Wenn man unvorbereitet mit Simon Glassmanns Film „Buffet Infinity“ (2025) konfrontiert wird, braucht es ungefähr 10 Minuten, bis man realisiert hat, dass der Plot nur über Fernsehwerbung und Nachrichtensendungen erzählt wird. Weitere 10 Minuten ist man dann damit beschäftigt herauszufinden, ob alle gezeigten Sendungen fiktiv sind oder Fiktion und Realität miteinander vermischt werden. Mit der Zeit ist es eindeutig, dass alle Werbesendung extra für den Film kreiert worden sind. Der Beweis für deren Fiktionalität lässt sich jedoch nicht anhand der generischen Ästhetik, der schlechten Qualität der Aufnahmen oder des absurden Inhalts festlegen, sondern vielmehr daran, dass die Werbungen plottechnisch gesehen zu kohärent ineinandergreifen.

von Pascal Ehrlich

„Buffet Infinity“ erzählt die Geschichte mehrerer Geschäfte innerhalb einer Strip-Mall. Die Stripp-Mall ist ein klassisches, nordamerikanisches Konzept. Im Gegensatz zum auch hier bekannten Einkaufszentrum, ähnelt die Stripp-Mall mehr einer offenen Einkaufspassage, bei der die Geschäfte nebeneinander stehen. Meistens in der Nähe eines wichtigen Verkehrsknotenpunkts, mit einem großen Parkplatz und entweder als I, L oder U geformt, gehört die Strip-Mall zu den definierenden Motiven der Americana Ästhetik. Die Strip-Mall in Buffet Infinity fungiert als paradigmatischer liminaler Raum – ein Nicht-Ort zwischen Kommen und Gehen, zwischen Konsum und Leere.

In dieser Strip-Mall mietet sich das Restaurant Buffet Infinity ein, das riesige Buffets anbietet, zu niedrigen Preisen, und damit mit dem angrenzenden Geschäft Jenny’s Sandwich Shop konkurriert. Mit Hilfe der Werbesendungen entspinnt sich dann ein Konkurrenzkampf, der nicht nur immer weiter ins Absurde abdriftet, sondern auch zunehmend feindselig wird. „Buffet Infinity“ erzählt mit und durch die Mittel des Kapitalismus eine Kapitalismuskritik. Die dauernde Unterbietung der Preise, das Versprechen auf immer exotischeres Essen und die Rückbesinnung auf das Authentische/Traditionelle dient einzig und allein dem Marketing und einer kapitalistischen Logik. „Buffet Infinity“ denkt diese Logik konsequent zu Ende und verweist auf einen sich selbst-zerfleischenden Kapitalismus, den er erfolgreich mit absurdem Adult-Swim-Humor (man denke an die Interdimensional-Cable-Folgen aus der Serie „Rick & Morty“) verbindet.

Die Horror-Elemente zieht der Film nicht nur durch den metaphorischen Kapitalismus-Kannibalismus, sondern auch direkt über die Plotebene, indem er eine Art Cosmic-Horror à la Lovecraft etabliert. In dem Restaurant Buffet Infinity scheinen nämlich übernatürliche oder zumindest nicht erklärbare Dinge stattzufinden.

Cosmic-Horror ist am effektivsten, wenn dieser nicht ausbuchstabiert wird, sondern sich nur fragmentiert offenbart und die Menschen mit dem Außer-Irdischen und Unerklärlichen konfrontieren. Es ist eine Angst vor der Unendlichkeit des Universums, die die Position des Menschen relativiert und sogar minimiert. Auf Plotebene erinnert der Film an den Horror-Podcast „Welcome to Night Vale“, die Geschichten aus einer Kleinstadt erzählt, in der jede Verschwörungstheorie wahr ist. Der Plot jeder Folge wird ebenfalls indirekt über eine Radiosendung vermittelt. Es ist diese Fragmentierung, die die Stärke des Podcasts und auch von Buffet Infinity ausmacht. Dadurch dass der Film zum Schluss expliziter wird und von seiner vorherrschenden Erzähltechnik abweicht und den Horror bebildern muss, verliert er im letzten Drittel deutlich an Qualität.

BUFFET INFINITY

Auf einer ästhetischen Ebene orientiert sich der Film mehr an dem Genre des Analogen-Horrors – der trotz des Namens seinen Ursprung in Foren des frühen Internets (einer der ersten Prototypen des Analogen-Horrors ist der Begriff Creepypasta, der im Internetforum 4chan auftaucht) und in der Anfangszeit von YouTube hat. Es handelt sich dabei um eine Reproduktion einer Fernseh-Ästhetik des späten 20. Jahrhunderts, die sich an der Qualität von VHS-Kassetten und Home-Video-Aufnahmen orientiert.

Das faszinierende am Analogen-Horror ist, dass es nicht nur ein nostalgischer Wehmut der digitalen Generation für das Analog-elektronische ist, sondern auch das Unheimliche dieser Ästhetik begreift. Der Horror entsteht durch kleine Verschiebungen der Reproduktion, so dass eine 1:1 Kopie des schon Bekannten handelt, sondern – ganz nach Freud – sich etwas Unheimliches in die Aufnahmen einschleicht bzw. sich das Unheimliche in der Verschiebung offenbart. Genauso verhält es sich mit den Werbesendungen aus „Buffet Infinity“, die die 90er-Jahre-Ästhetik imitiert, mit ihren bunten Farben und den stets euphorischen Erzählerstimmen.

Gleichzeitig und zwar unabhängig vom Inhalt evozieren diese Bilder etwas Bedrückendes – etwas das sich schwer in Worte fassen lässt und dennoch ganz eindeutig spürbar ist – eine zu lange Einstellung hier, ein unmerkliches Flackern dort – und schon offenbart die Ästhetik ihren inhärenten Horror.

Man könnte von einem Horror des Glitches sprechen, der diese digitale Verschiebung ermöglicht. Die Werbesendungen werden so zu haunted media, in denen sich die Gespenster des Konsumkapitalismus manifestieren: endlose Versprechen, die sich in ihrer eigenen Unendlichkeit verschlingen, genau wie das titelgebende Buffet, das in seiner paradisieschen Überfülle auf eine kosmische Leere verweist. Der Horror des Films liegt somit nicht primär in dem, was gezeigt wird, sondern in der medialen Form selbst – in der unheimlichen Vertrautheit einer Bildsprache, die wir alle kennen und die uns gerade deshalb mit ihrer unterschwelligen Fremdheit konfrontiert, mit dem Grauen eines Systems, das sich selbst kannibalisiert und dabei fröhlich in die Kamera lächelt.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(75/100)

„Buffet Infinity“ lief beim SLASH Fimfestival, das Ende September 2025 in Wien stattfand.

Bilder: Slash Filmfestival