Noch bis einschließlich Sonntag läuft das „We are One“-Festival auf YouTube. Für Cineasten ist das eine kleine, aber überraschend feine Entschädigung für die vielen entfallenden Filmfestivals diesen Sommer. Cannes, Venedig, die Berlinale und unzählige kleinere Festivals haben zu dieser digitalen Feier der Filmkultur beigetragen. Frei auf YouTube verfügbar sind so nicht nur verrückte Action-Kracher wie „Crazy World“ oder kleine Kurzfilm-Perlen. Auch persönlich und einfühlsam kann „We are One“ und beweist das mit dem Film „Sisterhood“ von Tracy Choi.

von Marius Ochs

Macau als heimlicher Hauptcharakter

Der Film ist Chois Regiedebüt, das auf mehreren asiatischen Filmfestivals ausgezeichnet wurde und auch den Publikumspreis beim Toronto LGBT Film Festival gewonnen hat. Das „We are One“-Festival bietet „Sisterhood“ jetzt also eine neue, grenzüberschreitende Plattform, die der Film auch definitiv verdient, denn er ist nicht nur thematisch zeitlos, sondern auch in einem hochinteressanten Setting angesiedelt. Die Handlung spielt nämlich in Macau, zweite Sonderverwaltungszone Chinas neben Hongkong. Die Stadt wird auch als „Las Vegas des Ostens“ bezeichnet und ist heutzutage eine der wohlhabendsten Regionen Asiens. „Sisterhood“ vermittelt ein nahbares Gefühl für die Veränderung, die die Stadt in den letzten Jahrzehnten nach dem Kolonialismus durchgemacht hat und für das Lebensgefühl dieser fernen Region.

Die Geschichte handelt von der besonderen Freundschaft zweier Frauen, Sei und Ling. Beide arbeiten in jungem Alter als „Masseurinnen mit gewissen Vorzügen““ in Macau und formen schnell eine außergewöhnliche Verbindung, leben zusammen, ziehen sogar ein Kind zusammen auf. Doch was die Protagonistinnen bis zum Ende nicht wissen, dämmert dem Zuschauer schon früh: Hier geht es um mehr als Freundschaft, nämlich um Liebe. Der Film erzählt seine Geschichte in zwei Zeitebenen. Einmal in der unbeschwerten Vergangenheit, als die Freundschaften intakt und das Leben trotz aller Hindernisse gut war. Und in der harten Gegenwart, in der die alkoholkranke Sei nur nach Macau zurückkehrt, da sie in einer Zeitungsanzeige von Lings Tod erfahren hat.

Sagt euch, was ihr fühlt!

So taucht man ein in diese Beziehung zwischen zwei Menschen, die allein schon für das ewige Glück zu reichen scheint. Aber man sieht auch, was es anrichten kann, wenn man sich seinen Gefühlen verschließt, wenn man sich die Liebe nicht eingesteht. Ein entfremdeter Sohn und eine innere Leere, die auch der Alkohol nicht füllen kann. Der Film ist ein Statement für emotionale Authentizität und ein wunderschönes Portrait über die Leichtigkeit des Lebens durch die Liebe.

Doch häufig verharrt der Film auch etwas zu sehr an der Oberfläche und verliert sich in nichtssagenden Einstellungen. Leider driftet „Sisterhood“ stellenweise in arg kitschige Gefilde ab, sonst könnte man ihn ohne weiteres ein Meisterwerk nennen. Dennoch: All das vermittelt der Film auf eine ganz eigene, unaufgeregte Art, die einen immens immersiven Charakter hat. Man lacht und leidet mit Sei und Ling, fühlt mit in diesem sensiblen Drama, das die Grenze zum Melodram doch nie überschreitet.

Fazit:

„Sisterhood“ ist ein eindrucksvolles Debüt einer vielversprechenden Regisseurin, die hier einen zutiefst menschlichen und sehr persönlichen Film abgeliefert hat. Macau als Schauplatz bietet wundervolle Bilder, die stellenweise stark romantisiert werden, sich aber perfekt mit der Geschichte verbinden. So trägt auch das Setting seinen Teil zu diesem emotionalen Portrait einer starken Beziehung bei. Vor allem am Ende des Films realisiert man, wie sehr man den Film und die Schicksale der wunderbar geschriebenen Charaktere ins Herz geschlossen hat. Choi lässt nämlich ein großartiges und hoffnungsvolles Happy End der herzerwärmendsten Sorte auf den Zuschauer los. Anschauen, solange der Film noch auf YouTube verfügbar ist!

Bewertung:

7 von 10 Punkten (75/100)