Der CONPLAN 8888 ist ein militärisches Trainingsszenario der USA, um auf eine Zombie-Apokalypse zu reagieren. Dieses Szenario ist selbstverständlich fiktiv – und doch umfasst der Plan mehr als 31 Seiten.
Die Idee dahinter ist klar. Nicht die konkrete Bedrohung durch Untote soll hier erforscht werden, sondern die Flexibilität der zur Verfügung stehenden Instrumente und Prozesse. In Kathryn Bigelows neuestem Film “A House Of Dynamite” spielen Zombies zwar keine Rolle, wohl aber ein katastrophales Ereignis, welches sowohl die Legislative als auch die Exekutive auf eine harte, man kann sagen, die ultimative Probe stellen. Seit 24.10.2025 auf Netflix.
von Richard Potrykus
Der Tag in „A House of Dynamite“ beginnt denkbar normal. Menschen gehen Tätigkeiten nach, umgeben sich mit Familie, führen Gespräche, begeben sich zur Arbeit. Dann taucht unvermittelt auf den Bildschirmen eines Militärstützpunktes in Alaska das Signal einer unbekannten Rakete auf. Die Sichtung wird umgehend gemeldet und fortan im White House Situation Room in Washington, D.C. diskutiert. Berechnungen werden angestellt und schnell ist klar, dass die Rakete eine reelle Bedrohung darstellt und die zu erwartenden Konsequenzen verheerend sind.
Und täglich grüßt der Blickwinkel
“A House of Dynamite” kann in Sachen Cast mit einer Reihe bekannter Namen aufwarten. Gleich zu Beginn wird Olivia Walker (Rebecca Ferguson, “Dune”) eingeführt, kurz darauf Reid Baker (Jared Harris) und Mark Miller (Jason Clarke, “Oppenheimer”) und schließlich gibt sich POTUS (Idris Elba, “Heads Of State”) die Ehre. Schnell könnte man glauben, einen Ensemblefilm vor sich zu haben, in dem alles auf Hochglanz poliert und bis in die kleinste Rolle prominent besetzt wird. Doch das Publikum wird schnell eines Besseren belehrt, denn keiner dieser Namen übernimmt die Hauptrolle. Selbst Ferguson, die durch das Marketing prominent in Szene gesetzt wird, dominiert “A House of Dynamite” in keiner Weise. Der Film erzählt episodisch von ein und demselben Ereignis, beleuchtet das Geschehen mehrfach und aus verschiedenen Positionen heraus.
Bigelow ist nicht die erste Regisseurin, die einen Film, basierend auf dem Drehbuch von Noah Oppenheim, derart konzipiert. Immer wieder gibt es Narrative, die daraus bestehen, ein Ereignis mehrmals zu präsentieren, um das Ganze noch aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Für das Publikum bedeutet dies dann einen Erkenntnisgewinn, da es ihm ermöglicht wird, alle Facetten der Geschichte kennenzulernen und die Komplexität zu entschlüsseln.
In “A House of Dynamite” wird dieser Erkenntnisgewinn versagt und je öfter die Zeit zurückgesetzt und alles noch einmal durchlebt wird, desto mehr kristallisiert sich heraus, dass das Ereignis an sich völlig bedeutungslos ist. Thematisiert wird hier nicht die Bedrohung, sondern der Umgang mit ihr. Oppenheims Drehbuch ist durchweg nah am Geschehen und gleicht in Teilen einem Bericht oder einer Checkliste, bei dem Punkt für Punkt jeder Schritt klar geregelt ist. Per Videokonferenz werden unterschiedliche Institutionen miteinander verbunden, gibt es Satellitenaufnahmen, die in Echtzeit abbilden, was geschieht, führen dezentral organisierte Entscheidungsgewalten einen Dialog.
„A House of Dynamite“ handelt von einem kopflosen Planspiel
Militär, Politik, Nachrichtendienste. Jeder dieser Pfeiler eines komplexen Systems zur Ordnung und Verteidigung der USA hat eigene Befugnisse, Regularien, Instrumente, um zu agieren und zu reagieren, und es ist “A House Of Dynamite”, der zeigt, dass jeder dieser Pfeiler Führungskräfte besitzt, mit hochtrabenden Titeln und Autorität vor sich her tragend, allerhand Wortbeiträge liefernd und Entscheidungen provozierend, die am Ende kopflos erscheinen, wenn sich ein Ereignis dem Protokoll widersetzt und nicht alle Kettenglieder ineinandergreifen.
Da ist mit Stolz von GBIs, Abfangraketen, die Rede. Das Militär macht der Politik Mut, beschwört Vertrauen gegenüber der Technologie und belächelt wiederholend die Besorgnis der gewählten Vertreter. Als die GBIs dann auf mehreren Ebenen versagen, macht die Politik ihrer Irritation Luft, hinterfragt spöttisch die Investition von 55 Mrd. US-Dollar, nur um dann von Jake Barrington (Gabriel Basso), einem Berater der Nationalen Sicherheit, zu erfahren, dass die Erfolgsquote ohnehin bei nur 61 Prozent läge. Drei Pfeiler, drei Egos und keine gemeinsame Grundlage.
