„Life is very, very complicated, and so films should be allowed to be, too“, meinte David Lynch einmal in einem Interview. Und ja, bei vielen Filmen dieses Regisseurs, der einmal sagte, Franz Kafka könnte sein Bruder sein, rauchen die Köpfe irgendwann. Nur ist es ihm ebenfalls gelungen, gleichermaßen in Habilitationsschriften wie in der Popkultur aufzutauchen, was mindestens bemerkenswert ist.

von Jonas Schilberg

Vor etwa einem Jahr verstorben, kehrt am 3. Februar 2026 Lynchs berüchtigter Psychothriller „Lost Highway“ im Rahmen der Best-of-Cinema-Reihe zurück auf die große Leinwand. Er legt einmal mehr Zeugnis seines Ausnahmetalentes ab, ist dabei so enigmatisch wie virtuos. Der Versuch einer Annäherung / Erklärung.

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„Lost Highway“ mit vertrackter Handlung

Worum es hier geht, kann wohl niemand so einfach beantworten. Aber was geschieht auf der Oberfläche? Zunächst erhalten der Saxophonist Fred Madison (Bill Pullman) und seine Frau Renée (Patricia Arquette) mysteriöse Videobänder, die beide in ihrem Haus zeigen. Auf einer Party trifft Fred einen seltsamen Mann, den Mystery Man (Robert Blake), der behauptet, in seinem Haus zu sein und dies tatsächlich ist. Später wird Renée umgebracht, und Fred des Mordes an ihr verhaftet, sich aber an nichts erinnernd. Im Gefängnis bekommt er immer stärkere Kopfschmerzen, bis er sich schließlich in Pete Dayton verwandelt, einen jungen Automechaniker.

Pete (Balthazar Getty) ist athletischer, sozial erfolgreich und verliebt sich in Mr. Eddys Freundin Alice (Patricia Arquette). Doch Mr. Eddy (Robert Loggia), ein Gangsterboss, macht Pete klar, dass er niemandem Übleres antun würde als jemandem, der Alice verführt. Pete und Alice planen also, den Pornoproduzenten Andy (Michael Massee) auszurauben, um vor Mr. Eddy zu fliehen. Doch dieser ist schon auf der Suche.

Mord und Verdrängung

Ermordet Fred seine Frau? Er kann sich später jedenfalls nicht mehr daran erinnern. Wir Zuschauer sehen den Mord bzw. das Blut zwar verschwommen, aber eher in einer albtraumhaften Sequenz. Was wir dadurch inhalieren, ist Freds eigene Verdrängung. Sagt er noch kurz zuvor, er würde sich an Dinge lieber so erinnern „wie ich mich daran erinnere; nicht unbedingt, wie es passiert ist“, sehen wir genau diese subjektivistische Form von Realitätskonstruktion nun in Aktion.

Die Lesart ist naheliegend, dass Fred seine Frau umgebracht hat, immerhin urteilt das Gericht dementsprechend. Doch er und sein Unbewusstsein sind sich der Schwere dieser Tat bewusst. Also vernebelt, verdrängt er sie, um sich ihr auch innerlich nicht stellen zu müssen. Dabei wendet er diese Strategie explizit nicht als eine Verteidigungsstrategie vor Gericht oder der Polizei an – mit solchen Szenen verschont uns Lynch ganz generell, so auch in „Lost Highway“. Er verteidigt sich damit vorrangig vor sich selbst, dem eigenen Gewissen und internalisiert dadurch die Verdrehung der Wirklichkeit, um überhaupt einen Umgang finden zu können.

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Die „psychogene Fuge“: Flucht durch Selbstauflösung

Lynchs Affinität zur Psychoanalyse wird hier überdeutlich sichtbar. Und überhaupt das Thema der Selbstverleugnung, das „mit den eigenen Taten umgehen können“: Was passiert denn eigentlich in jener Dissoziation, die aus Fred Pete macht? Hier findet die Übersteigerung von Freds Verbiegung der Wirklichkeit statt. Fred entwickelt jene psychogene Fuge, wie es fachsprachlich heißt, um vor den Konsequenzen seiner Tat zu flüchten. Wenn er nicht mehr Fred ist, dann ist er auch nicht mehr derjenige, der Renée ermordet hat. Nicht mehr derjenige, auf den der elektrische Stuhl wartet.

An dieser Stelle lässt sich ein Vergleich mit Hitchcocks Klassiker „Psycho“ ziehen. Dort ist es Norman Bates, der sich in die Mutterfigur aufspalten muss, um triebgesteuerte Morde ausführen zu können, ohne selbst, als Norman Bates, daran zu zerbrechen. In „Lost Highway“ ist es noch radikaler: Fred verkleidet sich nicht einfach nur temporär als Pete, seine komplette Identität löst sich auf. Er ist unwiderruflich vom Wege abgekommen, und so ist der einzige Ausweg die ultimative Identitätsauslöschung.

