant aufrechterhält?

Dieser Frage widmen sich vier Freude aus Dänemark, die allesamt ihre Dämonen mit sich herumtragen und sich anfangs noch skeptisch, im weiteren Verlauf jedoch mehr und mehr begeistert von der Idee zeigen dieser These nachzugehen. Plötzlich ist das Lehrer Dasein nicht mehr so eintönig, in den heimischen vier Wänden ist der vermeintliche Frieden eingekehrt und selbst in den einsamen Momenten gibt der Alkohol Halt, leistet Gesellschaft und tröstet über Trennungsschmerz, Isolation und Perspektivlosigkeit hinweg. Dass dieses Unterfangen nicht lange gut gehen kann, der Körper mitunter eine Immunität bildet und nach mehr und mehr Alkohol verlangt, ist logisch. Es folgen Kontrollverlust, der nicht zu verhindernde Ausfluss von Körperflüssigkeiten und die einst in flüssigem Gold ersäuften Probleme sind präsenter denn je, und haben Gesellschaft bekommen.

Diesen Prozess präsentiert „Der Rausch“ in eindrucksvoller Manier. Anfangs noch gelöst, komisch und immer wieder sehr warmherzig, zeigt er mit zunehmender Laufzeit auch die Schattenseiten. Regisseur Thomas Vinterberg verzichtet dabei aber auf allzu mahnende Worte und findet einen schönen Mittelweg zwischen den positiven Aspekten und den negativen Warnsignalen. Es fühlt sich nie so an, als wenn uns der Film pausenlos mit dem moralischen Zeigefinger den Drink umrührt, ganz im Gegenteil. Im Fokus stehen eindeutig die Sonnenseiten und ein erfolgreiches Experiment, das leider irgendwann völlig aus den Fugen gerät. Diese Ambivalenz auf den Punkt zu schreiben und vor allem auch zu spielen, ist die hohe Kunst der Filmschule und findet in Vinterberg, Mikkelsen und Co. ihre perfekte Verkörperung. Was insbesondere der Cast hier darbietet, ist stärker als jeder Absinth. Nicht nur Hollywood-Haudegen Mads Mikkelsen spielt sich in einen wahren Rausch, nein, die gesamte Besetzung wirkt zu jeder Zeit gnadenlos authentisch. Beinahe so als würde die Zuschauerschaft echte Freunde voyeuristisch bei ihrem Treiben beobachten dürfen. Diese greifbare Emotion überträgt sich mühelos auf das Publikum, das mitfeiert, mitfiebert und letztlich mitleidet.

Ein Grund dafür liegt sicherlich auch in der Entstehungsgeschichte des Films, die durch den Unfalltod der Tochter des Regisseurs jäh und tragisch unterbrochen wurde. Kurz vor dem Abbruch stehend waren es die Akteure, die sich dazu entschlossen haben, Thomas Vinterberg in seinem Trauerprozess zu unterstützen und mit geballter Kraft einen Film fertigzustellen, den er am Ende seiner Tochter widmen konnte. Diesen Zusammenhalt vermittelt „Der Rausch“, der trotz allen Widrigkeiten niemals zu trist und gegen Ende sogar lebenbejahend wirkt – auch wenn die ekstatischen letzten Minuten im harten Kontrast zur zweiten Hälfte stehen und genauso plötzlich wieder von den pechschwarzen Credits torpediert werden. Das bietet Angriffsfläche und wird nicht jedem gefallen, ebenso wie die tendenziell schematisch und erahnbar verlaufende Handlung, die wenig Raum für Überraschungen lässt. Vinterbergs Werk versteht sich aber auch nicht als wendungsreicher Thriller, mündet in seinen knapp zwei Stunden in einer Ode an das Leben und entlässt uns mit einer Fülle an Gedanken, fußend auf einem vielschichtigen und doch ungemein kurzweiligem Film, der auch am nächsten Tag noch wie ein Kater in den Gedanken umherschwirrt und einen beschäftigt.

Fazit

In „Der Rausch“ liegen Tragik und Komik so nah beieinander wie die abendliche Druckbetankung und der morgendliche Schädel bis in die Nachbarstadt. Vinterberg tränkt die existenziellen Themen des Lebens dabei in allerlei Alkohol, warnt aber belehrt nicht und entwickelt trotz Melancholie und Midlife-Crisis eine beschwingte Leichtigkeit – quasi simultan zu den verschiedenen Phasen eines Rausches im echten Leben. Ein Film, der schmerzt, und doch möchte man sich ihm erneut hingeben – so wie dem (verantwortungsvollen) Verzehr des liebgewonnenen Genussmittels. Chapeau und Prost!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(83/100)

Bilder: ©Weltkino Filmverleih GmbH

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