Die Hofer Filmtage gelten seit vielen Jahren als Plattform für den neuen deutschen Film, viele Werke junger Regisseur/innen feierten und feiern hier ihre Premiere und bekommen die Möglichkeit, sich dem interessierten Publikum zu präsentieren. Am Beginn der Corona-Pandemie und heuer zum dritten Mal entschied sich die Leitung für ein hybrides Format aus Präsenz- und Onlinescreenings: Wer ins Kino gehen möchte, kann das in den Festival-Spielstätten tun, wer das nicht möchte oder kann, hat die Möglichkeit, die meisten Filme via Online-VOD von zuhause aus zu sehen. Langfilme kosten 7€ und sind über das Festivalende hinaus und noch bis 6.11. auf der Website zu sehen. Im Folgenden sollen 4 ausgewählte Filme aus dem Festivalprogramm vorgestellt werden.

von Christian Klosz

„Saturn Bowling“ („Bowling Saturne“) von Patricia Mazuy

Zwei Halbbrüder verlieren ihren Vater, der eine, Polizist Guillaume, erbt dessen geliebte Bowlingbahn, der andere, Armand, geht leer aus – doch Guillaume überlässt ihm das Management des Unternehmens. Armand nimmt einige Updates vor, veranstaltet „Ladies Nights“, legt sich aber auch mit alten Freunden des verstorbenen Vaters, Stammgästen vor Ort, an, was zu Spannungen mit Guillaume führt. Dann beginnt er eine Mordserie an jungen Frauen; warum genau wissen wir nicht. Wie es der Zufall will, wird Guillaume damit beauftragt, die bestialischen Morde zu untersuchen, nicht wissend, wer dahinter steckt. Ein Katz- und -Mausspiel und eine Jagd durch menschliche Abgründe und die Vergangenheit beginnt.

„Saturn Bowling“ ist ein durchaus ansehnlicher und teilweise recht brutaler Film Noir in trostloser Umgebung, in der es wenig Hoffnung und kaum Liebe zu geben scheint. Der Film lebt von akkurater Darstellung, Beobachtung, Inszenierung und trostlosem Realismus, lässt aber psychologische Tiefe und auch Spannung vermissen.

Rating: 67/100

„June Zero“ von Jake Paltrow

„June Zero“ spielt im Israel der frühen 1960er-Jahre, zur Zeit der Inhaftierung, Verurteilung und Hinrichtung Adolf Eichmanns. 3 Männer, ein Gefängniswärter, ein junger libyscher Migrant und ein Holocaust-Überlebender und Anwalt, sind auf die eine oder andere Weise in die Geschichte verstrickt, der Film folgt ihnen und versucht dabei, den Umgang der israelischen Gesellschaft mit einem der Haupttäter der NS-Zeit zu porträtieren. Paltrows Film bleibt dabei aber zu wenig zugänglich, verirrt sich manchmal in technisch-stilistischen Details und schafft es kaum, eine Verbindung zwischen dem Publikum und dem doch sehr emotionalen Inhalt herzustellen.

Rating: 44/100

„Letzte Runde“ von Elizaveta Snagovskaia

„Letzte Runde“ begleitet (halbwegs) „funktionierende“ Alkoholiker/innen in ihrem Alltag und bei ihren Versuchen, einen (gesünderen) Umgang mit ihrer Sucht zu finden, 2 davon in Deutschland, 2 in Russland, 2 Männer, 2 Frauen. Aussagen ist zu entnehmen, dass der Film vermutlich 2021 gedreht wurde, also im 2. Pandemiejahr, dessen Auswirkungen sich zunehmend auch auf einige der Protagonist/innen niederschlagen. Während Lisa selbstständig versucht, mit dem Trinken aufzuhören, um sich anderen Dingen (besser) widmen zu können, geht Thomas den Weg in die Suchtklinik. Boris versucht es mit Beschränkung des Konsums, während Jenya, die bereits ihre Heroinsucht besiegt hat, in erster Linie an ihre Kinder denkt. Allen ist gemein, dass sich ihr Alkoholkonsum an der Grenze zwischen problematisch und pathologisch bewegt, weshalb es keine „einfachen“ Lösungen und Entscheidungen gibt.

Regisseurin Elizaveta Snagovskaia, die selbst einige Kurzauftritte im Film hat, liefert ein zugängliches und auch sympathisches Porträt von 4 Menschen, die einerseits mitten im Leben stehen, andererseits mit Problemen und ungesunden coping-Strategien zu kämpfen haben. „Letzte Runde“ be- und verurteilt nicht, sondern beobachtet und legt nahe, dass es für individuelle Problemstellungen nur individuelle Antworten und Lösungen geben kann und es keine Schablonen für den „richtigen“ Umgang mit Alkohol oder anderen Suchtmitteln gibt. Erhellend und sehenswert.

Rating: 83/100

„Bis es mich gibt“ von Sabine Koder

Ricky ist Sänger, Künstler, Alleinunterhalter – und auf der Suche nach seiner eigenen Existenz. Trotz großer Ambition hat er es bisher nicht über das Kaff Schrofhausen hinausgeschafft. Seine Schwester und Managerin Tanja meint, das muss sich ändern, und bucht eine „Tournee“ mit Ricky durch bayrische Dörfer, inklusive Auftritten in Baumärkten oder Gasthäusern. Ricky merkt, dass das nicht das Richtige für ihn ist, und versucht den Ausbruch, was im Desaster endet. Schließlich steht die Konfrontation mit der Ursache dieser toxischen Familienaufstellung, der totgeglaubten Mutter, früher selbst „TV-Star“, an.

„Bis es mich gibt“ ist ein technisch nicht immer erstklassiges, aber dramaturgisch und psychologisch interessantes Porträt einer dysfunktionalen Familie, deren nicht verarbeitete Traumata auch die Gegenwart prägen. Das ist tragikkomisch und amüsant, aber auch traurig und berührend: Jedenfalls ein gelungener Zweitfilm, wenngleich das Sujet zugegebenermaßen recht speziell und wenig massentauglich ist.

Rating: 71/100

Bis es mich gibt Film
© ELFENHOLZ FILM

Titelbild: Thomas Neumann – Tom-Hof, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons