Aus Cannes direkt nach Wien – Regisseurin Julia Kowalski präsentiert ihren neuen Film beim SLASH Filmfestival, nachdem er in Frankreich im Mai Premiere feierte. Die französisch-polnische Koproduktion ist ein atmosphärischer Beitrag zum Folk-Horror-Genre, das heidnischen Mystizismus, ländlichen Aberglauben und repressive Geschlechterrollen zu einer langsamen, düsteren Geschichte verbindet.
von Natascha Jurácsik
Nawojka (Maria Wróbel) lebt mit ihrem Vater und ihren zwei Brüdern auf einer Farm in einem französischen Dorf, das die polnische Migrantenfamilie aufgenommen hat. Als nach und nach die Kühe auf dem Hof anfangen auf merkwürdige Art zu sterben, befürchtet Naw dem gleichen Fluch wie ihre Mutter zu verfallen und versucht sich in ihrer Rolle als einzige Frau im Haus zu werfen – doch ihr Gehorsam wird mit der Ankunft der rebellischen Nachbarstochter Sandra (Roxane Mesquida) auf die Probe gestellt.
„Her will be done“: Hommage an die Folk-Horror-Klassiker
Optisch ist Kowalskis Projekt an die Folk-Horror-Filme der späten 1960er und 1970er Jahre angelehnt wie „Witchfinder General“, „The Blood on Satan’s Claw“ und „The Wicker Man“ – die sogenannten ‚Big Three‘ des Subgenres. Langsam über das Set streifende Aufnahmen, schnelle Zooms und eindrucksvolle, malerische Einstellungen verleihen „Her Will Be Done“ eine Retro-Ästhetik, die – wie die genannten Inspirationen – der Handlung eine visuelle Traumlogik verleihen. Kowalski hat ihre Hausaufgaben zum Folk-Horror offensichtlich gemacht und versteht es, ihrer Geschichte den so prägnanten, ominösen Ton zu verleihen, der Filme solcher Art ausmacht. Auch die Musik lehnt an diese frühen Beispiele des Genres an und unterstreicht die Wirkung sehr gut.
Die Story von „Her Will Be Done“ ist zwar nicht sehr originell, aber gelungen dargestellt. Trotz des mäßigen Tempos und einer eher minimalistischen Handlung erweckt Kowalskis Vision ein Gefühl der Beklemmung, das sich im Laufe der knapp 1,5 Stunden Spielzeit immer mehr steigert, bis es in einem antiklimaktischen Finale kulminiert und das Publikum mit einer komplizierten, beinah unangenehmen Stimmung zurücklässt.

Weibliche Perspektiven
Die Perspektive der zwei weiblichen Hauptcharaktere Naw und Sandra steht hierbei im Fokus und fordert den Zuschauer auf, sich mit der Erfahrung junger Frauen gefangen im Urteil einer isolierten Gemeinde zu identifizieren. Die Figuren und ihre Schicksale sind dabei so spezifisch, dass sie durch mit Bedacht ausgeschmückten Details sehr realistisch wirken, ohne dabei jedoch für eine breitere Masse unzugänglich zu sein. Kowalski spricht hierbei durch die Linse des Folk-Horrors eine Realität an, die trotz der übernatürlichen Metaphern in dieser Form auch außerhalb des Kinos herrschen.
Leider schöpft die Regisseurin das Potenzial des Genres nicht voll aus und scheint sich in „Her Will Be Done“ für ein vorsichtigeres Ende zu entscheiden – auf Kosten der Wirkung. Statt mit einem triumphalen Klimax einer unterdrückten weiblichen Identität zu schließen, scheut sich Kowalski zu sehr vor Retribution brutaler Emanzipation, wodurch die letzten 20 Minuten einen bitteren Nachgeschmack von lauer Resignation hinterlassen, statt einer symbolischen Abrechnung mit patriarchalen Strukturen.
Hierdurch verliert „Her Will Be Done“ an Dynamik und trifft zum Schluss auch keine originelle oder auch nur nützliche Aussage zur gewählten Thematik. Dadurch wirkt das Projekt im besten Fall zynisch und im schlimmsten Fall sinnlos – hier hätte Kowalski sich definitiv mehr trauen müssen.
Fazit
Klassischer Folk-Horror mit modernem Anstrich: Eine starke ästhetische Richtung und sorgfältige Inszenierung machen „Her Will Be Done“ zu einem Erfolg des Genres, auch wenn die Handlung zum Schluss leider an Biss verliert und eher deprimierend als wirkungsvoll endet.
Bewertung
(73/100)
„Her will be done“ läuft beim Slash Filmfestival, das derzeit in Wien stattfindet.
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Bilder: (c) Slash Filmfestival
