Wim Wenders ist zurück und liefert einen introspektiven Film, der in Japan entstanden ist. Seine Begeisterung mit dem asiatischen Land ist allgemein bekannt und nun konnte er bei einer Produktion als Regisseur mitwirken. Das Resultat ist eine eindrucksvolle Charakterstudie, die gewohnte narrativen Handlungsstrukturen ablehnt und auf originelle Weise den herkömmlichen Alltag des Protagnisten zum Schauplatz seiner Menschlichkeit zu machen.

Von Natascha Jurácsik

Hirayama reinigt für die Stadt Tokyo öffentliche Toiletten und lebt allein. Sein Alltag wird von einem geregelten Ablauf bestimmt, bei dem auch Musik und Bücher nicht fehlen dürfen. Eines Tages kriegt er jedoch unerwartet Besuch und muss seine Routine dementsprechend anpassen.

Zwar geht es bei dieser Geschichte teils um Veränderung und wie wir mit dieser umgehen, doch besonders interessant ist ihr Umgang mit der Routine. Hirayamas ruhiges Leben wird nicht als tragischer Zustand verstanden, sondern als friedliches Dasein. Trotz fester Gewohnheiten gleicht sich nicht jeder Tag eins zu eins und wird von kleineren Momenten vom Rest unterschieden. Auch diese sind von einer stillen Glückseligkeit gezeichnet und sorgen für ein Gefühl der Zugehörigkeit zwischen der Hauptfigur und seinem Umfeld. Vermittelt durch Hirayamas Perspektive hat der Film das Talent in den kleinsten Dingen die Schönheit zu erkennen und dem Zuschauer nahezubringen, sei es ein freundlicher Austausch zweier Fremder, die im Park ihre Mittagspause verbringen oder das Sonnenlicht, welches durch die Blätterdächer der Bäume fällt. Hierbei ist das Projekt beinah dokumentarisch und fängt die kleinsten Details im Alltag der Hauptfigur ein, ohne ihnen einen narrativen Wert aufzwingen zu wollen. Selbst als die Routine durch größere Ereignisse durchbrochen wird ist dies kein Punkt, an dem die Handlung in eine dramatische Phase der Selbstifndungskrise übergeht und Hirayama zeigt, wie unbedeutend seine bisherige Existenz doch ist; im Gegenteil wird das Friedliche beibehalten und die Veränderung als Teil des Lebens akzeptiert – die Routine kämpft gegen diese nicht an, sondern antizipiert sie.

Die Stimmung ist zwar relativ eintönig, dafür aber nie depressiv oder öde. Verantwortlich hierfür ist unteranderem das atmosphärische Sound Design: Obwohl Hirayama selbst nur wenig redet ist sein Alltag von Geräuschen umgeben. Er wacht zum Rauschen der Blätter im Wind und zum leisen Straßenfegen der Nachbarn auf, hört auf dem Weg zur Arbeit seine Lieblingsmusik und lauscht seiner Umgebung aufmerksam. Im Hintergrund sind fast immer Vogelgezwitscher, lachende Kinder, Wind und plätscherndes Wasser zu hören, der stressige Krach einer Großstadt, der sonst mit dem Alltag verbunden wird, ist hier nur in bestimmten Szenen wahrnehmbar. Der Soundtrack von Hirayamas Kassetten, die er in seiner Freizeit hört und hauptsächlich aus alternativem 70er und 80er Jahre Rock bestehen, tragen zu einem Gesamteindruck bei, der die Figur und ihr Leben greifbar macht.

Auch der gekonnte Einsatz von Farbe und Licht tragen zu den gelungenen Bildkompositionen einzelner Szenen bei, wodurch jedes Setting – und sei es noch so banal oder alltäglich – eine bescheidene Form von Schönheit besitzt. Dies hilft ein wenig bei der Eintönigkeit, denn trotz einer höchst gelungenen Character Study dürfte der Film für einige Zuschauer zu langsam sein.

Fazit

Eine Liebeserklärung an den Alltag – Wim Wenders kämpft gegen den Actiondrang moderner Hollywood Filme an und zeigt, dass auch das einfache Leben einen Platz auf der großen Leinwand verdient hat. Zusammen mit einem fantastischen Drehbuch und einer ganz eigenen Vision geht es bei „Perfect Days“ vor allem um die einfache Schönheit des Menschseins. Seit 22.12. im Kino.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

85/100

Bild: (c) 2023 Master Mind Ltd. / Polyfilm