Angesichts der globalen Lage gibt es zweifelsfrei galantere Zeitpunkte für die Veröffentlichung eines „neuen“ (Anti-)Kriegsfilmes. Der andauernde Krieg in der Ukraine zieht länderübergreifende Folgen nach sich, hierzulande haben die Menschen Angst davor, in Armut zu verfallen. Preise explodieren, Existenzen stehen vor dem Aus, Firmen tun es ebenso. „Im Westen nichts Neues“, der neue Netflix-Film, wirft uns zeitlich jedoch 100 Jahre zurück und basiert dabei auf dem gleichnamigen Roman von Erich Maria Remarque, der es zum weltweiten Literatur-Klassiker geschafft hat.

von Cliff Lina

Deutschland im Jahre 1917. Drei Jahre nach Kriegsbeginn steht das eigene Militär kurz vor Paris, kurz vor einem glorreichen Sieg über den Feind. So zumindest wird es propagandiert und verleitet die „goldene Generation“ zur freiwilligen Meldung für die Front. Noch nicht ganz erwachsen sind Bildung, Arbeit und/oder Familie nun zweitrangig, schließlich geht es darum dem eigenen Land zu Ruhm und Ehre zu verhelfen! Namen sind dabei Schall und Rauch. Paul, Ludwig, und wie hießen nochmal die anderen beiden? Früh fällt im Film ein entscheidender Satz, sinngemäß: Im Krieg zählen keine Einzelschicksale, sondern nur das Ganze. Dementsprechend schnell sind die Namen der Charaktere wieder vergessen, sie alle nur Spielfiguren auf einem mit Leichen gepflasterten, im Schlamm versunkenen Spielbrett der Obrigkeit.

Vor Ort angekommen weicht die vom Vaterland verordnete Fahnentreue jedoch schnell der Erkenntnis, dass der so herbeigesehnte Fronteinsatz ein absolutes Himmelfahrtskommando ist. Aus Nationalstolz wird nackte Angst, die eigene Endlichkeit vor Augen öffnet eben diese und erlaubt es uns in die Gemüter derer zu blicken, die noch vor kurzem frenetisch jubelnd den Aufbruch feierten, und nun leise wimmernd im Schützengraben kauern. Offiziell steht Deutschland nämlich nicht vor der französischen Hauptstadt, sondern kurz vor einer Niederlage. Zehntausende Tote pro Woche sind keine Seltenheit, die Eroberungen werden lediglich für kurze Zeit gehalten und eigentlich wartet jeder Soldat täglich nur darauf, dass die Kapitulation über den Äther bekanntgegeben wird. Diese lässt jedoch auf sich warten.

Man mag darüber streiten, inwieweit ein solcher Film aktuell erträglich oder gar unterhaltsam ist, doch an dieser Stelle soll es natürlich vorrangig um den Film selbst, respektive dessen Qualität gehen. Die Angst, dass die tiefgreifende Schwere des Originals und der Thematik auf das tendenziell leichtfüßige Streamingpublikum angepasst wurden, kann innerhalb weniger Minuten entschärft werden. Schon in der Eröffnungssequenz wird die Schonungslosigkeit des Krieges greifbar und erste Schauer bahnen sich den Weg gen Rücken. Inszenatorisch muss der deutsche Oscar-Kandidat dabei nicht vor den millionenschweren Produktionen der Branche zurückschrecken. Auch wenn die Bilder in ihrer Strahlkraft nicht ganz an die eines Roger Deakins heranreichen, schleichen sich gedanklich immer wieder die Vergleiche zu „1917“ ein, der einst ein anderes Kapitel im selben Jahr erzählte. Visuell pendelt der Film pausenlos zwischen ruhigen, fast sphärischen Sequenzen, die das grausige Treiben mit Stille übertönen und dem größtmöglichen Gegenteil: Kamerafahrten über Schlamm und Leichenberge, stets nah an den Figuren, um uns möglichst realistisch am Gefecht teilhaben zu lassen. Das ist faszinierend und beängstigend zugleich. Mitunter kreiert das Werk Bilder, die nur schwer zu ertragen sind. Nicht aufgrund ihres Gewaltgrades, sondern eher auf emotionaler Basis. Wenn sich verfeindete Soldaten gegenüberstehen, das Adrenalin in Ohnmacht umschlägt und die ganze Sinnlosigkeit eines Krieges spürbar wird.

Profitieren kann der Film jedoch nicht nur von Technik und Drehbuch, sondern auch von einem glänzend auftretenden Ensemble. Größtenteils aus eher unbekannteren Namen bestehend kauft man den jungen Männern jeden Blick, jeden Gefühlsausbruch und jedes Wort ab – auch wenn sich aufgrund der phasenweise schlecht ausbalancierten Soundmischung mancher Dialog lediglich erahnen lässt. Insbesondere Felix Kammerer in der Rolle des Paul spielt furios auf und dient dem Betrachter als emotionaler Ankerpunkt in einer sonst so sterilen Geschichte, die wenig Luft für subjektive Belange und Beziehungen lässt. Ein wichtiger Baustein im Gesamtkonstrukt des Films, der zwar ähnlich wie „Dunkirk“ die menschenverachtende Engstirnigkeit in den Vordergrund rückt, es aber zumindest schafft vereinzelten Protagonisten ein Gesicht zu geben. Wenn Paul völlig verdreckt auf dem Schlachtfeld um sein Leben kämpft und zeitgleich fein gekleidete Generäle zu Tisch über den Geschmack eines Weines sinnieren, spricht der Film mit bitterer Zunge das aus, was alle wissen – den jungen Soldaten aber leider erst bewusst wurde als es bereits zu spät war: Beim Krieg gibt es keine Gewinner, nur Verlierer. Eine Botschaft, die „Im Westen nichts Neues“ nicht wirklich subtil auszudrücken vermag, aber warum sollte man eine solch unmissverständliche Feststellung auch in irgendeiner Form glorifizieren?! Ist sie doch nun wahrlich nichts Neues.

Fazit

Auf der einen Seite blickt „Im Westen nichts Neues“ ungeschönt in die blutverschmierte Fratze des Krieges, zeigt sich abseits davon aber auch als technisch hochveranlagte Filmkunst, die Hollywood in Nichts nachsteht. Als Zuschauer entsteht ein schmaler Grat zwischen Bewunderung für die Klasse und Entsetzen ob der Geschehnisse auf der Leinwand. Die Neuverfilmung ist ein zweieinhalbstündiger Klos im Hals, der in Zeiten wie diesen nochmal schmerzhafter an die Substanz geht und eine wichtige Thematik für jüngeres Publikum zugänglich macht. Ab dem 28. Oktober auf Netflix zu sehen, vorab in ausgewählten Kinos!

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(86/100)

Bilder: ©Netflix / Reiner Bajo