Als Yorgos Lanthimos vor rund zehn Jahren mit seinem Film „Dogtooth“ zum ersten Mal in den Fokus der Filmwelt rückte, waren die Resonanzen eher gemischt. Zu verquer waren seine Ideen, zu skurril war die erzählte Geschichte. 2015 erschien „The Lobster“, in dem sich Hollywoodstars wie Colin Farrell, Rachel Weisz oder John C. Reilly die Ehre gaben und der Filmfans aufhorchen ließ. Die Meinungen wandelten sich allmählich und spätestens mit „The killing of a sacred deer“ katapultierte sich Lanthimos letztes Jahr in die Speerspitze der aufstrebenden Regisseure.

Nun, im Jahre 2019, kehrt der Grieche mit „The Favourite“ auf die große Leinwand zurück und scharrt abermals einen Starcast um sich. Thematisch befasst sich sein neues Werk mit dem englischen Königshof des 18. Jahrhunderts, genauer gesagt mit Königin Anne, einer ebenso gebrechlichen wie gebrochenen Herrscherin, die weder ihr eigenes Leben, noch das ihrer Untertanen wirklich im Griff zu haben scheint. Innerhalb der Gefolgschaft entbrennt ein erbitterter Kampf um die Gunst der Königin, der teils bitterböse, teils urkomisch daherkommt. Auf eine klare Deklarierung von Gut und Böse wird dabei verzichtet, sodass jeder am Ende selber entscheiden kann, in wie weit er welche Handlungen nachvollziehen oder gar gutheißen kann. Was anhand des Trailers wie eine opulente Komödie mit tiefschwarzem Anstrich wirkt, erweist sich als ergreifendes Portrait mit wahnsinnig viel Feingefühl.

Der Handlungszeit angemessen präsentiert sich der Film in klassisch güldenem Gewand. Kostüme, Make-up und Kulissen sehen allesamt fantastisch aus und nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise zurück in ein vergangenes Jahrhundert, in der die Kleider dreimal so ausladend waren wie die Hüften, die sie umschmiegten und in der sich Männer noch voller Stolz ihre Zeit am Schminktisch vertrieben. Gepaart mit Musikstücken von Händel, Bach und Vivaldi zaubert Lanthimos ein inszenatorisches Kunstwerk, das aber niemals aufgesetzt wirkt. Die Kameraarbeit schwankt dabei zwischen groß aufgezogenen und sehr eigenwilligen Einstellungen, die zum Beispiel mit einem Fischaugenobjektiv eingefangen wurden und ebenso unvermittelt dargeboten werden wie die grandiosen Zeitlupenaufnahmen, die immer wieder eingestreut werden. Alles wirkt perfekt aufeinander abgestimmt und entbehrt trotzdem nicht einer stilistischen Natürlichkeit, die wie selbstverständlich in jeder Szene mitschwingt.

Ein Grund dafür ist die spezielle Verfahrensweise, die der Grieche am Set anwendet. Trotz Drehbuch und einer klaren Vision lässt der Regisseur seinem Ensemble oft freie Hand und trägt so dazu bei, dass dieses das vorhandene Talent ausreizen muss, um den Maestro zufriedenzustellen. Ungeachtet der zweifelsfrei großen Versiertheit des Casts rund um Emma Stone, Rachel Weisz und Olivia Colman, ist es absolut erstaunlich, welche Leistungen alle drei Protagonistinnen abrufen. Insbesondere Letztgenannte wirkt in jeder Szene so fragil, dass der Zuschauer förmlich mitleidet. Viele Emotionen werden mit Nahaufnahmen eingefangen und haben einen so fließenden Übergang, dass sich beispielsweise aus einem prachtvollen Tanz eine Totenstille entwickelt, in der lediglich Colmans Augen zu sehen sind, die sich langsam mit Tränen füllen. Das ist ganz großes Kino und dürfte die Britin, nach dem Gewinn des Golden Globe, auch bei der kommenden Oscarverleihung in Schlagdistanz bringen.

Fazit:

Intensiv, dramatisch und über jeden Zweifel erhaben; mit „The Favourite“ vereint Yorgos Lanthimos die Stärken seiner bisherigen Arbeiten und erschafft nicht nur das zugänglichste, sondern auch das bis dato beste Werk seines Œuvre. Noch nie war eine Film-Biographie wie hier gleichermaßen authentisch und unterhaltsam und schaffte es, ein tragisches Schicksal geschichtlich korrekt einzuordnen, ohne dabei die Belange der Zuschauer außer Acht zu lassen. Jetzt schon mit zahlreichen Preisen ausgestattet dürfte es nicht verwundern, wenn „The Favourite“ auch als Favorit bei den Oscars ins Rennen geht. Ab 25.1. im Kino.

Bewertung:

9 von 10 Punkten

von Cliff Brockerhoff

Bilder: © 2018 Twentieth Century Fox

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