Mit „Lady Bird“ legte Greta Gerwig 2017 eines der beachtlichsten Regie-Debüts der letzten Jahre vor: Ihr autorenhafter Zugang, der persönliche Motive mit einem ausgezeichneten Gespür für Milieus und Lebenswelten verquickte, ließ bereits damals erahnen, dass hier ein ganz großes, neues Regie-Talent die Bühne betrat. Mit ihrem Nachfolger „Little Women“, ab morgen in unseren Kinos zu sehen, bestätigt die US-Amerikanerin dieses Urteil eindrucksvoll. Gerwig schuf ein vielschichtiges Filmepos voller interessanter Charaktere, virtuos inszeniert und erzählt, zugleich unterhaltsam und bewegend. Wenn die Oscar-Jury ihre Wahl ausschließlich nach Qualitäts-Kriterien treffen würde, müsste „Little Women“ als bester Film 2019 prämiert werden.

von Christian Klosz

Gerwigs Coming-of-Age-Geschichte basiert auf Louisa May Alcotts gleichnamigem Roman, es ist dies nicht die erste Verfilmung des Stoffes. „Little Women“ spielt zur Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA und erzählt von den vier March-Schwestern Jo (Saoirse Ronan), Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen), die gemeinsam mit ihrer Mutter (Laura Dern) eine entbehrungsreiche, aber glückliche Jugend durchleben. Der Vater ist bei der Armee, darum müssen die Damen für sich selbst sorgen. Vor allem Jo hat Probleme, sich den herrschenden Vorstellungen und gesellschaftlichen Konventionen zu fügen, sie möchte Schriftstellerin werden und für sich selbst sorgen. Auch deshalb vertröstet sie ihren Verehrer Laurie Laurence (Timothee Chalamet) mehrfach, der sie über alles liebt und zur Frau nehmen möchte. Als Jo erkennt, dass die Ehe mit Laurie und ein eigenständiges Leben kein Widerspruch sein muss, ist es zu spät: Der hat nun um die Hand von Schwester Amy angehalten. Meg wiederum heiratet den Hauslehrer James Norton, der ihr zwar nur wenig Geld, aber treue Fürsorge versprechen kann, während Beth von einer schweren Krankheit dahingerafft wird.

Florence Pugh Littel Women
Florence Pugh in „Little Women“

Gerwig zeichnet sodann ein äußerst detailliertes Porträt unterschiedlicher Lebensentwürfe, verkörpert durch ebenso unterschiedliche Charaktere. Sie macht das in einem stets wohlwollenden, versöhnlichen und positiven Grundton, verzichtet weitgehend auf Klischees oder Vorurteile, und tut es so ihrem Partner Noah Baumbach gleich, dessen „Marriage Story“ sich bereits durch einen vergleichbaren Zugang ausgezeichnet hatte.

Bei „Little Women“ stechen vor Allem drei besondere Talente Gerwigs ins Auge: 1. Lässt sich der Film auch als Milieustudie verstehen, als filmische Abbildung einer nicht gerade wohlhabenden, aber aufstiegsorientierten (unteren) Mittelschicht in den USA des 19. Jahrhunderts. Der Detailreichtum der entworfenen Lebenswelten erinnert an Vorbilder wie Scorsese, die plastische Lebendigkeit derselben ebenso. 2. Das Autorenhafte dringt aus jeder Pore des Films, aus jeder Einstellung, aus jeder Figur; insbesondere Jo lässt sich als filmisches Alter Ego Gerwigs ausmachen, Themen wie Selbstbestimmung und Außenseitertum werden nach „Lady Bird“ wieder und neu (vor einem anderen historischen Hintergrund) verhandelt. 3. Was Viruosität der Inszenierung betrifft, gibt es derzeit wenige Regisseur/innen, die mit Gerwig mithalten können: Sie überlagert geschickt Zeit- und Erzählebenen und macht das alles mit einem derart hohen (Erzähl-)Tempo, dass man sich gleich nochmal an (den alten) Scorsese erinnert fühlt.

Saoirse Ronan in Little Women
Saoirse Ronan als Jo March

So ist „Little Women“ ein dichtes Historienepos geworden, das gleichzeitig Familiendrama und persönliche Entwicklungsgeschichte ist, das die Zuschauer gleichermaßen fesselt, unterhält und berührt. Lobend erwähnt werden muss ein weiteres Mal die hervorragende Leistung von Saoirse Ronan, die sich in einem sonst eher schwachen Jahr für weibliche Hauptrollen für den Oscar empfiehlt. Warum Gerwig hingegen keine Nominierung für „Beste Regie“ erhalten hat, ist in diesem konkreten Fall schwer nachvollziehbar, da ihre Leistung jedenfalls über jene einiger nominierter Kollegen (Sam Mendes oder Quentin Tarantino etwa) zu stellen ist.

Fazit

Greta Gerwigs Zweitling hält, was er verspricht: Die US-Regisseurin knüpft nahtlos dort an, wo sie mit „Lady Bird“ begonnen hatte, und schuf mit „Little Women“ einen ebenso sozio-historisch interessanten wie zutiefst persönlichen Film über 4 Frauen, die ihren Weg in der Welt suchen. Toll gespielt, virtuos inszeniert: Ein wahres Highlight des noch jungen Filmjahrs 2020.

Bewertung

9 von 10 Punkten

Bilder: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Wilson Webb