Heute geht die Berlinale in der deutschen Hauptstadt zu Ende, es war die erste unter der neuen künstlerischen Leiterin Tricia Tuttle. In ihrer Einschätzung des Festivals sind sich viele Kritiker einig: Die 75. Berlinale war brav und nett, aber auch belanglos – und angesichts der politischen Weltlage geradezu bieder.
Dieser Eindruck ist in weiten Teilen der Kulturszene bereits seit Jahren zu beobachten, die zwischen Applauslüsternheit und Hilflosigkeit angesichts gesellschaftspolitischer Realitäten schwankt und deren Engagement sich oft auf den Austausch oberflächlicher und plakativer Codes beschränkt. Oder die versucht, politische Themen gänzlich auszublenden, wie es offenbar das Ziel der Berlinale 2025 war.
Wenn man nun Kunst und Kultur als Speerspitzen für gesellschaftlichen Fortschritt und Demokratie versteht, die ihre scharfen Kanten in gesellschaftliche Wunden zu legen haben, um Diskussionen anzustoßen, ist das enttäuschend und ernüchternd. Filmfestivals und kulturelle Veranstaltungen allgemein sollten nicht zu belanglosen Berieselungsmessen werden, die ihr Publikum von den Problemen der Welt ablenken.
Das „Revolutionärste“ der Berlinale 2025 war die Ansprache von Radu Jude bei der Preisverleihung: Angesichts der anstehenden Deutschland-Wahl sagte er in gewohnt sarkastischer Manier, er hoffe, dass die nächste Berlinale nicht mit Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ eröffnet werde. Und sein offizielles Berlinale-Porträt versah der rumänische Filmemacher („Bad Luck Banging or Loony Porn“) mit „F*ck Putin & Trump“.
Ansonsten gab es keine öffentlichen Kommentare zum politischen Zeitgeschehen, das die Welt und gerade Europa in der dramatischsten politischen Lage seit dem Ende des 2. Weltkriegs sieht. Dass die US-Amerikanerin Tuttle angesichts der Vorgänge in ihrer Heimat offenbar eine unpolitische Berlinale wollte, überrascht doch sehr. Vermutlich wollte sie Eklats vermeiden, die es letztes Jahr vor allem im Zusammenhang mit dem Israel-Hamas-Konflikt gab. So gab es heuer bis auf eine Unterstützungserklärung Tilda Swintons für die antiisraelische Boykott-Organisation BDS und einen verlesenen Wutbrief des iranischen Darstellers Erfan Shekarriz, der zur Vernichtung Israels aufrief, keine weiteren „Vorfälle“. Doch wer unangenehme Blödheiten verhindern will tut das zum hohen Preis, auch unangenehme Wahrheiten zu beschneiden.
Ein weiteres, großes Defizit der Berlinale, aber auch vieler anderer Filmfestivals ist und bleibt die Tatsache, dass sie die Realitäten postmodernen Konsumverhaltens ausblenden: Sie vertreten weiterhin einen Kinofetisch, der andere Formen der Auseinandersetzung mit Bewegtbild grundsätzlich ausklammert. Filmfestivals werden so immer mehr zu „geschlossenen Veranstaltungen“, bei denen sich die Branche selbst feiert und die sich vom „gemeinen Publikum“ immer weiter entfernt. In der Frühphase der Pandemie boten viele Festivals situationsbedingt Online-Ausgaben oder hybride Formate an, deren Nebeneffekt war, auch Publikumssegmente zu erreichen, die sonst keinen Zugang zur „Weltkinokunst“ haben. Nicht jeder kann und will sich teure Reisen nach und Aufenthalte in Berlin, Cannes, Venedig etc. leisten, gerade in Zeiten hoher Inflation. Doch Kunst ist wichtig, für alle. Anstatt die Krise als Chance für Neues zu sehen, konnte es der Filmbranche nach Aufhebung von Corona-Maßnahmen nicht schnell genug gehen, zur vermeintlichen Normalität zurückzukehren. Beibehaltung offener, inklusiver und innovativer Formate: Fehlanzeige.
Wie immer bei der Berlinale wurden auch 2025 Preise vergeben, die Auswahl der Jury um Todd Haynes lässt sich wie das Festival an sich als „brav“ beschreiben: Der Goldene Bär ging an den Norweger Dag Johan Haugerud für seinen Coming-of-Age-Film „Drømmer“. Der Silberne Bär – Großer Preis der Jury ging an die Dystopie „O último azul“ (The Blue Trail) von Gabriel Mascaro, der Silberne Bär – Preis der Jury an „El mensaje“ (The Message) von Iván Fund. Als beste Darsteller wurden Rose Byrne und Andrew Scott prämiert. Folgend die wichtigsten Preise im Überblick:
- Goldener Bär Bester Film: „Drømmer“ (Dreams (Sex Love)) von Dag Johan Haugerud
- Silberner Bär Großer Preis der Jury: „O último azul“ (The Blue Trail) von Gabriel Mascaro
- Silberner Bär Preis der Jury: „El mensaje“ (The Message) von Iván Fund
- Silberner Bär Regie: Huo Meng für „Sheng xi zhi di“ (Living the Land)
- Silberner Bär Hauptrolle: Rose Byrne („If I Had Legs I’d Kick You“)
- Silberner Bär Nebenrolle: Andrew Scott („Blue Moon“)
- Silberner Bär Drehbuch: Radu Jude für „Kontinental ’25“
- Silberner Bär Herausragende Künstlerische Leistung: Das Team von „La Tour de Glace“ (The Ice Tower)
- Berlinale Dokumentarfilmpreis: „Holding Liat“ von Brandon Kramer
- Bestes Spielfilmdebüt: „The Devil Smokes (and Saves the Matches in the Same Box)“ von Ernesto Martínez Bucio
Nächsten Februar wird die Berlinale für eine neue Ausgabe zurückkehren. Ob sie sich dann angesichts zu erwartender politischer Entwicklungen weiterhin leisten kann, unpolitisch zu bleiben, wird sich zeigen.
von Christian Klosz