Die drei großen Themen in „Lost Highway“ sind Eifersucht, Impotenz und Verunsicherung. Und gewissermaßen ist jene (Selbst-)Verunsicherung das Fundament, auf dem alles steht. Sie gipfelt zwar in der Dissoziation und dem Mord, doch beginnt sie tatsächlich schon ganz zu Beginn. Die Videokassetten, die das Haus von Fred und Renée zeigen, lösen pure Beunruhigung aus. Es ist die Paranoia, die der Zuschauer fast den gesamten Film über empfindet (mitunter dem großartigen Sounddesign geschuldet). Denn das Eigenheim ist der letzte Rückzugsort, ist die Metapher der eigenen, privaten Seele schlechthin. Fred ist auch deshalb so schockiert darüber, weil es ist, als sei in sein Innenleben eingebrochen worden, als hätte er die letzte Kontrolle verloren. Und dieser Kontrollverlust überführt zum Thema der Impotenz.

lost highway pullman
Bill Pullman in „Lost Highway“

Phallussymbole und Kontrollverlust

Fred versagt beim Geschlechtsakt, schwächelt kläglich, während er sich sorgt, dass sich Renée einem anderen Liebhaber zuwendet (Thema der Eifersucht). Quasi ausgleichend spielt er das Saxophon, also ein klassisches Phallussymbol, doch seine Potenz leidet zugunsten jener Renées. Sie nämlich tritt durchaus dominant auf, als furchteinflößende Machtfigur, nicht nur, wenn die Kamera gezielt ihre Lippen oder Augen in Großaufnahmen zeigt. Nur wenn Fred träumt, kann sie die Ängstliche sein, eigentlich aber ist er ihr unterworfen, nicht umgekehrt. Und so ist jener Potenzverlust und die resultierende Verunsicherung neben der latenten Eifersucht ein Mordmotiv Freds bzw. seines Unbewussten. Aber auch im zweiten Teil, der Welt von Pete, spielt Potenz eine zentrale Rolle.

In Gestalt Petes ist das Potenzproblem augenscheinlich endlich verschwunden. Einer der Polizisten, die ihn observieren, bemerkt spitz, Pete sehe vermutlich andauernd nackte Frauenkörper. Und doch trügt der Schein. Als Fred galt seine Eifersucht Andy. Kontrollierend beschlich ihn die Angst, dieser könne eine Affäre mit seiner Frau haben. Aber in Petes Welt wird die Ménage à trois keineswegs aufgelöst, höchstens verrückt sie sich. Denn jetzt konkurriert er mit Mr. Eddy um eine Frau, die nicht zufällig von derselben Schauspielerin verkörpert wird wie Renée: Alice.

Und Alice gefällt sich in der Rolle einer Femme Fatale, die somit abermals eine Machtposition einnimmt, die Fred/Pete eigentlich für sich erstrebt. Allerdings löst sie als Verführerin, die ihm noch nicht „gehört“, Begehren statt Vernichtungswunsch aus. Mr. Eddy posiert nicht grundlos mit auffällig großen Knarren. Diese Waffen sind zweifelsfrei ebenso als Phallussymbol zu lesen – und Pete, der über keine Pistole verfügt, wird unter Druck gesetzt. Als gegen Ende Alice eine Knarre in den Händen hält, drehen sich die Vorzeichen endgültig um: Freds dissoziativer Ausbruch war erfolglos – er flüchtete nur von der einen Hölle in die nächste Hölle. Keines der Probleme, das Fred belastete, bleibt Pete erspart, weder die Eifersucht noch das Problem der Potenz und perpetuierenden Verunsicherung. Selbst die Beschattung endet nicht – nun nicht mehr verwirklicht durch ominöse Videokassetten, sondern Polizisten, aber auch Ungeziefer, das Pete angewidert entdeckt.

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Highway to Hell

Das augenscheinlich Private ist nicht privat, das augenscheinlich Traumhafte albtraumhaft, so lehrt uns „Lost Highway“. Wir sehen keine zwei Gegenwelten, sondern ein geteiltes Inferno, dessen Konstante die eigenartige, mephistophelische Figur des Mystery Man ist. Und dieser ist bewusst kreidebleich, mit eingefurchtem Gesicht und unmenschlicher Stimme. Bestärkt wird das Argument durch die dramaturgische Kreisstruktur: Das letzte Bild ist auch das erste Bild – ein verlassener, dunkler Highway, wir rasend in die Nacht, ohne Möglichkeit zur Abzweigung. Wir müssen diese Straße, dieses Leben voller Zwänge, abfahren. Vom Wege abzukommen, ist offenkundig kein Ausweg.

Letztlich erscheint es nicht unplausibel, dass der gesamte Abschnitt nach Freds Kopfschmerzen ein langer Traum, Pete lediglich imaginiert ist. Denn in einer bedeutsamen finalen Szene zuckt Pete wild fuchtelnd, als wolle er sich zurückverwandeln oder erneut auflösen. Diese Zuckungen erinnern unverkennbar an genau jenen elektrischen Stuhl, auf den Fred verurteilt wurde. Und wenn wir die Form betrachten, sind die zahlreichen Abblenden, Überblenden, Aufblenden einprägsam wie auffällig: Wirkt dies nicht wie eine Person, die gerade träumt, ab und an die Wimpern schließt, öffnet, Traumsequenzen entstehen lässt und ordnet?

Fazit

Schwarze Telefone, rote Vorhänge, rätselhafte Frauenfiguren, vor allem aber zahlreiche psychoanalytische Deutungsmöglichkeiten lassen erkennen, dass „Lost Highway“ David Lynch pur ist. Die hypnotische Trance, die sich folglich beim Zuschauer entfacht, wird ergänzt durch einen wunderbar atmosphärischen Soundtrack – Lynch trug zur US-amerikanischen Bekanntheit Rammsteins bei –, diffus-schöne Bilder und genügend Stoff für weitere Interpretationsansätze … und individuelle Albträume.

(Rating: 93/100)

„Lost Highway“ ist im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe am 3.2.2026 in ausgewählten Kinos als Wiederaufführung zu sehen. Außerdem kann man den Lynch-Klassiker als VOD (ab 2.99€) online oder auf Disc erwerben.

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Weitere Filmanalysen

Titelbild: Ausschnitt Filmposter – Quelle – https://www.filmposter-archiv.de/filmplakat.php?id=7958 / fair use gemeinfrei

Textbild: Ausschnitt Filmposter – Quelle https://www.filmposter-archiv.de/filmplakat.php?id=11692 / fair use gemeinfrei