Am Donnerstag war es soweit: Das Slash-Festival in Wien startete in seine bereits 11. Ausgabe – unter besonderen Corona-Bedingungen. Für die Hauptstadt und die Branche im Allgemeinen ist es auch ein Testlauf, ob und wie ein Festivalbetrieb unter strikten Einschränkungen stattfinden kann, immerhin steht Ende Oktober mit der Viennale das größte Festival des Landes ante portas. Nach dem ersten regulären Festivaltag gestern Freitag lässt sich sagen: Das Publikumsinteresse ist jedenfalls vermindert, aber keinesfalls eingebrochen, Vorsicht und Disziplin sind groß und die Stimmung trotz rigoroser Maßnahmen (Maske auch am Sitzplatz!) überraschend gut. Glückwunsch an das Team rund um Markus Keuschnigg: Premiere gelungen.

Film plus Kritik berichtet wie bereits 2018 und 2019 vom Slash, wenn auch diesmal in etwas geringerem Umfang: Vereinzelt wird es wie gewohnt ausführliche Kritiken geben, das „Herzstück“ soll aber heuer dieses „Festival-Tagebuch“ sein, das täglich um neue (filmische) Einträge ergänzt wird.

von Christian Klosz

Tag 2: FR 18.9.

  • „Breaking Surface“, 18:00, Filmcasino

„Breaking Surface“ ist ein norwegischer Suspense-Thriller, der zu 80% unter Wasser spielt, ein „Hai-Film ohne Hai“ wie eine Bekannte nicht ganz unrichtig anmerkte, der seine beiden Protagonistinnen nicht ganz unclever dem psychologischen Wiederholungszwang unterwirft, der sie ins Wasser wirft, wo das (Melo-)Drama seinen Anfang nimmt. „Kitschig“ hörte man hier und da nach dem Screening oder „langweilig“, auch „keine Story!“: Letzterem muss man zustimmen, denn Regisseur Joachim Heden feilte weniger an seinem Plot als an den Nerven seiner Zuschauer – aber das ordentlich. Wobei es wohl individuell unterschiedlich ist, ob man sich auf das sinistre Suspense-Schauspiel einlassen kann oder will: Klappt das, bietet „Breaking Surface“ knappe 1.5. Stunden Spannung und Unterhaltung, inszenatorisch einwandfrei gemacht, wenngleich das Ganze nicht lange im Gedächtnis bleiben wird. Wer sich nicht fallen lassen kann, wird an der beizeiten biederen Oberfläche zerbrechen und an den allzu ungeschickten bis dämlichen Missgeschicken von Protagonistin Ida verzweifeln, die das ganze Drama erst evozieren.

Rating: 72/100

Tag 3: 19.9.

  • „Fried Barry“, 20:30, Schikaneder

Was für ein Mist: Nicht alles, was gut klingt, ist es auch. Das gilt leider für „Fried Barry“, ein trostloser Trip von Film aus Südafrika, der im Programmtext nicht nur hervorragend klang, sondern auch als „überraschend tiefsinnig“ angekündigt war. Tiefe und Sinn sucht man in dieser mäßigen Mischung aus Gaspar Noe für Arme und „Mandy“ vergeblich, einzig der passable Elektro-Soundtrack schafft es, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zumindest phasenweise zu gewinnen. Ansonsten: Viel Leere und Nichts, also Nihilismus, ein komplett kaputter Kerl, der obendrein noch von einem Alienwesen besetzt wird, was ihn geradewegs „normal“ macht (Botschaft: Die schlimmsten Aliens sind besser als die gewöhnlichsten Menschen??). Vielleicht muss man besoffen, auf Drogen oder ähnlich hinig sein wie Barry, um diesen Film genießen zu können: Ein Reinfall.

Rating: 27/100

  • „Slaxx“, 23:00, Filmcasino

Kompromisslose Killerjeans auf mörderischer Menschenhatz: Das gibt es in Elsa Kepharts komödiantisch angehauchter Konsum-Satire, die auch einen doppelten Boden offenbart. Nicht nur legt sie sich mit der oberflächlichen Insta(nt)-Fashion-Szene an, sondern auch mit der Scheinheiligkeit politisch korrekter „Fair Trade“-Konzerne, die ihre aufgesetzte „ethische Reinheit“ schlussendlich zum kalkuliert gewinnbringenden Label verkommen lassen: Am Ende geht es immer nur ums Geld. Am interessantesten sind trotzdem aber die fiesen Spitzen gegen eine von plumpen Geld- und Statusinteressen getriebene Manager-(Un)Kultur, die über Leichen geht, wenn es der eigenen Karriere dient. Die pseudo-spirituelle Erklärung für die Blutlust der Todesjeans gegen Ende wirkt hingegen etwas aufgesetzt und halbgar, diverse inszenatorische Schwächen (wohl auch auf ein geringes Budget zurückzuführen) lassen sich nicht schönreden, aber alles in allem bietet „Slaxx“ solides filmisches Fast Food: Ohne viel Substanz, harmlos, aber in Maßen durchaus bekömmlich.

