Gastkritik von Laura Rafetseder.

Eine Gesellschaft in der man stigmatisiert ist, wenn man ledig bleibt und in der alle glücklich sein müssen. Selbstbefriedigung ist verboten, Sex vor der Ehe auch. Ein dystopisches Szenario? Klingt ein wenig nach 50er Jahre oder katholische Kirche am Land.
Tatsächlich ist das die Ausgangslage von „The Lobster“, der 2015 von dem griechischen Regisseur Giorgos Lanthimos gedrehte Film, der sich seither zum Geheimtipp mauserte. „The Lobster“ schrammt mit seiner Darstellung eines „Verpartnerungswahns“ beängstigend knapp an der Realität des Lebens im 21. Jahrhunderts vorbei – auch wenn die gezeichnete Gesellschaft stark Züge eines faschistischen Regimes trägt.

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Die Partnersuche in „Lobster-Land“ ist ein „Muss“, und läuft nach seltsamen Kriterien ab: Man muss zumindest eine Gemeinsamkeit finden, dann erst darf man sich verpartnern – die Logarithmen von Parship lassen grüßen. Wer die 45-Tage-Frist nicht einhält, wird in ein Tier seiner Wahl verwandelt.

Aber so surreal und absurd wie dieser Twist daherkommt, ist das gar nicht – es ist nur überspitzt. Man könnte auch sagen: Wer bis zu einem gewissen Alter keinen Partner hat, darf mit einem Stigma belegt werden – im 19. Jahrhundert galten Frauen schon mit 30 als alte Jungfern.

Um der Verwandlung zu entgehen, werden die Menschen immer verzweifelter und nehmen auch in Kauf, dass der gewählte Partner null Gefühle in einem weckt. Das ganze erinnert ein wenig an die Verzweiflung von Jugendlichen bei der Partnerwahl im Tanzkurs. Bei den Tanzveranstaltungen des Hotels (also des Regimes) werden die Vorzüge der Verpartnerung gepriesen. In Hetzjagden werden die „Loner“ gejagt – jene Menschen, die vor dem Terrorregime der Verpartnerung in die Wälder geflohen sind. Die erlegten Loner werden wie Beute präsentiert und dann nicht bekannten Operationen unterzogen.

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Hauptfigur David (Colin Farell) erwählt ausgerechnet eine Frau, die bei den Hetzjagden die meisten Loner gefangen hat – eine Person ohne jegliche Gefühlsregungen. Damit sie eine Gemeinsamkeit finden, gibt auch er vor, ohne Gefühle zu sein. Erst als sie seinen in einen Hund verwandelten Bruder tötet, beschließt er, in die Wälder zu fliehen und sich den Lonern anzuschließen. Liebe? Echte Gefühle? In dieser Gesellschaft fehl am Platz. Viel, viel zu gefährlich.

Aber auch in der Gegenwelt der Rebellen am Land sucht man vergeblich nach Liebe: Dort ist sie sogar explizit verboten. Erlaubt ist nur unverbindlicher Sex. Die Rebellen sind so beschäftigt damit, das Ideal der Verpartnerung abzulehnen, dass sie gleich die Liebe mit über Bord werfen. Erinnert stark an das „Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ der 60er/70er Generation, die gegen die strikten Moralvorstellungen der 50er Jahre rebellierte (Oder ins Jetzt gebracht: Tinder vs Parship).

In beiden Lebensmodellen, die „The Lobster“ hier präsentiert ist eines verboten: die Liebe. David und die namenlose Rebellin, in die er sich verliebt, verstoßen gegen den Kodex beider Modelle – sie haben keinen Platz in dieser Gesellschaft. Die Liebe wird dadurch zum ultimativ rebellischen Akt – denn sie stößt an deren Grenzen.

David und seine Geliebte träumen schließlich davon, aus den Wäldern in die Stadt zu fliehen, für eine Verpartnerung müssen sie allerdings eine Gemeinsamkeit finden. Die Geliebte ist kurzsichtig, also unterzieht sie sich einer Augenoperation, in der sie von der Rebellenführerin jedoch geblendet wird. Der Film endet mit David, der sich selbst blendet, um mit ihr gleichzuziehen.

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Der Film ist streckenweise höchst beklemmend, was nicht nur an der surrealistischen Story und an der dissonanten Musikuntermalung liegt, sondern auch daran, dass die Inszenierung so „alltäglich“ und unauffällig daherkommt. Nur durch den musikalischen Gegensatz und die surrealistischen Elemente merkt man: das ganze könnte ein Albtraum sein. Es offenbart aber vielfältige Parallelen zu unserem heutigen Leben. In unserer Gesellschaft sind die beiden Gegenmodelle „Beziehung/Familiengründung“ (wenn nicht anders möglich auch ohne Liebe) und „Singledasein“ (wobei man sich möglichst vielen unverbindlichen Sexualkontakten hingibt, weil Liebe führt ja zu Modell 1) fest verankert. Die Liebe an sich, die echten Gefühle, denen man folgen darf – hat sie wirklich einen Platz in unserer Gesellschaft, im hier und jetzt?
Diese und ähnliche Fragen wirft „The Lobster“ auf und übersetzt sie in einen erschreckend guten filmischen Essay. Im Kern ist „The Lobster“ eine Reflexion über Entfremdung und die Vorgaben in unserer heutigen Gesellschaft, in der wir leben.

 

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