Radu Judes neuester Film „Kontinental ’25“ vollzieht eine bemerkenswerte ästhetische Wende: Nach den maximalistischen Exzessen seiner jüngsten Werke (u.a. „Bad Luck Banging or Loony Porn“) kehrt der rumänische Regisseur zu einer radikalen Einfachheit zurück, die gerade in ihrer Kargheit die Brutalität neoliberaler Verhältnisse offenlegt. Mit einem iPhone gedreht, entfaltet sich hier eine moralische Parabel über eine Gerichtsvollzieherin, deren Zwangsräumung zum Selbstmord eines Obdachlosen führt und die daraufhin in eine Spirale performativer Schuld gerät, die symptomatisch für unsere Gegenwart ist.

von Pascal Ehrlich

Der Film beginnt mit einer surrealen Sequenz: Ion (Gabriel Spahiu), ein obdachloser Mann, wandert durch einen Park mit animatronischen Dinosauriern – Kapitalismus erweckt die prähistorische Monster wieder zum Leben und gleichzeitig bleiben diese nur billige und leblose Hüllen. Bald darauf kommt Orsolya (Eszter Tompa), eine Gerichtsvollzieherin aus Cluj-Napoca, um Ion aus einem Keller zu vertreiben, in dem er haust. Das Gebäude soll abgerissen werden, um Platz für ein Luxushotel namens „Kontinental“ zu schaffen. Während der Räumung erhängt sich Ion mit einem Stahldraht an einem Heizkörper – in einer grotesk niedrigen Höhe, die ihn zwingt, sich aktiv in den Tod zu hocken, statt einfach zu fallen. Diese makabere Spezifität durchzieht den gesamten Film.

„Kontinental ’25“ als Porträt performativer Schuld

Was in „Kontinental ’25“ dann folgt, ist Orsolyas zielloses Umherwandern durch Cluj, während sie die Geschichte jedem erzählt, der zuhören will: ihrer Freundin Dorina, ihrer rassistischen Mutter, einem Priester, Kollegen, einem ehemaligen Schüler, der nun als Lieferfahrer arbeitet. Jede Wiederholung sucht Absolution durch verschiedene Diskursrahmen: juristisch – immer wieder wird betont, dass sie rechtlich auf der sicheren Seite sei – religiös, philosophisch, persönlich. Doch jedes Gespräch entlarvt die Inadäquatheit individuellen Gewissens angesichts systemischer Gewalt.

Der Titel verweist auf Roberto Rossellinis „Europa ’51“ (1951), das ebenfalls eine von Schuld zerfressene Frau im Nachkriegs-Rom begleitete. Doch wo Rossellinis Film durch echtes Opfer Transzendenz suggerierte, bietet Jude nur eine Karikatur; eine Welt, in der moralisches Erwachen unmöglich geworden ist. Orsolya spendet monatlich zwei Euro für Gaza und die Ukraine, während sie lokal das Leiden direkt ermöglicht.

Die iPhone-Ästhetik von „Kontinental ’25“ ist dabei mehr als bloße Produktionsbeschränkung – sie wird zum konzeptuellen Kern. Die hart texturierten, bewusst digitalen Bilder erwecken einerseits eine Immersion durch ihre Tendenz zum Amateurfilm und andererseits distanzieren sie durch ihre ostentative Künstlichkeit.

Jude und Kameramann Marius Panduru positionieren das iPhone in statischen, fixen Einstellungen und lassen ausgedehnte Dialogsequenzen in einzelnen Takes ablaufen – wobei die Kamera auch ein Eigenleben entwickelt, wenn das iPhone plötzlich den Fokus ändert und die gezeigten Personen unscharf werden. Zwischen den Gesprächsszenen: Montagen von Clus‘ Architektur, vier Epochen kollidieren – sächsische Kirchen, österreichisch-ungarische Plätze, sowjetische Plattenbauten und moderne Apartments. Keine Sozialwohnungen, alles Teil der Gentrifizierungsmaschinerie.

kontinental 25

Präzise Diagnose der Gegenwart

Was Jude hier gelingt, ist eine präzise Diagnose der Gegenwart: Das wiederholte „Du bist rechtlich auf der sicheren Seite“ zeigt, wie Legalität die Moralität in der neoliberalen Gesellschaft ersetzt hat. Orsolya operiert innerhalb des Gesetzes, während sie tiefe Ungerechtigkeit ermöglicht – die Gewalt des Systems ist ihre Gewalt, doch sie trägt individuelle Schuld, die das System nicht anerkennen kann.

Die ethnischen Spannungen pulsieren durch den Film: Orsolya ist Teil der ungarischen Minderheit, die zum orthodoxen Christentum konvertiert ist – eine Außenseiterin, die die rumänisch-ungarischen Spannungen navigiert. Als rassistische Medien Orsolyas ungarischen Hintergrund als kaltherzigen Angriff auf einen rumänischen Sporthelden (Ion war Boxer) darstellen, entlarvt der Film, wie Nationalismus Tragödie instrumentalisiert.

„Kontinental ’25“ verweigert jede Katharsis. Orsolya wird nicht erlöst werden. Ion ist tot. Das Kontinental-Hotel wird gebaut. Das System läuft weiter. Was dies vom Nihilismus unterscheidet, ist Judes Verweigerung zynischer Distanzierung. Sein Kino hält uns nicht durch Schuldgefühle verantwortlich, sondern durch Wiedererkennung – wir sind Orsolya, die ihre eigene Komplizenschaft in Variationen nacherzählt, die die Kanten glätten.

Fazit

„Kontinental ’25“ ist vielleicht nicht Judes größter Film, aber sein essentiellster – das Werk, das am klarsten die moralische Lähmung unseres Moments artikuliert, wenn alle wissen, was falsch läuft, aber niemand weiß, was zu tun ist

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(78/100)

Seit Ende Oktober 2025 in den österreichischen und deutschen Kinos.

Bilder: (c) Filmgarten Verleih