Es gibt (noch) nicht viele Filme, die sich trauen, Corona und damit verbundene Maßnahmen in ihren Filmen aufzugreifen und abzubilden: Menschen mit Masken und Abstand sind (zum Glück) bisher ein Anblick, den wir nur aus unser aller Alltag kennen, Filme bieten in diesen Zeiten mehr denn je die Möglichkeit zum Eskapismus in schönere, bessere Gegebenheiten. Oder auch nicht, wie Radu Judes Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Bad luck banging or loony porn“ exerziert, der nicht nur den „neuen Alltag“ mit all seinen Irritationen abbildet, sondern auch eine zerfallende (rumänische) Gesellschaft, die von Egoismus, Heuchelei und jeglicher Art (pseudo-)moralischer Dünkel durchdrungen ist.

von Christian Klosz

Hintergrund für Judes wildes, überdrehtes, experimentelles Exempel ist ein „Skandal“, der ein Bukarester Gymnasium „erschüttert“: Die Geschichtslehrerin Emi (Katia Pascariu) hat Sex mit ihrem Mann, der sie dabei filmt, wohl um etwas „Pepp“ in die Ehe zu bringen (kann man vermuten) – so weit, so gewöhnlich. Das Video findet irgendwie seinen Weg ins Internet, landet auf einschlägigen Plattformen wie Pornhub und geht viral: fatal, vor allem für die Lehrerin, denn Eltern und Lehrerschaft verfallen in helle Empörung ob dieser unfassbaren Obszönität (Menschen haben Sex!). Emi muss sich schließlich einem Tribunal stellen, das man sinnbildlich für die Social Media-Empörungsmaschine lesen kann, bei dem es (wie bei echten Tribunalen eben) nicht um Diskurs oder das bessere Argument geht, sondern um die möglichst schnelle Schuldsprechung: Die Eltern aus Emis Klasse urteilen darüber, ob diese „dreckige Hure“ (Zitat) deren Kinder wirklich weiter unterrichten darf.

Jude teilt „Bad luck banging or loony porn“ in 3 Teile: Der erste bringt uns in Kontakt mit der Hauptfigur/Heldin und ist gleichzeitig ein Porträt der rumänischen Hauptstadt Bukarest unter Corona-Bedingungen. Während die Wunden des Ceaușescu-Sozialismus noch an Gebäuden und am Stadtbild abzulesen sind, macht sich eine Gereiztheit unter den Menschen breit, die mit den Wirren unserer Zeit zu tun haben muss: Klassendünkel, Beschimpfungen und Gemeinheiten, die sich einander unbekannte Menschen mit durch Masken halbverdeckte Gesichter am Gehsteig oder an der Supermarktkasse entgegenschleudern. Diese Einführung ist ganz solide, zieht sich aber auch etwas. Teil 2 soll wohl ein experimenteller Exkurs durch Begrifflichkeiten sein, die durch Bildmontagen erklärt und symbolisiert werden sollen. Diese Sequenz ist eigenwillig, irritierend, manche werden sagen: Nervig.

Teil 3 schließlich, der längste (ca. 40 Minuten) und der Höhepunkt des Films, entschädigt allerdings für die Schwächen davor und ist für sich genommen ein kleines filmisches Kunstwerk: Emi findet sich vor ihrem Tribunal im noblen Gymnasiums-Garten ein, vor ihr ihre Richter, also die Eltern, auf Sesseln mit entsprechendem Corona-gebotenem Abstand platziert. Die Diskussion artet schnell in ein wildes Wirrwarr aus aberwitzigen Anschuldigungen aus, eine unkontrollierbare Kakophonie aus sich als Meinungen ausgebenden Moralergüssen, deren einzige Absicht es ist, unsere Heldin zu erniedrigen. In diesem wilden Empörungssumpf ertrinkend versucht Emi sich mit Händen und Füßen (und Stimme und Vernunft) zu verteidigen und ihre „Tat“, die keine ist, zu erklären. Nur wenige Anwesende bringen die Courage auf, sich gegen die zeternde Meute zu stellen und für Emi Partei zu ergreifen, ihr Missgeschick in ein anderes Licht zu rücken. Ihre Gegner switchen scheinbar problemlos zwischen konservativem Spießertum, Chauvinismus, Sexismus, Antisemitismus und neo-moralistischen Dünkel, wie am besten diese kurzen Episoden veranschaulichen: Während ein Vater (einer der wenigen überhaupt) sich für Emi einsetzt und eine grundsätzliche Diskussion über Bildung führen möchte, wirft ihm eine (etwas ältere) Mutter „mansplaining“ vor, um Emi im nächsten Atemzug als anstandslose „Schlampe“ zu beschimpfen, die durch ihre Taten ihre Kinder verderben würde. Und: Während das Sex-Video am Tablet vorgeführt wird, damit alle wissen, worüber hier eigentlich gerichtet wird, fallen besonders die anwesenden Väter und insbesondere ein Großvater durch großes Interesse an der Darbietung auf, der durch Heranrücken an den Bildschirm wohl jedes Detail dieses moralischen Verfalls aufsaugen möchte, um die böse Angeklagte, die ihn eben noch so fasziniert hatte, im nächsten Moment ebenfalls „Hure“ zu schimpfen.

Radu Jude hat sichtlich Spaß daran, die grassierende Heuchelei zu enttarnen, inszeniert das Highlight seines Films als ironische „Sitcom“, die auch für den einen oder anderen Lacher sorgt – gerade im offenen, finalen Akt. Ziel seines Spotts, seiner beißenden Kritik ist eine verunsicherte Gesellschaft, die sich – in Abwesenheit von Religion. Ideologien oder anderer, festigender Strukturen – in Ersatzhandlungen flüchtet, die die Welt, zumindest für ein paar Minuten, (in Gut und Böse einteilend) ordnen soll: Wer daran zweifelt, dass wir dieses Problem haben, dem oder der sein ein Blick auf Twitter oder in die Kommentarspalten diverser Online-Medien empfohlen.

Fazit:

Ordentlicher erster Teil, mühsamer zweiter, genialer dritter: „Bad luck banging or loony porn“ ist ein kreativer, kluger und unterhaltsamer Exkurs über Moral(verfall), Anstand und die Probleme einer zerfallenden, verunsicherten Gesellschaft, die verlernt hat, miteinander zu kommunizieren, sich auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen – und zu vergeben. Es ist beißende Sozial- und Kulturkritik, die speziell an der rumänischen Gesellschaft Anstoß nimmt, aber universell gültig ist und trotz oder gerade wegen der heiteren Herangehensweise im Kopf bleibt.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

„Bad luck banging or loony porn“ gewann bei der Berlinale 2021 den Goldenen Bären im Wettbewerb. Ab 8.7. ist er im Kino zu sehen.

Bilder: © Silviu Ghetie / Micro Film 2021