Die Liste von Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich auch mal am Regiestuhl versucht haben, ist lang. Mit „Goodbye June“ hat es nun auch Kate Winslet („Titanic“) erwischt, die für dieses Familiendrama hochkarätige Schauspielstars versammelt hat und selbst eine Hauptrolle spielt. Ab dem 24. Dezember 2025 auf Netflix zu sehen, zeugt das Ergebnis jedoch vor allem von Belanglosigkeit.
Kritik von Jonas Schilberg
„Goodbye June“ als Familienweihnachtsfilm
Es ist 16 Tage vor Weihnachten und zu sehen ist jener Typus amerikanische Familie, den Hollywood liebt: Eine Tochter beim Schultheater, die seltsame Schwester, die Homöopathie verfechtet, ein Vater, der den Joghurt beim Einkauf vergisst und der Opa, den die Technik überfordert. Und die Oma? Die liegt im Krankenhaus, nachdem sie neben der Teekanne plötzlich umgekippt ist. Krebs, heißt es. Und schnell schon: Bis Weihnachten schafft sie es wohl nicht mehr. June (Helen Mirren) auf dem Sterbebett wird damit Dreh- und Angelpunkt von „Goodbye June“, wobei sich die gesamte Familie und der Pfleger Angel (Fisayo Akinade) redlich um sie kümmern.
In dieser Familie gibt es, wie soll es anders sein, Zwist. Insbesondere die Schwestern Julia (Kate Winslet) und Molly (Andrea Riseborough) können sich nicht leiden. Sie zanken, von Harmonie keine Spur. Symbolisch verbietet die eine ihrem Sohn das Sandwich der anderen anzunehmen, weil dieses „nicht Bio“ sei. Solche eher ideenlosen Szenen sollen wohl die vielbeschworene gespaltene Gesellschaft auf polarisierte, zerstrittene Familien übertragen, um im plattitüdenhaften „Weihnachten als Fest der Versöhnung“ herauszukommen.
Helen Mirren in „The Thursday Murder Club“
Die Dialoge überzeugen nicht
Und so vermengt sich der innerfamiliäre Streit mit der sterbenden June, indem es etwa Diskussionen gibt, wo June denn nun hinsoll. Ihr eigenes Haus steht unter Wasser, nachdem ihr Mann Bernie (Timothy Spall) den Wasserhahn nicht zugedreht hat, was etwas konstruiert anmutet. Vergessen wird dabei, dass June gar nicht aus dem Krankenhaus raus will. Diese Erkenntnis sickert sukzessive bei den Schwestern durch, bis zum finalen: „Vielleicht fragen … wir … einfach Mom … was … sie will“.
Solche bedeutungsschwangeren Sätze direkt aus dem Groschenroman werden in „Goodbye June“ ergänzt durch Kalendersprüche des Pflegers á la: „Nichts von alldem ist wichtig!“ (bitterernst gesprochen) oder zusammengekniffenen Gesichtern, die Phrasen mit gepresster Stimme von sich geben.
Untermalt von rührseligem Geklimpere und garniert mit all dem, was der Katalog der Schmonzetten zu bieten hat (Vorlesen, Briefe, Schneeflocken, Karaoke) ergeben sich Kitsch und Klischee. Obwohl doch gerade Kate Winslet, die mit „Titanic“ weltberühmt wurde, wissen sollte, dass im Kitsch grundsätzlich Größeres (wie in Camerons Film: Klassengesellschaft, Untergang usw.) verhandelt werden könnte.

Augenzwinkernde Ansätze werden verschenkt
Und es besteht ja tatsächlich ein gewisses ironisches Potenzial in der Idee, dass sich eine Familie nur dadurch wieder versöhnt, dass jemand im Sterben liegt. Kurz flackert es auf, wenn June in Komplizenschaft des Pflegers vorgibt, jetzt augenblicklich zu entschlafen, nur um alle zusammen zu trommeln – also auch die verfeindeten Schwestern. Doch die Szene verpufft letztlich im gefühligen Briefschreiben. Winslet verfolgt das komische Potenzial ihres Stoffs nicht weiter zugunsten altbekannter Charaktere, die vergeblich versuchen zu rühren.
Dabei schlägt sich der inhaltliche Konservatismus – namentlich die Huldigung der Familie – in „Goodbye June“ auch formalästhetisch nieder. Interessante Bilder gibt es jedenfalls nicht, das Schauspiel ist mittelmäßig, da größtenteils sentimental. Wenn am Ende die gesamte Familie „Silent Night“ singt, löst dies allenfalls Kopfschmerzen aus. Ob dieses abgeschmackte Werk auch ohne seine prominenten Stars Aufmerksamkeit bekommen hätte, ist kaum vorstellbar.
Fazit
Es ist nur folgerichtig, dass dieser Film an Weihnachten erscheint: „Goodbye June“ ist schmalziger als jeder Krapfen und klebriger als jede Zuckerstange. Kate Winslets Regiedebüt ist ein triviales Rühmen der „versöhnenden Familie“ und beweist keine originellen oder tiefsinnigen Gedanken. Wer namhafte Schauspielerinnen sehen möchte, die sich beim gemeinsamen Snickers-Essen wieder vertragen, mag hieran Gefallen finden, mehr sollte man jedoch nicht erwarten.
Bewertung
(33/100)
„Goodbye June“: Ab 24.12.2025 auf Netflix.
Bilder: (c) Netflix

Danke für die Hinweise. Sie haben recht: Die Schwester, auf die ich mich an der entsprechenden Stelle bezog, ist Molly (Andrea Riseborough), nicht Helen. Das ist ein bedauerlicher Fehler meinerseits. Zum Drehbuch: Meine Kritik richtete sich gegen die filmische Gesamtwirkung, für die Winslet als Regisseurin nun mal Verantwortung trägt. Dass Joe Anders‘ Drehbuch dabei nicht explizit genannt wurde, ist ein berechtigter Einwand, obgleich es Winslets Entscheidung bleibt, es (so) zu verfilmen.
Die Kritik mag richtig sein, leistet sich aber Fehler. Die mit Julia (Kate Winslet) verfeindete Schwester ist nicht Helen (Toni Collette), sondern Molly (Andrea Riseborough). Kann passieren. Richtig ärgerlich ist aber, dass der Hauptteil der Kritik dem Drehbuch gilt, der Handlung, den Figuren und den Dialogen. Dafür verantwortlich ist der Drehbuchautor Joe Anders, den Sie trotz der ganzen Aufmerksamkeit, die Sie seinem Werk schenken, nicht einmal erwähnen.