Ein Gespräch aus dem Jahr 1974, aufgezeichnet auf Tonband, dann verloren, 47 Jahre später als Transkript wiederentdeckt – aus diesem unwahrscheinlichen Ausgangsmaterial formt Ira Sachs mit „Peter Hujar’s Day“ ein formal ruhiges und gleichzeitig auch mutiges Werk. Der Film verwandelt 76 Minuten banaler Alltagserzählung in etwas, das zwischen Dokumentation, Experiment und Spielfilm oszilliert.

von Pascal Ehrlich

Am 19. Dezember 1974 trifft sich der Fotograf Peter Hujar mit der Schriftstellerin Linda Rosenkrantz in ihrer Upper East Side Wohnung, um ihr minutiös seinen Vortag zu schildern: Zigaretten für 56 Cent gekauft, Allen Ginsberg für die New York Times fotografiert, chinesisches Essen für 7,43 Dollar bestellt, spätabends den Sexarbeiterinnen auf der Second Avenue gelauscht. Sachs inszeniert dieses Gespräch mit Ben Whishaw und Rebecca Hall nicht nur als statisches Kammerspiel, sondern als visuellen Bewegungsfluss durch verschiedene räumliche Konstellationen innerhalb eines einzigen Apartments. Die Figuren wandern mid-sentence vom Bett zum Balkon, von der Küche aufs Dach, während Kameramann Alex Ashe auf 16mm-Film die Lichtveränderungen eines Tages einfängt – Kerzen, die herunterbrennen, Zigaretten, die kürzer werden, die goldene Stunde, die durch die Fenster strömt.

„Peter Hujar’s Day“ verweigert sich einer konventionellen Dramaturgie. Es gibt keinen Konflikt, keinen Höhepunkt, keine Auflösung. Nur die Textur des nacherzählten Alltags, eingefangen in einem Gespräch zwischen Freunden. Sachs, der das Transkript fast vollständig wortgetreu verwendet, schafft durch seine formale Strenge paradoxerweise große emotionale Intensität. Die bewusst gekratzte 16mm-Ästhetik, das quadratische Format, die langsamen Zooms und Fokusverschiebungen – all das verweist auf Hujars eigene fotografische Praxis, ohne jemals seine tatsächlichen Fotografien zu zeigen. Whishaw verkörpert Hujars nervöse Energie mit einer Präzision, die zu seinen besten Darstellungen gehört. Hall fungiert als aufmerksame Zuhörerin, deren Reaktionen dem Monolog Halt geben.

Sachs durchbricht die Illusion bewusst mit Brecht’schen Elementen: Der Film beginnt mit einer sichtbaren Klappe und Sachs‘ eigenem „Action!“-Ruf, gelegentlich erscheinen Tonangeln am Bildrand, und Mozarts Requiem in d-Moll donnert über Szenenwechsel; Entscheidungen, die dem alltäglichen Gespräch einerseits die Immersion nehmen und paradoxerweise den Film gleichzeitig mit Emotionalität aufladen. Diese Strategien verorten Sachs‘ Werk im Territorium zwischen biografischem Drama, dokumentarischer Nachstellung und Experimentalfilm.

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„Peter Hujar’s Day“ dient auch als Zeitkapsel des bohemischen Downtown, ohne auf eine verklärte nostalgische Ästhetik zurückzugreifen. Hujars Erzählung vom 18. Dezember 1974 beschwört eine verlorene Welt herauf: Das East Village war heruntergekommen, kriminell, aber kreativ explosiv. Künstler konnten mit wenig Geld überleben. Die Gemeinschaft war weniger bourgeois, stärker vernetzt als heutige virtuelle Beziehungen. Namen wie Susan Sontag, Fran Lebowitz, Candy Darling und William S. Burroughs fallen beiläufig.

Fazit

„Peter Hujar’s Day“ stellt letztlich die Frage, was ein dokumentationswürdiges Leben ausmacht. Die Antwort ist radikal in ihrer Bescheidenheit: alles und nichts. Hujars 18. Dezember 1974 enthielt keine dramatischen Ereignisse – nur Nickerchen, Telefonate, Fotoaufträge, chinesisches Essen, die nächtlichen Geräusche der Stadt. Doch in seiner akribischen Nacherzählung, gefiltert durch Sachs‘ prismatische filmische Behandlung, werden diese banalen Details zu etwas Bedeutendem; Etwas das noch lange nachhallt, ohne dass man es genau benennen könnte.

Ob man „Peter Hujar’s Day“ als Meisterwerk oder Geduldsprobe empfindet, scheint fast nebensächlich – er stellt eine andere Frage: Kann Kino bzw. Film uns die Textur der Existenz spüren lassen, das Wunder der Aufmerksamkeit, die Transzendenz, die im bloßen Lebendigsein und Wahrnehmen liegt? Für Hujar, für Sachs, für uns bleibt die Antwort dieselbe: Ein Tag ist nur ein Tag, bis sich jemand die Mühe macht, wirklich hinzuschauen.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

„Peter Hujar’s Day“ wurde beim IFFMH (Internationales Film Festival Mannheim Heidelberg) gesehen und läuft außerdem seit 6.11.2025 in den deutschen Kinos.

Bilder: (c) Salzgeber Filmverleih