Heute Abend eröffnet in der deutschen Hauptstadt die 70. Ausgabe des internationalen Filmfestivals Berlinale. Die Programmverantwortlichen stehen dabei wie jedes Jahr vor der wohl schwierigen Aufgabe, einen geeigneten Eröffnungsfilm aus den unzähligen Einreichungen zu wählen, der Kritker und Presse sowie Premierenpublikum gleichermaßen zufrieden stellt. So kann man sich vielleicht erklären, dass heuer der völlig harmlose und überraschend wenig anspruchsvolle Film „My Salinger Year“ von Philippe Falardeau ausgesucht wurde.

von Christian Klosz

Der Film erzählt die auf der literarischen Vorlage und auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte von Joanna Rakoff (gespielt von Margaret Qualley), die 1996, erfasst von der Idee, Schriftstellerin zu werden, nach New York zieht. Dort landet sie in einer Literturagentur, wo sie als Sekretärin Leserbriefe an J.D. Salinger, den berühmten US-Autor, der von der Agentur vertreten wird, beantworten darf. Sie verdient sich schrittweise das Vertrauen ihrer Chefin Margaret (Sigourney Weaver) und bekommt bald interessantere Aufträge, entfernt sich aber immer mehr von ihrem eigentlichen Ziel. Als sie schließlich eine wichtige Position angeboten bekommt, muss sie eine Entscheidung treffen: Karriere oder Idealismus, Geld oder Kunst?

So gefällig und beliebig, wie das klingt, ist „My Salinger Year“ auch geraten: Ein Film, der niemandem weh tut, aber auch nur leidlich zu begeistern weiß, denn zu oberflächlich und blass bleiben die Figuren, zu unklar bleibt bis zum Schluss, was uns der Regisseur eigentlich sagen will. Ein bisschen Milieustudie, ein bisschen Coming of Age-Story, ein bisschen New York-Hommage, ein bisschen (post)moderner Feminismus – doch insgesamt alles zu seicht, und auch zu generisch.

Auf der Haben-Seite kann „My Salinger Year“ die Kameraarbeit und das solide Schauspiel verbuchen, wobei Weaver aus dem Cast heraussticht, während Qualley eher blass bleibt. Insgesamt hätte man sich aber auch bei der Charakterzeichnung mehr psychologische Tiefe gewünscht: Die Motive der Figuren werden zwar auf den Tisch gelegt, bleiben aber auf einer emotionalen Ebene schwer nachvollziehbar, wie es dem Film überhaupt kaum gelingt, den Zuschauer zu berühren.

Was bleibt, ist eine nette Geschichte, die man jedoch schon vielfach besser gesehen hat, eine offenbar intendierte (weibliche) Coming of Age-Story im literarischen Umfeld, wobei Greta Gerwig gerade erst mit „Little Women“ vorgeführt hat, wie das geht, und Ansätze von Romantik, die auch im Sand verlaufen, also: Ein durch und durch mittelmäßiger Eröffnungsfilm, der offenbar alle irgendwie zufrieden stellen soll und will, aber gerade deswegen wohl keinen wirklich glücklich machen wird.

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52/100

Bilder: © micro_scope