Rating: 51/100

Tag 4: 20.9.

  • „She dies tomorrow“, 18:00, Filmcasino

Irgendwann müssen wir alle sterben. Warum nicht morgen? Mit dieser Überzeugung wacht die junge Amy (alter ego der Regisseurin Amy Seimetz?) eines Morgens auf und gibt sich ganz der begleitenden Depression hin. Ihre Freundin sorgt sich um sie und tut Amys Agonie als Begleiterscheinung von deren Alkoholismus ab – um kurz darauf selbst von der tonnenschweren Todesahnung infiziert zu werden: „She dies tomorrow“ bleibt bewusst vage, subtil und kryptisch in seiner Darstellung eines Gefühls, das gerade derzeit um sich greift wie ein Virus, verweigert logische Erklärungen und überlässt vieles der Interpretation der Zuschauer. Zweifelsohne ein fordernder, interessanter Film mit Nachwirkung.

Rating: 66/100

  • „Pelikanblut“: 20:00, Filmcasino

Bisheriges Highlight des Slash-Programms: Fordernd, unbequem, provokativ und am Schluss doch überraschend versöhnlich. Die alleinstehende Wiebke, beseelt vom Weltverbesserungssyndrom, adoptiert die fünfjährige Raya aus einem Waisenheim im Ausland. Doch was mit ihrer ersten Adoptivtochter Niki wunderbar funktioniert, klappt mit Raya gar nicht: Die Kleine, deren Verhalten nicht anders als psychopathisch zu bezeichnen ist, stellt die Mutter und ihr Umfeld auf eine harte Probe. Hilfsangebote und Warnungen von Bekannten und ihrem Verehrer schlägt Wiebke aus und verrennt sich immer mehr in ihre Überzeugung, dem offenbar schwer traumatisierten Kind helfen zu müssen.

Regisseurin Katrin Gebbe bricht in „Pelikanblut“ gleich mit mehreren Tabus: Sie pervertiert und hinterfragt des weit verbreitete Bild des „heiligen, unschuldigen Kindes“ und der „braven, schuldlosen Frau“ (die kleine Raya vergeht sich sexuell an einem gleichaltrigen Jungen!), und stellt diesen ganzen Verstörungen das Ideal bedingungsloser, aufopfernder Liebe als Hoffnung und Heilung gegenüber, die die schlimmsten Dämonen vertreiben (können) soll. Herausragend ist dabei vor allem das Spiel der Jungdarstellerin Katerina Lipovska als Raya: Beängstigend.

Rating: 83/100

Tag 6: 22.9.

  • „Schlaf“: 18:00, Metro

Dramatische Traumaaufarbeitung via Traumdeutung: Als Mutter Marlenes (Sandra Hüller) Gedankenwelt immer düsterer wird, bis sie in eine Schockstarre verfällt, beginnt Tochter Mona im deutsch-deutschen Urlaubsdomizil zu ermitteln, wo die Tragödie ihre Ende (und ihren Anfang?) nahm. Provinzpatron Otto (sehr böse: August Schmölzer) gibt sich zuerst noch hilfsbereit, doch als Mona schrittweise das Geheimnis hinter dem Trauma ihrer Mutter – und damit das Trauma des Ortes – zu lüften beginnt, schlägt die Stimmung um: Purer Horror. Regisseur Michael Venus inszeniert die Reise in seelische Abgründe als Inception-esken Alptraum-Trip. Trotz interessanter Auslangslage verliert „Schlaf“ ab der Hälfte etwas an Spannung und Substanz, offenbart einige Längen und Leerläufe und bleibt am Ende doch etwas zu gewöhnlich, um länger im Gedächtnis zu verhaften. Dennoch: Ein solides Genrestück, das eine neue Richtung des deutschen Kinos offenbart.

Rating: 58/100

  • „Come True“: 20:30, Filmcasino

Die 18-jährige Sarah will von zuhause ausreißen und kann nicht schlafen: Was bietet sich da besser an als eine Schlafstudie, wo sie fürs Schnarchen bezahlt wird? Bei der Einführung in die Studienmodalitäten kommen ihr erste Zweifel, doch ein dubioser Schlafplatz ist besser als keiner. Als sich im Lauf der Zeit die Alpträume, die sich an sich auflösen sollen, steigern und intensivieren, ergründet Sarah die Hintergründe der Studie, bei der es vor allem um eines geht: Träume und damit das Unbewusste sichtbar und wahr zu machen. Anthony Scott Burns gelingt mit „Come True“ ein gehaltvoller, (atmophärisch und inhaltlich) dichter SciFi-Thriller, der sich mit seiner Laufzeit stetig steigert und einen am Ende lange ratlos und/oder ergriffen zurücklässt. Der einnehmende Sog des Films wird verstärkt vom tollen Soundtrack, auch visuell überzeugt das Werk: Einer der stärksten, wenn nicht der stärkste Film des Festivals bisher, der mit der Zeit und in der Erinnerung sogar weiterwächst.

Rating: 86/100

Teil 2 (Tage 7-11) lassen sich HIER nachlesen!

Bilder: (c) Slash Festival