„Bugonia“ erschien am 30.1.2026 auf BluRay und DVD. Außerdem ist der Film (inzwischen auch als Leih-Option) als Video-on-Demand verfügbar.
Gerade im Filmbereich tendiert man (Filmkritiker*Innen) gerne dazu, Regisseur*Innen anhand der nationalen Identität als eine gemeinsame Bewegung darzustellen. Es ist ein allzu menschlicher Reflex, kognitiver Dissonanz vorzubeugen, indem man definiert, kategorisiert und gruppiert. Die Frage, die sich stellt, ist, inwiefern diese Kategorisierungen hilfreich sind? Selbst bei einer vergleichsweise homogenen Gruppe wie der Romanian New Wave scheinen die Unterschiede zwischen Radu Jude und Cristi Puiu signifikanter als deren Gemeinsamkeiten. Bei der Greek Weird Wave, die gleichzeitig mit der Schuldenkrise Griechenlands stattfindet, scheint die forcierte Gruppierung noch frappierender. Filme wie „Attenberg“ (2010) von Athina Tsangari, „Strella“ (2009) von Panos Koutras und „Dogtooth“ (2009) von Yorgos Lanthimos definieren sich eher über ihre Singularität als über ihre Schnittmengen. Die vermeintliche Welle ist schneller abgeebbt als die griechische Schuldenkrise, und aus dem Schaum ist lediglich Yorgos Lanthimos entstiegen.
Kritik von Pascal Ehrlich
Der Regisseur hat nach seinen griechischsprachigen Filmen „Kinetta“ (2005), eben „Dogtooth“ (2009) und „Alps“ (2011) mit seinem englischsprachigen Filmdebüt „The Lobster“ (2015) den Absprung nach Hollywood geschafft. Seitdem dreht Lanthimos nur noch auf Englisch und mit immer größeren Budgets. Er ist in den Arthouse-Olymp aufgestiegen. Darüber hinaus ist er ein produktiver Regisseur: Zwei Jahre nach „The Lobster“ erscheint „The Killing of a Sacred Deer“ (2017) und direkt danach „The Favourite“ (2018). Erst die Lockdowns der Corona-Krise können den Output des Regisseurs stoppen – jedoch nicht für lange. Mit seiner bizarren Frankenstein-Version „Poor Things“ (2023) meldet sich Lanthimos zurück auf der Kinoleinwand. Der Lockdown hat ihn anscheinend noch produktiver gemacht: 2024 erscheint „Kinds of Kindness“ und 2025 sein neuester Film „Bugonia“.
„Bugonia“: Remake eines koreanischen Kultfilms
„Bugonia“ ist das Remake des koreanischen Films „Save the Green Planet“ (2003). Zwei stereotypisierte „Hinterwäldler“, gespielt von Jesse Plemons und Aidan Delbis, sind davon überzeugt, dass Emma Stone, CEO eines großen Pharmakonzerns, einer außerirdischen Spezies namens Andromedaner angehört, die die Erde versklaven wollen. Lanthimos war schon immer ein Thesen-Regisseur, dessen manierierte Konzeptfilme stets auch einen pädagogischen Zweck verfolgen. Auch in „Bugonia“ werden wir mit Lanthimos‘ Thesen bombardiert – dieses Mal biedert sich der Film noch stärker an gesellschaftliche Diskurse an als seine letzten beiden. Im Film trifft woker DEI-Kapitalismus auf die Verschwörungstheorien der Manosphere. Auf der einen Seite steht Emma Stone, die Diversifikation und Work-Life-Balance fördert, solange es nicht den Profitinteressen des Unternehmens im Wege steht. Auf der anderen Seite steht Jesse Plemons, dessen Wissen über die „tatsächlichen“ Machenschaften im Hintergrund ihn ermächtigt, andere Menschen zu entführen.
Ein Großteil des Films ist die Diskussion zwischen Jesse Plemons und der entführten Emma Stone, die beide hier eine schauspielerische Tour-de-Force abliefern. Plemons variiert zwischen unangenehmem „Verschwörungsbro“, der versucht, sich mit Hilfe von Medikamenten sexuelle Lust abzutrainieren, um „klar denken zu können“, und jemandem, der tatsächlich von der Gesellschaft zurückgelassen wurde – ein, in den Augen der Clintons dieser Welt, „deplorable“. Emma Stone, die schon zum vierten Mal mit Lanthimos arbeitet, verkörpert perfekt seine Idee von „Weirdness“. Als entmenschlichter CEO changiert Stone zwischen Schmerzensschreien, kaltblütiger Manipulation und Frustration. Leider helfen die schauspielerischen Leistungen nicht darüber hinweg, dass Bugonia Probleme mit dem Pacing hat. Der anfangs noch beeindruckende Schlagabtausch verliert nach einer Weile an Spannung, die selbst das vermeintlich furiose Finale nicht wieder aufzubauen vermag.
Lanthimos, der Sprachzerstörer
Lanthimos ist ein Sprachzerstörer. In seinen Filmen verliert Sprache ihre Funktion als Kommunikationsmittel. Sie steht für sich selbst, ist nicht mehr Mittel zum Zweck und spricht gleichzeitig – oder auch deshalb – über sich selbst hinaus. Die alltäglichen Irritationen, ausgelöst durch die Diskrepanz zwischen Sender*In und Empfänger*In, werden bei Lanthimos hochgedreht, bis zum theoretischen Ende gedacht und dann umgesetzt. Abstraktion wird hier zur Praxis. Dadurch kann wie bei „Dogtooth“ eine unangenehme, beinahe furchterregende Ambivalenz entstehen. Diese Unsicherheit löst „Bugonia“ nicht aus – zu offensichtlich sind die Diskurse, die hier angesprochen werden, zu stereotypisiert die Porträts der Figuren. Lediglich der vorhersehbare Twist am Ende konfrontiert das gefällige Arthouse-Publikum mit unangenehmen Fragen.
Fazit
Wer „Save the Green Planet“ gesehen hat, weiß, wie die Geschichte ausgeht. Doch was will uns der Regisseur damit sagen? Sicherlich nicht, dass CEOs Aliens sind und die Flatearther von Anfang an Recht hatten. „Bugonia“ ist Lanthimos‘ unausgewogenes Plädoyer – nicht für die Verschwörung, aber für die Theorie. Es ist ein stetiges Hinterfragen des Status Quo durch den Bruch mit der Form, das die besten Werke des Regisseurs ausgezeichnet hat: ein produktives Misstrauen allem gegenüber, was für „natürlich“ angenommen wurde. Zu oft haben sich vermeintliche Verschwörungstheorien auch als wahr herausgestellt: Watergate, die Abmachungen der Tabakindustrie und so weiter. „Bugonia“ versucht uns nicht nur zu zeigen, in welche problematischen Abgründe haltlose Verschwörungen führen können, sondern versucht (eher erfolglos) zu demonstrieren, dass ein Misstrauen gegenüber den Strukturen wichtig ist.
Bild: (c) Atsushi Nishijima / Focus Features / UPI