Und die kopfloseste Figur von allen ist der Präsident selbst. Nicht, weil er dumm ist, sondern weil ihm das Protokoll zu jeder Zeit vorgibt, wie gehandelt werden muss. Bigelow und Oppenheim inszenieren hier eine durchaus intelligente Figur, die nachdenkt, die abwägt und sich bemüht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Doch dem Präsidenten wurde auch von Tag Eins an vermittelt, dass das Protokoll für ihn sorge, und so genießen die Regularien einen Vertrauensvorschuss, was sich im Moment der Wahrheit rächt.
„Point Break“ von Kathryn Bigelow – Kritik
Geht man die Bilder der bisherigen US-Präsidenten durch, kann man schnell auf die Idee kommen, der POTUS im Film wäre eine Referenz auf Barack Obama. Es gibt einen Presseauftritt bei einem Basketball-Event und die First Lady befindet sich in Afrika. Beide Elemente und nicht zuletzt Hautfarbe und Charisma finden Entsprechungen beim Ehepaar Obama. Dennoch bleibt der POTUS in “A House Of Dynamite” namenlos und wird nur mit seinem Amtstitel angesprochen.
Bigelow und Oppenheim bleiben bewusst vage. “A House of Dynamite” ist kein kurzsichtig angelegter Thriller, der sich plakativ an der Tagespolitik abarbeitet. Ebenso namenlos wie der Präsident bleibt die Identität der Bedrohung. Damit abstrahiert der Film sein Narrativ, fasst es größer und diskutiert ganz allgemein die Frage nach den politischen Gegebenheiten und der weltweiten Staatengemeinschaft. Die Regisseurin und der Drehbuchautor zeigen ein System auf, welches gleichzeitig geführt wird und doch kopflos ist, welches eine dezentrale Struktur aufzeigt, mit allerlei Korrekturmechanismen, und das sich am Ende doch im Kreis dreht.
Umso bezeichnender ist daher jenes kleine Detail rund um einen defekten Monitor. In den Kommandozentralen kann die ganze Welt abgebildet werden. Egal wo, egal wann, egal was. Und doch hat ein Monitor eine Fehlfunktion, versagt im wichtigsten Moment und ist ein Techniker die ganze Zeit über damit beschäftigt, diese Störung zu beseitigen. Es ist kafkaesk.

Das Pulverfass als Stand der Dinge
In „A House of Dynamite“ werden die einzelnen Episoden mit Metaphern überschrieben. Sie stehen zunächst für sich und werden im Laufe der jeweiligen Episode erläutern. Eine dieser Aussagen ist “a house filled with dynamite”. Damit ist eine Umgebung gemeint, von der Gefahr ausgeht. Im Deutschen würde man wohl vom Pulverfass sprechen, auf dem man sitzt. Es ist leicht übersehbar, doch der Titel des Films unterscheidet sich von dieser Aussage.
In “A House Of Dynamite” wird keine Umgebung beschrieben, die mit Gefahr zusammenhängt. Vielmehr bezeichnet der Titel eine Umgebung, die an sich aus Gefahr besteht. Die Hoffnungslosigkeit, die nach und nach offenbar wird, ist alternativlos. Bigelow und Oppenheim inszenieren die Gegenwart als Zeitbombe. Dass der Film in den USA spielt, ist zweitrangig. Genauso könnte er in Russland spielen, in China oder irgendeiner anderen Atommacht. Selbst die nukleare Kampfkraft könnte theoretisch herausgerechnet und durch konventionelle Waffensysteme ersetzt werden. Die Frage, die diskutiert wird, ist nicht, ob die Situation eskaliert, sondern wann dem so sein wird.
Fazit
Einmal mehr liefert Kathryn Bigelow ab. Nach “The Hurt Locker” und “Zero Dark Thirty” bewegt sich die Regisseurin erneut im militärischen und politischen Umfeld, beschreibt die Situation einerseits unaufgeregt und ohne große Actionsequenzen, andererseits enorm intensiv. “A House Of Dynamite” ist ein hochaktueller Film, bei dem es ganz egal ist, ob die Ereignisse fiktiv sind oder nicht, da es um die Prozesse geht, über die auf die Ereignisse reagiert werden müssen. “A House of Dynamite” folgt sicherlich einem Drehbuch, doch kommt der Film alles andere als konstruiert daher und gerade das macht ihn so gut. Dächte man sich “The Hurt Locker”, “Zero Dark Thirty” und “A House Of Dynamite” als Filmreihe, könnte man darin einen Diskurs erkennen, bei dem die Regisseurin fortwährend mit dem (politischen) Publikum spricht, die diplomatischen und menschlichen Verwicklungen zur Diskussion stellt und mit dem neuen Film mit dem Finger tief in die Wunde drückend die Verantwortlichen fragt, ob sie blind sind.
Bewertung
(95/100)
„A House of Dynamite“ – Trailer
Bilder: (c) Netflix
