Im Englischen hat der Ausdruck „Rip“ mehrere Bedeutungen. Eine Art, ihn zu nutzen – und das ist auch die Version, die auf den Film „The Rip“ zutrifft, der seit 16.1. auf Netflix zu sehen ist -, bezieht sich auf illegale Geld- und Drogenverstecke, die entweder von rivalisierenden kriminellen Banden ausgehoben werden. Oder aber von korrupten Einheiten der Polizei, die sich so eine Gehaltsaufbesserung versprechen.
Der neue Film von Joe Carnahan (Regie und Drehbuch, „Cop Shop“) greift diese Idee illegaler Verstecke auf und erzählt die Geschichte eine Spezialeinheit der Polizei von Miami, die mit der Aushebung eines solchen Ortes betraut wird. In den Hauptrollen sind Matt Damon und Ben Affleck zu sehen.
Kritik von Richard Potrykus
Anführer der Einheit ist Lt. Dane Dumar (Matt Damon, „Oppenheimer“). Zusammen mit Det. Sgt. JD Byrne (Ben Affleck, „Air“), zu dem er auch ein freundschaftliches Verhältnis pflegt und weiteren Kolleg*innen begibt sich Dumar zu einem unscheinbaren Haus in einer vermeintlich unscheinbaren Vorstadtsiedlung. Dort sollen 300.000 US-Dollars versteckt sein. Das Haus ist menschenleer, abgesehen von Desiree (Sasha Calle, „The Flash“), die behauptet, dort zu wohnen.
Stringenz und doch viele Rätsel: Das ist „The Rip“ auf Netflix
Die Suche nach dem Geld dauert nicht lange, doch als sich herausstellt, dass es sich bei der Beute nicht um 300.000, sondern um 20 Millionen US-Dollars handelt, ändern sich bald die Vorzeichen und ergeben sich gänzlich andere Dynamiken. Neben der ungleich höheren Gefahr steht nun auch die Frage des eigenen Schicksals im Raum. Zudem lastet ein schwerer Verlust auf der Einheit, denn kurz zuvor war Cpt. Jackie Velez (Lina Esco), eine enge Vertraute und zudem Lebensgefährtin von Byrne, ermordet worden und die Mörder sind noch immer auf freiem Fuß.
„The Rip“ ist ein durchaus interessanter Film. Einerseits erzählt er seine Geschichte geradlinig, lässt klar erkennen, wann er vom ersten Akt in den zweiten übermittelt und wann der dritte Akt das Finale einleitet, andererseits spielt er mit allerhand falscher Fährten und lässt das Publikum lange Zeit im Ungewissen über die wahren Motive beinahe aller Figuren. Natürlich darf auch die Feindschaft zwischen Polizei und FBI nicht fehlen und so gibt es Spannungen an allen Fronten. Über einen beachtlichen Zeitraum bleibt „The Rip“ trotz allem sehr ruhig.
Die Ungewissheit über die wahren Verhältnisse ist eine Last, die nicht alleine beim Publikum liegt. Auch die Figuren wissen nicht, wer sich wie zur Situation verhält und wie persönliche Motive eine Veränderung im moralischen Gefüge erwirken können. Und so wagt sich auch der Film nicht unbedacht nach vorne, folgt den Figuren mal in die eine, mal in die andere Richtung und geht selbst nie eigene Wege, um die Situation allwissend zu überblicken.
Das Spiel mit Licht und Schatten
Für die Kamera verantwortlich ist Juanmi Azpiroz, der schon früher mit Carnahan zusammengearbeitet hatte. Und er schafft ein paar beachtliche Bilder in den 113 Minuten Laufzeit: Azpiroz beweist ein gutes Auge in der Art, wie er Kamera und auch Licht einsetzt. Gerade die Szene in einem Transporter, in dem so manche Karte auf den sprichwörtlichen Tisch kommt, zeichnet sich durch eine atemberaubende Lichtsetzung aus, die aus dem Moment so viel mehr macht als bloßes Farbe bekennen dieser oder jener Figur.
In diesem Sinne gehört da auch Kevin Hale genannt, der die Bilder im Schnitt gekonnt so arrangiert, dass alles wie aus einem Guss wirkt, obwohl es ständig kleinere und größere Wechsel zwischen verschiedenen Orten gibt. Und so sind die Zuschauer*innen nicht nur Zeugen aller wesentlichen Entwicklungen. Die Kamera verweilt immer wieder länger an Ort und Stelle und dokumentiert die Momente, in denen die Figuren überlegen, was sie wohl anstellten, wären sie im Besitz des ohnehin illegal lagernden Geldes.

Jeder verdient eine zweite Chance
Carnahan, Azpiroz und Hale hatten bereits bei „Shadow Force“ (Kritik) zusammengearbeitet und es hat den Anschein, als hätten sie – allen voran Carnahan – aus dem Film gelernt. Jener Actionstreifen war zu keiner Zeit inhaltlich fordernd gewesen und hatte das Publikum – wenn überhaupt – allein durch seine Schauwerte bei Laune gehalten.
„The Rip“ ist da anders angelegt. Hier bemühen sich die Filmemacher, stets nur so viele Details an das Publikum weiterzugeben, dass die Zuschauer*innen nicht vor der Zeit auf des Rätsels Lösung kommen und so noch ein paar Aha-Momente genießen können, wenn in „Ocean’s Eleven“ Manier alle Unklarheiten beseitigt werden.
Zwar ist es schade, dass sich am Ende alles genau so fügt, wie so manche es wahrscheinlich vorhersehen dürften, wodurch der Film gerade in der Rückschau einiges an Komplexität einbüßt und so manchen roten Hering plump erscheinen lässt. Aber für eine einmalige Sichtung taugt „The Rip“ allemal und dürfte so manchen Action-Aficionados einiges an Vergnügen bereiten.
Ben Affleck in „The Accountant 2“ | Kritik
Fazit
„The Rip“ ist eine spannender Polizeithriller, der nicht zuletzt durch seinen Cast überzeugen kann. Neben den bereits genannten Schauspieler*innen sind noch Kyle Chandler, Steven Yeun und Scott Adkins am Start und allesamt machen sie ihre Arbeit anständig. Affleck und Damon bilden sowieso ein astreines Gespann und so ist der Film alles in allem eine runde Angelegenheit, die genau die Erwartungen erfüllt, die man an sie stellt. Besonderes Gewicht erhält die Erzählung übrigens dadurch, dass es 2016 einen echten Fall gegeben hatte, bei dem eine Polizeieinheit ein Versteck aushob, in dem 24 Millionen US-Dollar sichergestellt werden konnten.
Bewertung
(73/100)
„The Rip“ – seit 16.1.2026 auf Netflix.
Weitere Infos und Bewertungen: IMDb | Rotten Tomatoes
Bilder: (c) Netflix
