Die Sonderverwaltungsregion Macau, in der Glücksspiel anders als im Rest von China legal ist, gilt – so wie auch Las Vegas in den USA – als der Inbegriff von Künstlichkeit. Die Altstadt der winzigen Region, errichtet während der portugiesischen Kolonialzeit, verblasst neben den bunt strahlenden, hoch in den Himmel ragenden, aus Glas und Stahl erbauten Hotels und Casinos.

von Pascal Ehrlich

In Macau offenbart die Postmoderne, das hinter ihrer Maske lediglich eine weitere Maske zu finden ist. Alles verwandelt sich in Macau zu einer Kopie einer Kopie; wenn man durchs nachgebaute Venedig spaziert, am Canal Grande entlang und einem Gondeln entgegenkommen, aus denen man ein verzerrtes „O Sole Mio“ hört, erfasst einen die Angst der Leere. In Macau werden nur noch Signifikanten an Signifikanten gereiht: der Eiffelturm, die Pyramiden von Gizeh – alles nur noch Kopien von Kopien, der Historismus ad absurdum geführt und in einer Art Akzelerationismus, der alles ad infinitum beschleunigt.

Macau, die Stadt der Kopien

In dieses Purgatorium wird das Publikum in Edward Bergers neustem Film „Ballad of a small player“ geworfen; nicht nur wir, sondern auch der Protagonist Lord Doyle, gespielt von einem dauer-verschwitzten, an unzähligen nervösen Ticks leidenden Colin Farrell, wirkt so als ob ihn eine göttliche Hand gepackt, durchgeschüttelt und in Macau abgeworfen hätte. Er ist, wie könnte es anders sein, spielsüchtig. Der Luxus in dem er sich suhlt – er wacht am Anfang des Films in einer riesigen Suite auf, deren teuren Teppiche kaum sichtbar sind, weil der Boden vollgestellt mit Champagnerflasche ist und die Teller mit Hummer, Steak, Kaviar und Peking-Ente sich ebenfalls im Zimmer stapeln – ist wie so oft auf wackligen Beinen erbaut bzw. generell ein Wolkenschloss, da alles nur mit Hotelkredit bezahlt worden ist. So wie Bankräuber in Filmen immer einen letzten Überfall planen, um dann für immer aufzuhören, wartet Doyle auch nur auf diese eine perfekte Hand im Kartenspiel Baccara, das auch schon James Bond präferierte, bevor man dem Poker-Hype der 2000er folgte und man Daniel Craig mit einem Straight Flush gewinnen ließ.

Dass Colin Farrells Figur sich zwar Lord nennt, aber sicherlich kein Aristokrat in seinem Stammbaum zu finden ist, muss für die ZuschauerInnen nicht ausbuchstabiert werden. Sein hellgrüner Anzug aus Samt, die rote Schalkrawatte und die gelben Lederhandschuhe kreischen geradezu Hochstapler und Con-Artist.

„Ballad of a Small Player“ weckt kein Interesse für seinen Protagonisten

Die Geschichte, die der Film erzählt, ist nicht sonderlich innovativ: eine Neon-Noir-Ex-Pat-Story über einen Spielsüchtigen mit dubioser Vergangenheit. „Ballad of a small player“ schafft es nicht, dass wir uns für seinen Protagonisten interessieren – weder im positiven noch im negativen. Der Plot ist so dünn erzählt mit seiner grundlos behaupteten Liebesgeschichte, die mit einem abstrusen Twist endet, so, dass keine wirkliche Fallhöhe generiert werden kann.

Auch die Spielszenen sind oberflächlich und ineffektiv inszeniert; man muss heutzutage keine Expositionsszene mehr einbauen, um das Spiel zu erklären, aber der Film interessiert sich weder für das Spiel noch für die SpielerInnen. Einem klügeren Film könnte man dafür loben, dass er sich dem Dopaminhit des Glücksspiels verweigert, indem er Desinteresse inszeniert, hier jedoch ist es bloß mangelnde Fähigkeit.

Auch die von Berger so gern verwendete Weitwinkelästhetik, die das Individuum innerhalb der Strukturen schrumpfen lässt und gleichzeitig Opulenz suggerieren soll durch die schiere Menge des Zeigbaren – siehe „Im Westen nichts Neues“ oder auch „Konklave“ – enttäuscht. Das künstliche Licht der Hotellobbys, die neon-getränkten Casinohallen und die dystopische Cyberpunk-Architektur Macaus bleiben lediglich Versatzstücke, wahllos aneinandergereiht, ohne, dass sie ein kohärentes Bild ergeben, welches sich in eine immersive Atmosphäre übersetzen ließe.

Dazu kommt ein gewisser unangenehmer Exotismus, der kontextlos, nur auf ästhetischer Ebene bedient wird und dadurch aus der Zeit gefallen wirkt. Der Film ist in seinen einzelnen Gesten dermaßen übertrieben, dass man glauben könnte, man müsse alles ironisch lesen. Doch dafür nimmt er sich wieder zu ernst und ist nicht campy/kitschig genug.

Frei nach Bourdieu: Kein Fisch im Wasser

Am interessantesten ist „Ballad for a small player“, wenn er das Thema von Identität und Klassenfrage aufgreift und mit der Luxusfassade der Glücksspielhölle verknüpft. Lord Doyle heißt gar nicht Lord Doyle sondern Reilley und stammt angeblich aus einer irischen Arbeiterfamilie. Seinen luxuriösen Lebensstil führt er nicht nur aus purem Hedonismus, sondern um seine sozialen Wurzeln zu kaschieren. Doch anhand seines kitschigen Samtanzugs erkennt man, dass ihm sein ganzes Kapital und auch das auswendig Lernen der richtigen Vokabeln – er betont immer wieder, dass seine Handschuhe von der Savile Row stammen; eine Einkaufsstraße in London, die für ihre ansässigen Maßschneider und deren wohlhabenden Kunden bekannt ist – schlussendlich nicht hilft.

Aufgrund seiner sozialen Umstände ist es ihm nicht möglich – frei nach Bourdieu – das kulturelle Kapital zu akkumulieren, welches ihm den Eintritt in die oberen Gesellschaftsschichten erlauben würde. Spät im Film, als Colin Farrell in einer Art Epiphanie zu sich selbst sagt, dass er eigentlich Champagner und Zigarren hasse, bricht eine fast rührselige Ehrlichkeit durch die künstlichen Fassaden hindurch.

Fazit

Letztendlich scheitert „Ballad of a Small Player“ dabei, eine zeitgenössische Parabel über die Leere des Glücksspiels zu erzählen. Berger versucht sich an einer Synthese aus Neo-Noir-Ästhetik und sozialkritischem Drama, doch wo andere Filme wie z.B. „Uncut Gems“ oder „The Card Counter“ die existenzielle Verzweiflung ihrer spielsüchtigen Protagonisten in eine kohärente audiovisuelle Sprache übersetzen, bleibt hier nur die hohle Geste. Die Simulacra Macaus – diese endlose Reproduktion architektonischer Wahrzeichen – hätten der perfekte Spiegel für die konstruierte Identität des Protagonisten sein können, doch der Film verpasst diese Chance zur assoziativen Verschränkung von Setting und Charakter. Was bleibt, ist ein Film, der wie sein Protagonist in einem teuren Anzug steckt, der nicht richtig sitzt – man sieht die Bemühung, aber auch nicht mehr.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

(50/100)

„Ballad of a Small Placer“ – seit 28.10.2025 auf Netflix.

Bild: (c) Netflix