Am Sonntag endete sie also, die 70. Berlinale, die erste unter neuer Leitung, nachdem Samstag Abend die Preise vergeben worden waren. Vielfach war in der Presse die Rede von einem „Übergangsfestival“ zwischen der langen Ära Kosslick und dem neuen Führungsduo Chatrian/Rissenbeek, das insgesamt ein gutes Zeugnis ausgestellt bekam, wenngleich da und dort die (vermeintliche) Absenz von „Glanz und Glamour“ bemangelt wurde.

von Christian Klosz

Nun kann man die Frage stellen, ob ein seriöses Filmfestival unbedingt Glanz und Glamour braucht, oder ob es nicht genügt, den anwesenden Stars auf Augenhöhe zu begegnen, als Künstler, die hier – wie alle anderen auch – ihre neuen Werke präsentieren und diskutieren wollen. Denn diesem Anspruch wurde das Festival allemal gerecht, und die Liste bekannter Namen, die auch ein weniger Festival-affines Publikum zur Berlinale locken können, war tatsächlich beachtlich: Johnny Depp, Helen Mirren, Jeremy Irons, Salma Hayek, Javier Bardem, Willem Dafoe, Sigourney Weaver, Cate Blanchett, aber auch Hillary Clinton, um nur einige der A-Class-Stars zu nennen, die in Berlin vor Ort waren und sich bei ihren jeweiligen Pressekonferenzen durchwegs auskunftsfreudig zeigten.

Was die künstlerisch-filmische Seite betrifft, war das Angebot qualitativ hochwertig und anspruchsvoll wie überraschend breit gefächert: Von neuen Werken weltweit etablierter Filmautoren (Abel Ferrara, Christian Petzold, Sally Potter, Hong Sang-soo) über neue Entdeckungen von jungen Filmemachern (Kitty Greens „The Assistant“, Bill & Turner Ross‘ „Bloody nose, empty pockets“), von interessanten Entwürfen eines „neuen“ US-Kinos („First Cow“) über charmante Comedy-Experimente („Delete History“) bis hin zu fordernden und kompromisslosen Arbeiten, die die Möglichkeiten des Mediums Film neu ausloten („Malmkrog“, „DAU. Natasha“). Sogar vorzügliche Genre-Kost („Time to hunt“) fand man, prominent platziert in der neu geschaffenen Special Gala-Schiene, und eine herausragende Retrospektive zu US-Regisseur King Vidor rundete das Programm ab: Hier konnten unterschiedliche Entwürfe von Kino und Gesellschaft gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

Der Kritiker-Mainstream fokussierte sich auf und feierte vor Allem einen (vermeintlichen) neuen Facettenreichtum durch die Hervorstellung „weiblicher Positionen“ im Kino und eine (so wahrgenommene) Positionierung bezüglich „Geschlechterpolitik“. Auch diesem Anspruch wurde entsprochen, obwohl die wahre Vielfalt des Festivals tatsächlich in der Polyphonie der unterschiedlichen Stimmen lag: Da konnte der kritisch-konservative neue Film von Cristi Puiu neben einem Comedy-Entwurf stehen, der offen mit dem neuen Gilets jaunes-Prekariat sympathisiert („Delete History“), während „Time to hunt“ klassisches „Männerkino“ in bester US-Action-Tradition der 70-er und 80-er repräsentiert. Dieser beinahe unmögliche Spagat ist gelungen.

Insgesamt machte die Berlinale 2020 den Eindruck eines „Arbeitsfestivals“, das zum Sehen, Staunen, Entdecken, Denken und Diskutieren einlud, und weniger auf Starrummel setzte. Einzig ausbaufähig ist die Präsentation der Gala: Die Preisvergabe wirkte etwas dilettantisch, der neue Moderator Samuel Finzi auf verlorenem Posten, die wenigen Gags versandeten spätestens in der Simultanübersetzung. Hier sollte man womöglich wieder ein bekannteres Gesicht engagieren, und sich entscheiden, ob man eine ernsthaft-glamouröse oder eine humorvoll-beschwingte Gala möchte.

Benoit Delepine und Gustave Kervern, die Regisseure von „Delete History“ / (c) Alexander Janetzko / Berlinale

Die Preisvergabe der Jury schließlich setzte die oben erwähnte inhaltliche „Breite“ fort: Cristi Puiu wurde ale bester Regisseur der neu geschaffenen „Encounters“-Sektion prämiert, wärhend „The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)“ als bester Film ausgezeichnet wurde, „Irradies“ gewann als bester Dokumentarfilm, während Kino-Veteran Jürgen Jürges‘ Arbeit als Kameramann in „DAU. Natasha“ als beste künstlerische Leistung prämiert wurde. Über die Darstellerpreise konnten sich Paula Beer („Undine“) und Elio Germano („Hidden Away“) freuen, während Hong Sang-soo bester Regisseur im Wettbewerbsprogramm wurde. Und mit den Hauptpreisen für den besten Film wurden so unterschiedliche Werke wie „Delete History“ (Silberner Bär), „Never Rarealy Sometimes Always“ (großer Preis der Jury) sowie „There is no evil“ von Mohammed Rasoulof (Goldener Bär) bedacht. Einzig der wunderbare Film „First Cow“ von US-Regisseurin Kelly Reichardt ging zu Unrecht komplett leer aus.

Zusammenfassend muss man von einem gelungenen, äußerst vielfältigen und interessanten Filmfestvial sprechen, das nicht unerfolgreich den Versuch unternahm, Brücken zu schlagen zwischen Kunst- und Genrekino, zwischen US- und Weltkino, zwischen alten und neuen Stimmen des und Zugängen zum Kino – also das, woran etwa die Oscars 2020 kläglich gescheitert waren. Man kann mit Zuversicht auf die weiteren Jahre unter der neuen Berlinale-Führung blicken.

weiterlesen: Unser Berlinale-Kritikerspiegel: Über 60 Filme des Festivalprogramms bewertet, u.a. von Gastkritikern der Presse und von Spätvorstellung.

Titelbild: (c) Erik Weiss / Berlinale 2020