„Das Lehrerzimmer“ brachte Regisseur İlker Çatak eine Oscarnominierung ein, mit seinem neuesten Film „Gelbe Briefe“ gewann er nun vor wenigen Wochen den Goldenen Bären auf der Berlinale. Das war dort zwar eine kleine Überraschung, doch besticht dieses Politdrama durch seine bemerkenswerte Aktualität. Ab dem 5. März 2026 ist das Werk über das Spannungsverhältnis zwischen Politik, Staat und Kunst in den deutschen Kinos zu sehen, in Österreich ab 10. April.
Kritik von Jonas Schilberg
„Gelbe Briefe“ sind die Kündigungsschreiben
„Gelbe Briefe“ beginnt mit der Abschlussszene eines Theaterstücks. Applaus folgt. Verbeugungen vor jubelnden Zuschauerinnen und Zuschauern. Hinter dem Schauspielensemble sind Käfige zu sehen, wohl einfach Teil der Inszenierung. Kleine Vogelkäfige. Es scheint aber, als wiesen sie darauf hin, dass die Repression auch dort schlummern kann, wo man zunächst nur den Beifall vernimmt. Am Theaterstück sind das Künstlerpaar Derya (Özgü Namal), Schauspielerin, und Aziz (Tansu Biçer), Dramatiker und Akademiker beteiligt, die Protagonisten des Films.
Aziz bewegt seine Studierenden kurz darauf dazu, sich lieber an einer Demonstration draußen zu beteiligen, als weiter seinem Kurs zu lauschen. Ein Fehler, wie sich zeigen wird. Denn das Land ist politisch zerrüttet, der Staatsapparat autoritär. Und so werden bald Aziz und Kollegen die Stellen an der Universität gestrichen. Dabei bleibt es nicht: Hausdurchsuchungen, Einschüchterungen, Druck sind die Erscheinungen. Schließlich wird auch das besagte Theaterstück abgesägt. „Von oben“, wie es heißt. Derya und Aziz ziehen in eine neue Stadt, zur Großmutter ihres Kindes Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) und versuchen, die Situation irgendwie zu bewältigen.
Was kann Theater?
Während das Schauspiel in „Gelbe Briefe“ solide, aber nicht herausragend, das Handwerkliche überzeugend, aber nicht außergewöhnlich ist, sollte man ein Augenmerk auf das Drehbuch legen. Dieses folgt einer indirekten Argumentation: Fragt die Tochter zu Beginn noch lachend „Glaubst du wirklich, dass du mit Theater die Welt rettest?“, zeigt uns der Rest des Films sukzessive auf, dass Theater, dass Kunst, eben durchaus hochpolitisch sein kann. Diese Frage der Tochter ist nur die Ouvertüre eines Werks, in dem ihre Eltern aufgrund künstlerischen Schaffens immer schärfer ins Visier eines übergriffigen Staates geraten. Ist nicht die Absetzung des Theaterstücks „von oben“ Beweis genug, dass Kunst und Politik unentwirrbar ineinander verstrickt sind?

Es liegt eine Ironie darin, dass Çataks Drama ausgerechnet auf jener Berlinale ausgezeichnet wurde, auf welcher Juryvorsitz Wim Wenders meinte, Filme seien „the opposite of politics“. Ein derartig apolitischer Blickwinkel wird in „Gelbe Briefe“ nicht nur entkernt, er wird regelrecht vorgeführt. „Lassen sie uns nicht streiten. Erst recht, wo unser Land ohnehin gegen alle Welt zu kämpfen hat“, meint die Rektorin zu jenen Universitätsangestellten, denen sie kündigt. Man kann wohl kaum dreister reagieren. Dieses apolitische Dämmern in einer eigentlich politisierten Welt – selbst in einer Schule werden Unterschriften gegen den Essensanbieter gesammelt – bedroht eine liberale, demokratische Kultur fundamental.
Muss man erst selbst betroffen sein, bevor man aktiv wird?, fragt eine Person in „Gelbe Briefe“. Damit richtet sich der Film auch an uns Zuschauende. Nicht grundlos spielt er zwar in einem türkischen Setting, mit türkischen Schauspielerinnen und Schauspielern und türkischer Sprache, wurde aber in Berlin (für Ankara) und Hamburg (Istanbul) gedreht. Die Türkei ist ein Staat, den die meisten wohl als tendenziell autokratisch bezeichnen würden. Aber ist Deutschland mit Bestimmtheit vor solchen Verhältnissen gefeit? Kippt es unter keinen Umständen? Auch wenn man die Bundesrepublik sicherlich zu den liberalsten Staaten weltweit zählen kann, ist sie in Rankings zur Presse- und Meinungsfreiheit in den letzten Jahren abgerutscht. Es wird kein Zufall sein, dass die Demonstration, zu der Aziz im Film aufruft, ausgerechnet eine der Palästinasolidarität ist, wie die Kamera beiläufig einfängt.
Berlinale in der Krise: Filme, Gewinner und Skandale
Der Status Quo ist nicht in Stein gemeißelt
Repressionen sind nicht qua Naturgesetz Monopol nichtwestlicher Staaten. Was in den USA täglich zu beobachten ist, kann auch hierzulande auftreten. Wenn man nicht aufpasst. Sich apolitisiert. Die jüngsten Sanktionen gegen HateAid erinnern an das Geschehen im Film. In „Gelbe Briefe“ ist zu sehen, was es heißt, wenn der Staat das Leben jener zur Hölle macht, die das Liberale in ihm verteidigen möchten. Aber nicht nur in Unrechtsstaaten, sondern überall stehen Kunstschaffende stets vor der Frage: Idealismus oder Konformismus? Sich selbst verwirklichen oder verbiegen? Werk oder Geld? Die Heldin spielen, oder dem Polizeipräsidenten eine PS5 kaufen, wie es in „Gelbe Briefe“ ein Freund Azizs tut?
Aziz und Derya entscheiden sich in dieser Frage unterschiedlich. Und obwohl die Dichotomie einen unauflösbaren Konflikt darzustellen scheint, das Paar durchaus vor eine Belastungsprobe gestellt wird, endet Çatak versöhnlich. Mit Sonnenstrahlen. Weil es eben beides gibt und immer geben wird, Integrität dort und Opportunismus da. Sich das einzugestehen, fällt vielleicht beiden Seiten schwer.
Fazit
İlker Çatak sagte in einem Interview, dass er sich in „Gelbe Briefe“ mit dem Thema des „zivilen Tods“, also des Verlusts wesentlicher Rechte ohne Strafverfahren auseinandersetzen wollte. Im Ergebnis ist dies geglückt: Theaterstücke, Kunst und Kultur retten nicht die Welt, aber die, die es zumindest wollen, existieren. Sie können einen Diskurs anregen, durch Unbequemlichkeit aber auch ihre Schöpfer alle Gewalt des Staates spüren lassen. Mag die Inszenierung nicht außergewöhnlich sein, zieht der Film so seine Stärke aus einem klugen Drehbuch, das nur ein paar Seiten kürzer hätte sein können. Wie wohl Wim Wenders „Gelbe Briefe“ fand?
Bewertung
(73/100)
„Gelbe Briefe“: Ab 5.3.2026 im Kino in Deutschland, ab 10.4.2026 in Österreich.
Weitere Infos zu „Gelbe Briefe“ auf IMDb, Rotten Tomatoes oder der Berlinale-Website.
Bilder: (c) Ella Knorz / if… Productions / Alamode Film
